Wie von einem anderen Stern

Wladimir Kaminer über die Deutschen und die Russen, Pandemie-Erfahrungen, Putin und einen unerschütterlichen Optimisten und Freund

  • Von Olaf Neumann
  • Lesedauer: 6 Min.

Herr Kaminer, wie ist es, in Zeiten der Pandemie als Autor von Lesung zu Lesung viel mit der Bahn reisen zu müssen?

Während der Pandemie hatte ich leider so gut wie keine Auftritte. Nur im August und September vergangenen Jahres bin ich mit meinen damaligen neuen Büchern ein bisschen herumgereist, bis ich in Bad Oeynhausen als Kontaktperson zweiten Grades eingestuft wurde. Mit diesem Abenteuer beginnt mein taufrischestes Buch. Meine Kollegen schrieben mir, ich müsse sofort zurückkommen und mich beim Gesundheitsamt einfinden, weil die Behörden in Deutschland im Notfall auch das Recht haben, von Schusswaffen Gebrauch zu machen. Solch ein Gesetz kursierte damals in den sozialen Medien; das stellte sich dann aber als Fake heraus. Doch mich verfolgte seitdem ein Albtraum. Ich sah mich schon im Hinterhof eines deutschen Kulturhauses mit zwei Kugeln in der Brust liegen.

Oje ... Trügt mein Eindruck, dass die Politik hierzulande Kunst und Kultur nicht als eine wirksame Medizin gegen psychische Corona-Schäden wahrnimmt? Befürchten Sie, dass für Politiker Shoppingmalls wichtiger sind als Theater und Konzerte?

Das ist nichts Neues, wir leben in einer Konsumgesellschaft ohne Visionen. Deswegen haben die Menschen solche Zukunftsängste und versuchen bei jeder Gelegenheit, Vorräte anzulegen. Die Politik spiegelt nur die Sackgasse, in der wir uns alle befinden.

Haben Sie die Deutschen während der Pandemie von einer gänzlich neuen, unbekannten Seite kennengelernt?

Unbekannt war mir diese Seite - beispielsweise das Hamstern und das Sich-gegenseitig-verrückt-Machen - nicht, denn die tieferen Probleme waren schon vorher da. Und es sind auch nicht nur typisch deutsche. Für mein Buch habe ich überall auf der Welt Verschwörungstheorien gesammelt, eine irrer als die andere. Eins steht fest: Corona polarisiert. Die einen sagen, das Virus beschleunige Verblödung; andere meinen, das Virus rüttele die Menschen auf und zeige, dass es so nicht weitergehe, alle Werte müssten dringend neu konzipiert werden.

Gibt es einen Unterschied im Umgang der Deutschen und der Russen mit Krisen und Katastrophen?

Wir Russen können viel selbstbewusster mit Katastrophen und Krisen umgehen. Das liegt daran, dass wir niemandem glauben, von der Wiege bis zur Bahre Skeptiker sind. Wenn Russen irgendetwas in der Zeitung lesen oder der Präsident ihnen etwas erzählt, glaubt das in Russland kein Mensch.

Woran liegt das?

An der Geschichte des Landes. Es ist immer alles anders gekommen als gedacht. Es ist zu einer schizophrenen Grundlage des Lebens geworden, dass die Menschen das eine sagen, das andere denken und das Dritte tun. Sie haben Corona und haben es nicht.

Russen entwickelten als Erste einen guten Impfstoff, aber bis heute ließen sich nur 12 Prozent impfen. Das änderte sich auch nicht, als Präsident Wladimir Putin, der von 86 Prozent der Bevölkerung Russlands unterstützt werde, wie es heißt, Werbung für Sputnik V machte. Im Juni hat er sich in der TV-Sendung »Der direkte Draht« Fragen der Bürger gestellt. Mehr als 1,9 Millionen Fragen sollen nach offiziellen Angaben eingegangen sein. Peinlich, wenn Menschen mit niemandem anderen über ihre Probleme reden können als mit diesem einen Mann im Kreml. Die Sendung erinnert mich an Pressekonferenzen von Leonid Iljitsch Breschnew, der sich gegen Ende stets zu erkundigen pflegte, ob es noch Fragen gäbe. Da alle schwiegen, sagte er: »Das kann nicht sein, ich habe hier noch zwei Antworten vor mir liegen!«

Was wurde Putin gefragt?

Die erste Frage war, ob er sich geimpft habe und mit welchem Stoff. »Ja, mit Sputnik V«, antwortete Putin und ergänzte: »Zweimal, und ich fühle mich großartig. Ich wünsche mir, dass alle das tun.« Die Russen folgten ihm nicht, dachten nur bei sich: Der hat gut reden, der hat doch bestimmt einen ganz besonderen Stoff von einem anderen Stern verabreicht bekommen.

Der französische Schauspieler Gerard Depardieu, der jetzt russischer Bürger ist, hat sich Sputnik V spritzen lassen. Warum wirkte er nicht als Vorbild?

Weil er ein Opportunist ist. Als Corona Russland in den Würgegriff nahm, ist er nach Frankreich abgehauen. Die »Hütte« in Sibirien, die er von Putin bekam, steht seit einem halben Jahr leer. Der Platz neben Putin ist also wieder frei. Wer könnte jetzt daherkommen?

Ich weiß nicht. Ich weiß aber, dass Sie mit Ihrer pandemischem Corona-Band Kaminer & die Antikörper regelmäßig auftreten, soweit möglich. Haben Sie Geschmack am Musikmachen gefunden?

Es ist ein großer Spaß. Ich stelle mir immer vor, ich wäre Leonard Cohen. Der konnte auch nicht so richtig singen, sondern hat mehr melodisch rezitiert. Ich stehe allerdings erst am Anfang einer großen musikalischen Karriere.

Ihre Mutter Shanna wird im Dezember 90 Jahre alt und ist in Ihrem neuen Band verewigt. Steht Sie gelegentlich mit auf der Bühne?

Mit bald 90 wäre das ein bisschen anstrengend.

Sie scheint aber noch sehr rüstig zu sein.

Ja. Und sie hat plötzlich ein großes Interesse an Politik entwickelt.

Wie kommt das?

Ganz Deutschland war mit Wahlplakaten beklebt. Meine Mutter wollte wissen, ob die vielen Menschen, die ihr da entgegenlächelten, überhaupt alle in den Bundestag passen. Ich musste ihr erklären, dass einige wohl im Regen hängen bleiben werden.

In Russland war das Leben eher kurz, dafür lustig, heißt es im Buch.

So war es auch. Meine Mutter hält die letzten 30 Jahre ihres Lebens, die sie in Deutschland verbracht hat, für ihre besten. Das mag vielleicht ein bisschen traurig klingen, aber langweilig war es für sie nicht. Ich persönlich würde mich über ein langes und lustiges Leben freuen.

Drei Monate nach dem Augustputsch in Moskau 1991 begann der Zerfall der Sowjetunion. Warum sind Russen nicht gut auf Michail Gorbatschow zu sprechen, gab er ihnen doch Reise- und Religionsfreiheit?

Erstaunlich wenig Russen konnten und können sich Reisen in die Welt leisten - kurioserweise deckt sich deren Prozentsatz mit dem der Geimpften: nur 12 Prozent.

Ihr Freund, der Politologe und DJ Vitali Shkliarov, war in den USA stellvertretender Wahlkampfdirektor des Demokraten Bernie Sanders. Er wurde in seiner Heimat Belorussland der Spionage verdächtigt.

Alexander Lukaschenko konnte sich nicht vorstellen, dass Millionen Menschen plötzlich gegen ihn auf die Straße gehen, denn seine Geheimdienste haben ihm immer wieder versichert, dass alle Belarussen ihn mehr lieben als ihre eigenen Eltern. Deswegen war für ihn die machtvolle Protestwelle sehr frustrierend. Nur jemand von außen konnte die Menschen aufgehetzt haben. Und da war Vitali einfach zur falschen Zeit am falschen Ort. Bevor er sich auf die Reise machte, hatte er vom belorussischen Innenminister persönlich eine klare Zusage bekommen, dass ihm nichts passieren werde, solange er sich nicht politisch äußere. Er wurde trotzdem verhaftet, beim Einkaufen.

Im Minsker Untersuchungsgefängnis wurde er von einer Zelle in die andere verlegt, zu Mördern, Dieben und Banditen. Was hat dies mit Ihrem Freund gemacht?

Einen solch unerschütterlichen Optimisten wie Vitali habe ich selten kennengelernt. Aber er ist viel leiser und zurückhaltender geworden. Es kostet viel Kraft, die Liebe zur Welt draußen wieder aufzubauen, nach einer solchen Erfahrung. Vitali bemüht sich darum. Er hat einen Film über seine Erfahrungen in der Geiselhaft produziert. »Minsk« soll auch auf internationalen Filmfestivals, darunter der Berlinale, laufen.

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