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  • Bayern München und Katar

Abend des Aufstands

Die denkwürdige Jahreshauptversammlung zeigt, dass der FC Bayern München die Wucht der Katar-Debatte unterschätzt hat

  • Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 5 Min.

Viele bemerkenswerte Szenen hatte die Jahreshauptversammlung des FC Bayern schon hervorgebracht, doch drei besonders denkwürdige Momente spielten sich erst am frühen Freitagmorgen ab, kurz nach Mitternacht. Es waren Szenen, die dieser Verein in seiner 121-jährigen Geschichte noch nicht erlebt hatte. Ehrenpräsident Uli Hoeneß, der sich einst mit den Mitgliedern auf den oft folkloristischen Zusammenkünften schon heftig gezofft hatte, ließ später den Satz fallen: »Das war die schlimmste Veranstaltung, die ich je beim FC Bayern erlebt habe.« Es war in jedem Fall ein turbulenter und politisch aufgeladener Abend, der mindestens so sehr nachwirken wird wie die Debatte um den bisherigen Impfverzicht einiger Münchner Profis, darunter des Nationalspielers - und nun doch Corona-Infizierten - Joshua Kimmich. Dieses Thema hatte den Verein zuletzt sehr beschäftigt und aufgewühlt. Nun rückte es in den Hintergrund.

Zu jenen besonderen Momenten zählte vor allem, als Präsident Herbert Hainer den Konvent zu beschließen begann, obwohl noch nicht alle Wortmeldungen gehört worden waren. Darunter auch eine von Michael Ott, der mit Anträgen gegen die Geschäftsbeziehungen nach Katar opponiert hatte. Hainer wurde in diesem Moment so laut ausgebuht und niedergebrüllt, dass er die Veranstaltung nicht mehr ordnungsgemäß beenden konnte. Seine Kollegen aus der Führung des FC Bayern, darunter Oliver Kahn bei seiner ersten Versammlung als Vorstandsvorsitzender, stiegen im Chaos vom Podium. Viele Mitglieder riefen: »Hainer raus!« und auch: »Vorstand raus«, gefolgt von: »Wir sind Bayern, und ihr nicht.« Hainer packte allein gelassen zusammen und wirkte konsterniert.

Der zweite denkwürdige Moment schloss sich daran an. Hoeneß, Hainers Vorgänger als Präsident und Aufsichtsratsvorsitzender, ging in den Tumulten spontan zum Rednerpult. Ob er schimpfen oder schlichten wollte, blieb offen, weil er die Bühne rasch wieder verließ, als viele Mitglieder sangen: »Wir sind die Fans, die ihr nicht wollt.« Schließlich fügte sich in den Abend des Aufstands jener dritte denkwürdige Moment, als ein Mitglied spontan auf einen Stuhl stieg und seine nicht mehr angehörte Wortmeldung zum Rassismusskandal am Nachwuchs-Campus von 2020 vortrug. Viele lauschten und spendeten ihm Beifall. Es war, als veranstalteten die Mitglieder nun ihre eigene Versammlung.

Es hatte etwas von einer Revolte gegen ihren eigenen Klub, von dem ein Großteil der 780 anwesenden Mitglieder offensichtlich tief enttäuscht ist. Doch es war kein tumber Mob, der sich da mit kruden Forderungen erhob. Es waren wütende Mitglieder, die sich in der Debatte um das umstrittene Sponsoring durch Qatar Airways vom Verein seit Jahren vertröstet und übergangen fühlen. Hinzu kam, dass der FC Bayern aus ihrer Sicht nun erneut jenen Diskurs verweigerte, von dem Hainer in seiner Rede gesagt hatte, diesen lasse man immer zu. Viele Anwesenden empfanden das Vorgehen des FC Bayern als undemokratisch herablassend. Vor allem, weil ein vor Wochen eingereichter Antrag des Rechtsreferendars Ott nicht zur Abstimmung zugelassen worden war.

Ott wollte erwirken, dass die FC Bayern München AG den 2023 auslaufenden Vertrag mit Qatar Airways nicht verlängert. Doch zur Abstimmung kam es auch deshalb nicht, weil das Präsidium auch Otts Spontanantrag abwies. »Sie können gerne buhen. Ich werde hier nicht zulassen, dass wir über rechtswidrige Anträge abstimmen«, sagte Vizepräsident Dieter Mayer und berief sich auf die nur Stunden zuvor gefällte Entscheidung des Landgerichts München, wonach die Versammlung des Vereins für Sponsoringfragen der AG nicht zuständig sei. Als Mayer rhetorisch fragte, ob die Mitglieder auch über Anteilseigner wie Audi abstimmen wollten, rief eine Frau in Bezug auf Katar: »Das Problem ist, dass ihnen die Menschenrechte scheißegal sind.« Als ein weiteres Mitglied seine Rede mit den Worten eröffnete: »Demokratie geht anders«, erwiderte Mayer: »Hier geht es nicht um Demokratie.« Sondern um juristische Fragen. Die Empörung konnte er so nicht mindern, ganz im Gegenteil.

Es war ein Abend, an dem die pandemiebedingten Einbußen im vergangenen Geschäftsjahr 2020/21 bei Umsatz (643 nach 698 Mio. Euro 2019/20) und Gewinn nach Steuern (1,9 nach 9,8 Mio. Euro 2019/20) wenig Beachtung fanden. Vielmehr war er völlig entgleist und sorgte bei der Vereinsführung für Entsetzen. Sie hatte sich auf die Katar-Debatte zwar vorbereitet, offensichtlich aber deren Wucht unterschätzt. Zu ihrer Verärgerung mussten sie zudem mehrere Abstimmungsniederlagen hinnehmen: Ein Präsidiumsantrag auf Satzungsänderung wurde abgelehnt. Dafür verpflichteten die Mitglieder den Verein dazu, sich nicht nur zu Menschenrechten zu bekennen, sondern diese auch zu beachten. Durchgesetzt hatte die Vereinsführung nur, dass weitere fünf Prozent der Anteile veräußert werden können nach den bisherigen 25 Prozent, die Audi, Adidas und die Allianz halten.

Am Anfang des Abends hatte sich der FC Bayern noch als harmonischer Familienklub präsentiert. Doch früh bekam dieses Bild Risse, und es passte zur missglückten Inszenierung, dass die Trophäen aller Abteilungen zum Soundtrack des Films »Fluch der Karibik« hereingetragen wurden. Trainer Julian Nagelsmann und Leroy Sané als einziger anwesender Profi hörten danach, wie Hainer die Mitglieder umschmeichelte. »Ihr seid die wahren Champions des FC Bayern München«, rief er ihnen zu. Großen Applaus bekam er dennoch nicht.

Es gab noch einen vierten denkwürdigen Moment, und dieser begann damit, dass Gregor Weinreich, lange Vorsitzender des Fandachverbandes »Club Nr. 12«, zu Hainer sagte: »Sie betonen immer wieder, wie wichtig der Dialog ist, aber sie schaffen es nicht einmal, mit den eigenen Mitgliedern und mit Menschenrechtsorganisationen in einen konstruktiven Dialog zu kommen. Dafür streiten jetzt schon Anwaltskanzleien, ob wir hier über Katar reden dürfen.« Er fragte noch, warum man nicht das zweitbeste Sponsoringangebot nach dem von Qatar Airways annehme, damit die »offene Wunde« des Vereins heilen könne. Danach folgte der längste Beifall des Abends. Eine Antwort blieb die Klubführung schuldig.

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