Werbung
  • Politik
  • Sachsen und seine Ungeimpften

Impfen? »Man muss ja«

Unter dem Druck der Coronaregeln entscheiden sich manche Ungeimpfte in Sachsen jetzt um. Besuch einer Impfschlange

  • Von Max Zeising, Leipzig
  • Lesedauer: 9 Min.

Tobias Müller* ist spät dran. Der junge Mann steht am Ende einer etwa 50 Meter langen Schlange vor der »Poliklinik« in Leipzig und atmet tief durch. Gleich wird er sich zum zweiten Mal gegen das Coronavirus impfen lassen. Nachdem er vor wenigen Wochen seine Erstimpfung erhalten hat, harrt er an diesem grau-tristen Novembernachmittag gleich mehrere Stunden in der Kälte aus, um sich hernach mit der Bescheinigung der Vollimmunisierung und einem guten Schutz vor dem gefährlichen Virus zu belohnen.
Jeden Mittwoch wird in der »Poliklinik«, einem seit 2018 bestehenden, links-politisch geprägten Gesundheitsprojekt von Menschen aus verschiedenen medizinischen Berufen, im Rahmen der mobilen Impfaktionen der Stadt Leipzig eine Immunisierung gegen das Coronavirus angeboten. Normalerweise finden hier Gesundheits- und Sozialberatungen statt, an diesem Tag wird Tobias Müller nach sieben Stunden Dauerbetrieb einer der letzten Impflinge sein.

Müller wirkt im Gespräch von Beginn an aufgeschlossen, freundlich – ganz anders als gegenüber der Corona-Impfung, die er lange Zeit ablehnte: Als im Frühjahr und Sommer die Mehrheit der Bevölkerung die Impfzentren und Hausarztpraxen stürmte, blieb er zurückhaltend. Während viele Menschen ihre Impftermine gar nicht abwarten konnten, manche sich gar vorzeitig eine Immunisierung erschlichen, machte er sich Sorgen – »wegen der Nebenwirkungen«, wie er sagt. Die Bedenken hat Müller bis heute nicht ganz verloren – obgleich nach einer Corona-Impfung vor allem harmlose und schnell vorübergehende Reaktionen wie Müdigkeit, Kopf- und Gliederschmerzen auftreten und ernsthafte Erkrankungen wie Herzmuskelentzündungen sehr selten sind.

Nicht nur Befürworter und Gegner

Und doch hat er sich umentschieden, hat in Aussicht auf deutlich mehr Freiheiten die Sorgen beiseite geschoben und der Nadel Einstich gewährt – wenngleich er eben auch in dieser Hinsicht spät dran ist: Knapp 60 Prozent der Einwohner*innen Sachsens sind zweimal geimpft, damit ist der Freistaat im Vergleich der Bundesländer weiter das Schlusslicht – doch auch in Sachsen gehört Müller zu den Spätimpflingen. »Der Druck« sei letztlich das entscheidende Argument für die Impfung gewesen, gibt er offen zu. Noch bevor die sächsische Landesregierung einen Lockdown inklusive einer 3G-Regelung am Arbeitsplatz einführte, holte sich Müller, der eine Ausbildung zum Lokführer absolviert, seine Erstimpfung ab. Geradeso rechtzeitig, denn ab sofort müsste er als Ungeimpfter jeden Tag auf Arbeit einen negativen Test vorweisen. »Das schaffe ich zeitlich gar nicht«, sagt er und verweist auf seinen frühen Dienstbeginn.

Neben ihm steht seine Mutter, auch sie wird sich zum zweiten Mal impfen lassen. »Man muss ja«, sagt sie und meint damit nicht in erster Linie die Notwendigkeit des Impfens im Kampf gegen die Corona-Pandemie, sondern den Druck aus der Politik: Ungeimpften wird es in Sachsen inzwischen deutlich schwerer gemacht, sie dürfen kein Restaurant mehr betreten und keinen Elektronikfachhandel, sie dürfen nicht mehr zum Friseur und sich – theoretisch – nur noch mit einer weiteren Person treffen. In Hot-Spots mit einer Inzidenz von über 1000, was mittlerweile auf fast alle Landkreise im Freistaat zutrifft, gilt zudem für Ungeimpfte eine nächtliche Ausgangssperre von 22 bis 6 Uhr.

All diese Einschränkungen haben Tobias Müller und seine Mutter nun doch bewegt, den Schritt ins Impfzentrum zu wagen. Sie sind nicht allein: Zwar kommt der neue Ansturm auf die Impfteams vor allem durch die Freigabe der Booster-Impfungen zustande, doch mit der stark steigenden Inzidenz und den daraus folgenden gesellschaftlichen Einschränkungen vor allem für Ungeimpfte wächst auch die Zahl der Erst- und Zweitimpfungen wieder. Das Robert-Koch-Institut (RKI) meldete am Freitag für ganz Deutschland 790.538 Impfungen, darunter 104.974 Erstimpfungen. Zum Vergleich: Vor vier Wochen waren es nur 46.792 Menschen, die sich zum ersten Mal impfen ließen.

Auch eine Frau mittleren Alters, die ein paar Meter vor den Müllers steht und nach langer Wartezeit nur noch wenige Schritte von der Eingangstür zur »Poliklinik« entfernt ist, hatte Bedenken wegen der Sicherheit der Vakzine. Eigentlich wollte sie »auf die Totimpfstoffe« warten, die sie von früheren Immunisierungen etwa gegen Diphterie und Tetanus kenne – doch die Lageristin braucht nun ebenfalls einen Impf- oder Testnachweis für die Arbeit und entschied sich deshalb für das mRNA-Vakzin. Der Totimpfstoff von Valneva befindet sich aktuell noch in der Phase-III-Studie und wird wohl erst im Frühjahr zugelassen werden. Fraglich ist zudem, ob er genauso gut vor einer Erkrankung schützt wie etwa Biontech oder Moderna.

Die Angst vor der Nadel

Wer dieser Tage die Nachrichten verfolgt, könnte den Eindruck gewinnen, die Gesellschaft spalte sich in vehemente Impfbefürworter*innen und radikale Impfgegner*innen. Der Besuch einer Impfschlange zeigt jedoch, dass zwischen diesen beiden Polen ein Graubereich existiert. Es gibt Menschen wie Tobias Müller, der »kein Coronaleugner« ist, wie er sagt. Aber der eben unsicher war, der vielleicht einen Anstoß gebraucht hatte – oder eben politischen Druck. Nur kann niemand genau sagen, wie groß dieser Graubereich ist. Es gibt Impfgegner*innen, die noch im Krankenhaus Corona leugnen, die ihren Widerstand gegen »die da oben« bis ins Grab weiterführen. Speziell in Sachsen gibt es eine weit verbreitete Renitenz. Besonders in Regionen mit einem hohen Anteil an AfD-Wähler*innen ist die Inzidenz hoch und die Impfquote niedrig – etwa in Bautzen und im Erzgebirge. Eine Studie des Meinungsforschungsinstituts Forsa kam zu einem ernüchternden Ergebnis: 65 Prozent der bislang Ungeimpften gaben an, sich »auf keinen Fall« in den nächsten zwei Monaten impfen zu lassen. 23 Prozent tendierten zu »eher nein«, lediglich zwei Prozent der Befragten wollten sich »auf jeden Fall« impfen lassen. Die restlichen zehn Prozent zeigten sich unentschlossen oder hielten eine spätere Impfung »eher« für möglich. Es scheint, als gehörte Tobias Müller unter den Ungeimpften eher zu einer Minderheit.

»Es gibt verschiedene Gründe, warum sich Menschen erst jetzt impfen lassen«, sagt Ariane Mohr, die Pressesprecherin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Leipzig, während sie der »Poliklinik« einen schnellen Besuch abstattet: »Die einen, weil sie bislang nicht die Notwendigkeit gesehen haben und dachten, Corona sei überstanden. Die anderen, weil sie Druck vom Arbeitgeber bekommen und sich nicht täglich testen lassen wollen.« Aber eben auch solche mit durchaus nachvollziehbaren Erwägungen. Mohr berichtet aus einem persönlichen Gespräch mit einem Spätimpfling: »Da war einer, der einfach Angst hatte vor einer Impfung. Und der sich jetzt überwinden musste, weil sein Arbeitgeber eine Impfung verlangt.«

Druck lässt Impfquote steigen

In der Tat: Es deutet sich an, als könne der Druck aus den Regierungen tatsächlich Einfluss auf die Impfrate nehmen. Tags zuvor an einem Einkaufscenter im Stadtteil Paunsdorf, einem Plattenbauviertel am Rand von Leipzig: Ein Ehepaar hat sich nach langem Zögern nun doch zur Impfung entschlossen. Beide arbeiten in der Automobilindustrie, bei Porsche und BMW. Sie verharmlosen das Coronavirus nicht, haben aber Bedenken hinsichtlich der Wirksamkeit der Impfstoffe. »Es gibt Länder mit vielen Impfungen und vielen Corona-Fällen«, weiß der Mann. Tatsächlich: Gibraltar beispielsweise weist als vollständig geimpftes Land eine 7-Tage-Inzidenz von über 1000 auf. Richtig ist aber auch: Im europäischen Vergleich scheinen Länder mit hoher Impfquote wie Spanien und Portugal deutlich besser durch den Winter zu kommen als Länder mit niedrigerer Impfquote, etwa in Osteuropa.

In Paunsdorf erlebt man derweil auch radikalere Ansichten. »Ich lasse mir kein Gift spritzen«, sagt eine junge Frau, die ihre zwei Freundinnen in der Impfschlange besucht. Die zwei anderen erwidern darauf: nichts. Sie lassen sich eher notgedrungen impfen. »Ich will wieder Straßenbahn fahren«, sagt die eine, wohl wissend, dass für den ÖPNV derzeit ebenfalls 3G gilt. Dann lenkt auch die dritte ein, bevor sie wieder zur Arbeit huscht: Am Ende müsse auch sie sich impfen lassen, »denn ich will zur Bundeswehr«. Vergangene Woche kündigte das Bundesverteidigungsministerium an, eine Corona-Impfpflicht für alle Soldat*innen einzuführen. Die aktuelle Arbeitsstelle der jungen Frau scheint 3G dagegen eher locker zu handhaben.

In Teilen der Gesellschaft gibt es ein seltsames Ungleichgewicht in der Gefahreneinschätzung. So berichtet die bislang Ungeimpfte, ihre Mutter war an Corona erkrankt und könne bis heute nicht richtig schmecken. Long Covid heißt dieses zuweilen unterschätzte Phänomen, wenn die eigentliche Corona-Erkrankung auch nach offizieller Genesung langwierige Folgen hinterlässt. Doch die Mutter lehnt eine Impfung bis heute ab, wie die junge Frau freimütig erzählt: »Und sie will auch nicht, dass ich mich impfen lasse.«

Einmal mehr wird deutlich, wie groß der Einfluss des unmittelbaren Umfelds – Verwandte, Freundeskreis, Nachbarschaft, Arbeitskollegium – für die Entscheidungsfindung sein kann. Diese Menschen haben oftmals eine stärkere Wirkmächtigkeit als Politiker*innen und Expert*innen.

Einen Satz hört man von den Spätimpflingen derweil gar nicht: dass man sich impfen lassen sollte, um einen Beitrag zur Bekämpfung der Corona-Pandemie zu leisten. Das zeigt: Wer sich jetzt noch umentscheidet, tut das nicht unbedingt aus einem Verantwortungsgefühl der Gesellschaft gegenüber heraus. In einer Sache sind sich die Spätimpflinge und jene, die für eine Booster-Impfung anstehen, jedoch einig: Das Impfen ist zu schlecht organisiert. Ein Mann lässt auf seinem Mobiltelefon sogar eine Stoppuhr laufen, um die lange Wartezeit zu dokumentieren. Kurzer Blick: schon knapp zwei Stunden rum, und noch immer über 100 Meter bis zum Eingang.

Impfkapazitäten werden benötigt

Die Stadt Leipzig bietet aktuell täglich vier mobile Impfaktionen an, die von Mitarbeiter*innen des Kommunalen Eigenbetriebs sowie den Hilfsorganisationen DRK, Arbeiter-Samariter-Bund und Malteser betreut werden. Viel zu wenig, sagen Jonas und Jenny von der »Poliklinik«. Am Ende des siebenstündigen Impftages sitzen die beiden Sozialarbeiter in der spartanisch eingerichteten Küche des »Solidarischen Gesundheitszentrums« und wirken genervt. »Das Impfen wurde im Sommer zu wenig vorangetrieben«, sagt Jenny. Jetzt gebe es im Viertel eine hohe Impfwilligkeit. »Man sieht es doch, wie die Leute hier anstehen.« Jonas sieht es genauso. Im Bundestagswahlkampf habe man sich zu wenig mit dem Thema beschäftigt: »Das hätte ja Stimmen kosten können.«

Nun steht die hohe Zahl der Impfwilligen im Kontrast zu den fehlenden Kapazitäten. Die großen Impfzentren gibt es nicht mehr, die Hausärzt*innen und mobilen Impfteams müssen mit den Krankenhäusern und den Betriebsärzt*innen die langen Schlangen allein bewältigen. Immerhin: Die Impfkapazitäten sollen deutlich ausgebaut werden. Ab Anfang Dezember soll die Zahl der mobilen Impfteams erhöht werden, um dann eine Tageskapazität der Teams von 9000 Impfungen zu erreichen, heißt es aus Dresden. In jedem Landkreis und jeder Kreisfreien Stadt soll es mindestens einen festen Standort als verlässlichen Anlaufpunkt geben.

Die Leute von der »Poliklinik«, die den frierenden Impfwilligen auf dem Gehweg mit Kaffee und Informationsangeboten die lange Wartezeit so angenehm wie möglich gestalten wollen, sehen aber noch ein anderes Problem: »Die Älteren, die Gebrechlichen bleiben bei den Booster-Impfungen zurück, weil sie nicht priorisiert werden«, kritisiert Jenny. Es brauche ein vielfältiges Impfangebot, sagt Jonas und konkretisiert: »Es müssen mehr Stadtteile berücksichtigt werden. Es gibt Leute, die es halt einfach nicht schaffen, bis zum Hauptbahnhof zu fahren. Es gibt viele Gründe, warum es eine Herausforderung sein kann, zehn Minuten Bahn zu fahren.«

So liegt die Hoffnung derzeit allein in den Zahlen, die am Schluss eines jeden Impftages im Buche stehen. Diesmal: 198 Impfungen, alle zwei Minuten eine. In der »Poliklinik« wird der Turbo gezündet, während anderswo die Geschwindigkeit noch fehlt.
*Name geändert

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung