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  • »Die Glaubensmaschine« am Theater Rudolstadt

Krampf der Überzeugungen

Am Theater Rudolstadt feierte »Die Glaubensmaschine« in der Regie von Alejandro Quintana Premiere

  • Von Lara Wenzel
  • Lesedauer: 5 Min.
Dem »Guten« verpflichtet: Theologe Edward (Matthias Winde) und Journalistin Sophie (Anne Kies) in »Die Glaubensmaschine«
Dem »Guten« verpflichtet: Theologe Edward (Matthias Winde) und Journalistin Sophie (Anne Kies) in »Die Glaubensmaschine«

Es gibt Menschen, deren Leben ist getrieben von einem Drang, sich zur Wehr zu setzen. Ihre Handlungen richten sich auf ein absolutes, also unerreichbares Glück, an dem sie zugrunde gehen müssen. Sophie zeichnete sich durch diese innere Entschlossenheit aus. Versammelt auf der Insel Patmos, erinnern sich ihre Freunde an die Journalistin, die von einem Attentat in Kabul aus dem Leben gerissen wurde. In der Rückschau wird ihrem Wirken die geschlossene Eindeutigkeit zugeschrieben, um die sie vor dem Tod gerungen hatte.

Am 11. September 2001 gerinnt ihr Leben zu einer Geste: In dem Apartment in New York, das sie gemeinsam mit ihrem Partner Tom bewohnte, packt sie die Koffer und verlässt ihn. Kurz darauf hüllen die zusammengestürzten Twin Towers die Stadt in eine riesige Staubwolke. Der gefallene Literat arbeitet seit einigen Jahren in der Werbebranche - nur vorübergehend, wie er betont - und verhilft dubiosen Konzernen zum Erfolg. »Was kann der Einzelne schon gegen das System tun?«, fragt der Texter. Er verschanzt sich hinter dem Gesamtzusammenhang, um sich weiter am Leid anderer zu bereichern. Sophie, von Anne Kies bestimmt und einfühlsam gespielt, findet die grenzenlose Kompromissbereitschaft abstoßend. Obwohl sie für Tom ein Portfolio der Untaten zusammenstellt, die sein aktueller Auftraggeber verübt, bleibt er bei seiner Übergangstätigkeit.

Das Stück »Die Glaubensmaschine« des britischen Dramatikers Alexi Kaye Campbell, das am Sonnabend am Theater Rudolstadt zur Premiere gebracht wurde, dreht sich in sechs Bildern um das Ende einer Liebesbeziehung, in der sich individuelles Glück und das Streben nach »dem Besseren« als unvermittelbarer Widerspruch artikulieren. Tom und Sophie werden noch zweimal aufeinandertreffen, und immer wiederholt sie jene Geste, die Georg Lukács als »das Paradox, der Punkt in dem Wirklichkeit und Möglichkeit sich schneiden«.

Es ist ein unmögliches Liebespaar, das hier die Bühne betritt. Sophie teilt den Drang zur Hoffnung, der sie zur Glaubensmaschine gegen die »schöne Maschine« Kapitalismus macht, mit ihrem Vater, dem Bischoff Edward. Dieser bringt die Kirche gegen sich auf, weil er wirklich an die unbedingte Liebe Jesu glaubt. Mit großer Präsenz spielt Matthias Winde den Entschlossenen, der in seinem Kampf gegen Konversionstherapien, der sich Homosexuelle unterziehen sollen, an der christlichen Institution scheiterte und sie schließlich verließ.

Die Inszenierung von Regisseur Alejandro Quintana arbeitet mit Figuren, die ihre Konflikte im Dialog klar entfalten. Architektonisch hilft die reduzierte Bühne nach, deren Entwurf von Andrea Eisensee stammt, und reißt von Podest zu Podest eine unüberbrückbare Kluft zwischen die Sprechenden. Besonders tief scheint diese zwischen Tom und Sebastian, dem neuen, aus Chile stammenden Partner Sophies. Dessen Vater bekleidete einen Ministerposten unter Salvador Allende und wurde beim Militärputsch von Augusto Pinochet ermordet. Sebastian, gespielt von Benjamin Petschke, verließ das Land nach dem 11. September 1973 - wie auch Quintana, der damals in die DDR immigrierte.

Vorsichtig stellt die Inszenierung die Schreckensdaten in New York und Santiago de Chile nebeneinander. Es gibt solche Tage, die wirken wie ein Aufruf, spürt Sophie, die verlangen eine plötzliche Klarheit, die dem Leben sonst abgeht. »Der einzig wesentliche Unterschied zwischen Leben und Leben besteht darin, ob eines absolut ist oder bloß relativ: ob die einander ausschließenden Gegensätze in scharfen Linien und für alle Zeit gesondert sind oder nicht«, stellte Lukács die Pole nebeneinander. Das gesonderte Leben entsteht leicht in der nachträglichen Überformung, im lebendigen Moment zerschellt es am Alltäglichen.

Sophie und ihr Vater, deren Wirken auf ein übergeordnetes Gutes gerichtet ist, leiden an der eigenen Unzulänglichkeit. Nach dem Kirchenaustritt wird Edward langsam dement. Seine Befreiungstheologie bleibt ein unvollendeter Zettelberg, dennoch werden die Menschen ihm zu Ehren eine Kirche errichten. Die Tochter, die nach der letzten Auslandsrecherche kaum aus dem Bett kommt, weil sie die schrecklichen Bilder nicht vergessen kann, schleppt sich von einem Tag zum nächsten. Sebastian, Professor für Marxismus, ist für sie ein im Handeln näherer Partner. Doch Leidenschaft verbindet sie nicht mit ihm. Das bürgerliche Ideal einer Liebe, für die es sich lohnt, jeden Morgen aufzustehen, empfand sie mit Tom.

Vater und Tochter sterben. Es ist der notwendige Endpunkt zweier tragischer Leben. Zum Abschied singt Johannes Geißer, der den Tom gibt, ein Lied für die Verschiedene, das zwar schön klingt, aber deplatziert wirkt. In der Rolle des verlorenen Menschen Tom war sein Opportunismus das Gegenstück zu Sophies Entschlossenheit. Nach ihrer Seebestattung auf der griechischen Insel gesteht er seine geistige Obdachlosigkeit zum ersten Mal ein.

Das 2011 am Londoner Royal Court Theatre uraufgeführte Stück scheitert an seinen Figuren. So ist die ukrainische Haushälterin (Ulrike Gronow) nichts als das komische Element im tragischen Stück. Das macht die einzige Arbeiterin zur tumben guten Seele des Stücks. Gegen diese Anlagen geht die Inszenierung nicht an. Dennoch überzeugt die Komplexität, mit der der Konflikt dargestellt wird, den die Hoffnung mit sich bringt.

Nächste Vorstellungen: 30.11., 18. und 28.12.

www.theater-rudolstadt.de

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