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  • FC Bayern und Katar

FC Bayern braucht eine Exit-Strategie

Münchner Fußballklub hält am Geld aus Katar fest. Dabei könnte sich ein Stretagiewechsel lohnen

  • Von Maik Rosner, München
  • Lesedauer: 4 Min.
Der umstrittene Sponsor ist in Münchens Arena seit Jahren allgegenwärtig. Die Fans regen sich darüber auf, halten dem Klub aber die Treue.
Der umstrittene Sponsor ist in Münchens Arena seit Jahren allgegenwärtig. Die Fans regen sich darüber auf, halten dem Klub aber die Treue.

Katar wirkte im Schnee von Kiew am Dienstagabend sehr fern, doch schon an diesem Donnerstag rücken die umstrittenen Geschäftsbeziehungen des FC Bayern ins Emirat wieder verstärkt ins Bewusstsein. Zwei Tage nach dem vorzeitig abgesicherten Gruppensieg der Münchner in der Champions League durch das 2:1 bei Dynamo steht die Jahreshauptversammlung (JHV) der Münchner an. An Debattenstoff mangelt es nicht, wenngleich sich zumindest bei der Impfthematik eine deutliche Entspannung abzeichnet.

Serge Gnabry und Jamal Musiala sollen sich laut Fachmagazin »kicker« bereits impfen gelassen haben, Joshua Kimmich und Michaël Cuisance erwägen dies laut »Bild« nun auch. Da Eric Maxim Choupo-Moting sich nun infiziert hat und damit bald als genesen gelten dürfte, wären die Münchner das nervige und für ihre Ziele gefährliche Dauerthema zu Beginn der Rückrunde los. Die drängenden Fragen zum Thema Katar aber bleiben dem FC Bayern bis mindestens 2023 erhalten. Bis dahin läuft der Vertrag mit Sponsor Qatar Airways, die staatliche Fluggesellschaft des WM-Gastgebers von 2022.

Vereinsmitglied Michael Ott, ein Mainzer Rechtsreferendar, hatte beantragt, dass der Kontrakt wegen der Menschenrechtsverstöße im Emirat nicht verlängert werden soll. Zunächst wurde dieser Antrag nicht zugelassen. Ott wirft dem FC Bayern eine »Hinhaltetaktik« und »Feigheit« vor. Er setzt sich aber weiterhin juristisch zur Wehr, nachdem seine einstweilige Verfügung vom Münchner Amtsgericht jüngst mit der Begründung abgelehnt worden war, dass keine ausreichende Dringlichkeit bestehe. Ott behält sich bei der JHV einen Spontanantrag vor. Zur Sprache kommen dürfte das Thema ohnehin.

»Für mich ist das kein Nebenkriegsschauplatz«, sagte Julian Nagelsmann zur voraussichtlichen Katar-Debatte auf der JHV, für die er sein Kommen ankündigte. Er habe vor der Debatte »keine Angst«, sagte der Trainer. »Ich glaube, es ist immer wichtig, dass man einen Dialog hat. Gleiches trifft auf die Jahreshauptversammlung zu.« In der Vergangenheit hatte Präsident Herbert Hainer die seit Jahren gepflegte Argumentationslinie der Klubführung vorgetragen, wonach man auf einen Dialog mit Katar setze, um dort zu Veränderungen auch in der Menschrechtsfrage beizutragen.

Karl-Heinz Rummenigge, bis Juni Vorstandsvorsitzender, erklärte jüngst, man habe aus dem Vertrag mit Qatar Airways »gutes Geld« bekommen. Angeblich soll es sich um rund 20 Millionen Euro jährlich handeln. Das wären keine drei Prozent des letzten bekannten Gesamtumsatzes von knapp 700 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2019/20.

Der Hamburger Markenexperte und Konsumphilosoph Oliver Errichiello unterscheidet bei den umstrittenen Geschäftsbeziehungen des FC Bayern nach Katar zunächst zwischen seiner privaten und der professionellen Sichtweise. »Als Mensch sage ich: Es ist eine riesengroße Katastrophe, dass sich Pecunia non olet (Geld stinkt nicht, d. Red.) wieder mal bestätigt. Wenn Kohle im Spiel ist, lässt man alle Prinzipien fahren, ob bei der Fifa, der Uefa oder beim FC Bayern«, erklärt der 47-Jährige. »Als Markensoziologe sage ich: Katars Sportswashing schadet der Marke FC Bayern nicht wirklich.«

Das liege auch daran, dass diese Kooperation die negativen Vorurteile gegenüber dem Verein und dem großen Sport bestätige, wonach es auf dieser Ebene eh nur noch ums Geld gehe. »Es wird nichts anderes erwartet«, so Errichiello, »deshalb sehe ich für die Marke FC Bayern so gut wie keine Folgen.« Zudem sei die emotionale Bindung der Fans zum Verein so tief, dass die Marke sehr stabil sei.

Allerdings müssen sich die Münchner fragen, ob es langfristig hilfreich sei, »leicht verdientes Geld einzustreichen«, ungeachtet aller Bedenken. Die Tragfähigkeit dieser Strategie sei zu bezweifeln. »Kommt man auch im Verein zu dieser Auffassung, bedeutet das: Der FC Bayern braucht eine Exit-Strategie.« Sich im Weltfußball auch wirtschaftlich als Gegenpol zu positionieren zu Klubs wie Paris Saint-Germain, Manchester City und anderen, die aus Katar, Abu Dhabi und Saudi-Arabien finanziert werden, und auf Werte wie Glaubwürdigkeit zu setzen, hält Errichiello keinesfalls für ein romantisches Ideal. »Marketingtheoretisch wäre das eine grandiose Geschichte. Denn es gibt bisher keinen großen Verein, der das so macht«, sagt er. »Wer es jetzt schafft, mit einem ethischen Ansatz ein Leuchtturm zu werden, dem könnten sich neue Einnahmequellen eröffnen.« Denn damit schmücken sich andere Sponsoren gern.

Für Errichiello hätte diese Strategie zugleich den Effekt, dass andere Vereine, »als immer böser wahrgenommen werden«. Allerdings müsste sich ein solcher Weg ökonomisch beweisen. Und ob das klappt, wisse man eben erst nach frühestens zehn Jahren. »Es wäre ein weiter Weg für den FC Bayern«, sagt Errichiello, der ihn aber für den vielversprechendsten hält.

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