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  • Pablo Picasso in Frankreich

Suspektes Element

Eine Ausstellung in Paris widmet sich dem Verhältnis Pablo Picassos zu Frankreich

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 6 Min.
Ein ewig Fremder? Pablo Picasso in Frankreich, 1957
Ein ewig Fremder? Pablo Picasso in Frankreich, 1957

Picasso, der Ausländer« heißt eine Ausstellung, die seit Anfang November und noch bis Mitte Februar im Pariser Museum der Geschichte der Einwanderung, dem einstigen Kolonialmuseum, zu sehen ist. Sie zeigt vor allem, mit welcher Skepsis und Feindseligkeit der aus Spanien in die Kunstmetropole Paris gekommene Maler in seiner Wahlheimat lange behandelt wurde, bevor er einer der bekanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts geworden war und auch von Frankreich nur zu gern vereinnahmt wurde. Dass dieses Thema erst jetzt, fast 50 Jahre nach Picassos Tod, in einer Ausstellung aufgearbeitet wird, zeugt von dem distanzierten Verhältnis, das das offizielle Frankreich immer, wenn auch in unterschiedlichem Maße, zu ihm hatte.

Picasso, 1881 in der südspanischen Stadt Málaga als Sohn eines Malers geboren und in Künstlerkreisen aufgewachsen, hatte schon früh in seiner Heimat Erfolg. Doch für ihn stand fest, dass er nach Paris gehen musste, um sich dort im Kontakt und in Rivalität mit seinesgleichen einen Platz in der Welt der Kunst zu sichern. Für seine Wahlheimat blieb er allerdings bis zuletzt ein Einwanderer. Die 1940 beantragte französische Staatsangehörigkeit wurde ihm verweigert, und als sie dem inzwischen weltberühmten Künstler Jahre nach dem Krieg angetragen wurde, hat er nicht reagiert und ist stolz darüber hinweggegangen. Jetzt buhlten Minister und Museumsdirektoren um seine Gunst, in der Hoffnung, dass Picasso Frankreich das eine oder andere Kunstwerk zum Geschenk machen würde. Doch der kannte seinen Preis und dachte nicht einmal daran.

Dass der französische Staat nach dem Tod des Künstlers 1973 doch noch zu einer reichen und repräsentativen Picasso-Sammlung kam, die den Grundstock des ihm gewidmeten Museums in Paris bildet, verdankt man einem Gesetz, das André Malraux, Kulturminister unter Charles de Gaulle, veranlasst hat. Es erlaubt den Nachfahren von Künstlern, ihre Erbschaftssteuern in Form von Kunstwerken zu entrichten, die durch Experten der staatlichen Museen aus dem Nachlass ausgewählt werden.

Von einer solchen Wende konnte Picasso nicht einmal träumen, als er zwischen 1900 und 1902 dreimal zu mehrmonatigen Aufenthalten in Paris weilte und sich 1904 endgültig hier niederließ. Die ersten Jahre waren von bitterer Armut und fehlender Anerkennung geprägt - bis erste Kunstsammler wie die Geschwister Leo und Gertrude Stein und der Kunsthändler Daniel-Henry Kahnweiler auf ihn aufmerksam wurden und bis schließlich 1907 das Gemälde »Les Demoiselles d’Avignon« den künstlerischen Durchbruch brachte.

Wie sich die französischen Behörden in dieser Zeit um Picasso »kümmerten«, hat die Historikerin Annie Cohen-Solal für die Ausstellung recherchiert und auch gleich noch in einem Buch mit dem Titel »Un étranger nommé Picasso« (Ein Ausländer namens Picasso) dokumentiert. Sein Leben wird chronologisch nachgezeichnet, illustriert durch Schriftstücke aus den Archiven oder durch Briefe sowie Kunstwerke, die zumeist aus dem Picasso-Museum in Barcelona oder aus Privatsammlungen stammen. Da finden sich Steuererklärungen und Bankunterlagen oder der Briefwechsel mit Sammlern und Händlern.

Doch interessanter sind die Berichte und Einschätzungen aus den Akten bei der Fremdenpolizei und beim betont harmlos Renseignements généraux RG (Allgemeine Auskünfte) genannten Inlandsgeheimdienst. Da wimmelt es nur so von aktenkundig gemachtem Tratsch und Verdächtigungen von Randfiguren der Kunstszene, von Nachbarn und vor allem von Concierges, die nur zu oft dem RG als Informantinnen dienten. Schon dass Picasso seit seiner Ankunft und bis 1912 im Künstlerviertel Montmartre lebte, das seit der Pariser Kommune von 1871 als tiefrot galt, stempelte ihn ab. Dabei hatte der Maler in dieser Zeit noch keinerlei erkennbares Interesse an Politik.

In einem RG-Bericht vom 18. Juni 1901, der von einem Kommissar Rouquier verfasst und unterzeichnet wurde, unterstrich dieser, dass Picasso bei einem Katalanen namens Pedro Mañach wohnte, der als Anarchist bekannt sei und zu Gewalt neige. Außerdem male Picasso vor allem Bettler, Gaukler und »leichte Mädchen«, woraus der Kommissar messerscharf folgerte, der Künstler stehe der bürgerlichen Ordnung feindlich gegenüber. Dieser Bericht mit dem darin gefällten Urteil sollte Picasso unbekannterweise über Jahrzehnte begleiten. Als er 39 Jahre später bei Kriegsbeginn einen Antrag auf Einbürgerung stellte, wurde das von der politischen Polizei unter Hinweis auf den Bericht von 1901 und die Einschätzung von Picasso als Anarchist abgelehnt. Da spielte es auch keine Rolle, dass Picasso inzwischen reich war, was aus seinen Steuererklärungen und der Höhe der Miete seiner Wohnungen und Ateliers hervorging; dass er durch seine Beziehungen zu vermögenden Kunstsammlern in höchsten Kreisen verkehrte und einen bürgerlichen Lebensstil durchaus schätzte.

Picasso wurde zudem angelastet, dass er die rechtmäßige Regierung der Spanischen Republik in ihrem Kampf gegen den Putschistengeneral Franco finanziell und durch sein Gemälde »Guernica« auch moralisch unterstützte. In einem Bericht vom 7. Mai 1940, nur Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in Frankreich, heißt es: »Es spricht nichts dafür, diesen Ausländer zu naturalisieren. Er ist im Gegenteil als suspektes Element zu betrachten.« Den anonymen Autor dieser Zeilen hat Cohen-Solal ausfindig gemacht. Es handelte sich um den Polizeiinspektor Emile Chevalier, der bei Kriegsende 1944 zur Rechenschaft gezogen wurde, weil er während der Besetzung eilfertig mit der deutschen Polizei und der Gestapo zusammengearbeitet hatte. Aber Chevalier hatte wohl auch ein persönliches Motiv, Picasso zu schaden. Er war ein »Sonntagsmaler« mit einer Vorliebe für Landschaftsmotive der Pariser Umgebung und fühlte sich als »Impressionist des 20. Jahrhunderts«. Doch seine mit Chevalier Milo signierten Bilder interessierten niemanden, sodass die Vermutung naheliegt, dass der erfolglos malende Polizeiinspektor auf den berühmten und reichen Maler neidisch war.

Nach dem Krieg trat Picasso demonstrativ der Kommunistischen Partei bei, engagierte sich international im Kampf für den Frieden und hatte enge Beziehungen zur Sowjetunion, was sich in den Jahren des Kalten Krieges abermals negativ in seinen Polizeiakten niederschlug. Doch das konnte ihn nicht mehr berühren, durch seinen weltweiten Ruhm stand er darüber.

Die letzte Eintragung gibt eine scherzhafte Bemerkung im Kreis von Freunden wieder, als Picasso gefragt wurde, ob er seinen Nachlass Frankreich schenken werde. »Nein, der Sowjetunion«, hat er geantwortet. Getan hat er das natürlich nicht, die Bemerkung war nicht ernst gemeint. Aber tatsächlich hat Picasso, der in seinem Leben schätzungsweise 50.000 Kunstwerke verschiedenster Genres und Stilrichtungen geschaffen und viele davon verschenkt hat, nie auch nur eins an den französischen Staat oder ein öffentliches Museum gegeben. Da erübrigt sich die Frage, ob sich Picasso in seiner Wahlheimat angenommen oder immer noch als Ausländer gefühlt hat.

»Picasso l’étranger« (Picasso, der Ausländer), bis 13. Februar 2022 im Museum der Geschichte der Einwanderung, Paris.

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