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Das feine Gift

Wie bitte, eine »Staatsdichterin«? Auch zehn Jahre nach ihrem Tod wird Christa Wolf im Feuilleton geschmäht

  • Von Karsten Krampitz
  • Lesedauer: 8 Min.
Christa Wolf wollte 1989/90 nicht von »Wende« sprechen, weil dieses Wort eine Rückkehr suggerierte.
Christa Wolf wollte 1989/90 nicht von »Wende« sprechen, weil dieses Wort eine Rückkehr suggerierte.

War Christa Wolf eine Staatsschriftstellerin? Beim diesjährigen Bachmannwettbewerb in Klagenfurt wurde das behauptet. Fritz Krenn, ein Autor aus der Steiermark und immerhin schon 63 Jahre alt, trug einen gar lustigen Text vor, der davon handelte, im Salon der »Grande Dame der einstigen DDR-Literatur« vorlesen zu dürfen.

Die Story spielte in Pankow, irgendwann in den 1990er-Jahren, und Krenn nannte die Gastgeberin wiederholt eine »Staatsschriftstellerin«. Und damit etwas Drive in die Sache kam, quälte den Helden eine ausgeprägte Hundephobie. Und natürlich ein Hund, der beim Vortrag den Dichter unterm Tisch behelligt, belästigt und irgendwie auch begattet. Mehr brauchte es nicht, für die Nominierung zum Bachmannpreis.

Juror Klaus Kastberger, der den Text vorgeschlagen hatte, meinte zur Metaebene: »Christa Wolf wird als einzige nicht genannt, scheint mir aber die Einzige zu sein, die wirklich Realität hat da drinnen.« Da der Text auf DDR-Zusammenhänge anspiele, habe er eine historische Dimension, so der Grazer Literaturprofessor.

Es war bemerkenswert, dass sich in der Jury, allesamt renommierte Kritiker, niemand an der Bezeichnung »Staatsschriftstellerin« für Christa Wolf störte. Warum diese Schmähung im zehnten Jahr nach ihrem Tod? Ausgerechnet Kastberger, der einen anderen Schriftsteller vehement verteidigt: Peter Handke, seines Zeichens Grabredner von Slobodan Milošević. Hat denn Wolf, die viele Jahre als Nobelpreis-Kandidatin im Gespräch war und die im Jahr 1980 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet wurde, jemals eine ähnliche Propaganda betrieben? Gibt es Quellen, die belegen, dass Christa Wolf von ihren Lesern in der DDR als staatsnah empfunden wurde? Oder handelt es sich dabei um eine Zuschreibung aus dem Feuilleton?

Ich habe das erste Mal mit achtzehn in der Jungen Gemeinde Frankfurt (Oder) ihren Namen gehört, damals noch mit einer wunderlichen Ehrfurcht ausgesprochen. Ich müsse mir unbedingt »Kassandra« besorgen, hieß es. Und tatsächlich: Nie wieder hat ein Buch mich derart politisiert. Später wollte ich noch den »Störfall« lesen, Christa Wolfs Verarbeitung der Tschernobyl-Katstrophe. In der kleinen Umweltbibliothek im Gemeindehaus war das Buch aber immer verliehen.

Und dann kam auch schon die »Wende« - ein Wort, das Christa Wolf in ihrer berühmten Rede am 4. November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz abgelehnt hat, weil es eine Rückkehr suggerierte. Sie sprach lieber von »revolutionärer Erneuerung«.

Geboren am 18. März 1929 in Landsberg an der Warthe, ist Christa Wolf die prägende Autorin gewesen in der Literatur eines Landes, das nicht nur aus seinem Staat bestand. Mit Anfang dreißig war sie Kandidatin des SED-Zentralkomitees. Ja, und? Goethe war Minister, Günter Grass in der Waffen-SS. Wird das Werk der beiden deshalb anders bewertet?

Der Literaturwissenschaftler Karl Corino, bekannt durch seine Demontage Stephan Hermlins, beschrieb einmal das »taktische Schreiben« vieler DDR-Schriftsteller als einen Versuch, »die Grenzen des Erlaubten möglichst weit vorzuschieben, bestimmte Tabus auszusparen in der Hoffnung, sie später einmal behandeln zu dürfen«. Vielleicht möge es die einzig Erfolg versprechende Strategie sein, den Bereich des Sagbaren zu erweitern, indem man sich als der wahre Sozialist geriert. »Was aber, wenn man sich durch die Hoffnung auf eine bessere, freiere Zukunft fortwährend die Wahrheit abkaufen lässt?« - Frage: Hat sich Christa Wolf die Wahrheit abkaufen lassen?

In »Kein Ort. Nirgends« lässt sie Heinrich von Kleist sagen: »Soll der Staat meine Ansprüche an ihn, soll er mich verwerfen. Wenn er mich nur überzeugen könnte, dass er dem Bauern, dem Kaufmann gerecht wird …« Preußen, der Staat an dem Kleist leidet, mit all der »Strenge, Pflichterfüllung, Selbstzucht«, ist ohne Zweifel eine Metapher für die DDR.

Über die »DDR-Staatsdichterin« echauffierte sich bereits 1987 Marcel Reich-Ranicki in der »FAZ«. Thomas Brasch war in der Alten Oper zu Frankfurt am Main mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet worden; Christa Wolf hatte die Laudatio gehalten, in der sie davon gesprochen hatte, dass die DDR mit ihren Widersprüchen verantwortlich sei für Braschs Kreativität, was der ähnlich sah. Erinnert sei an seine Dankesrede bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises 1981, die sich auf Youtube findet.

Irrwege erhöhen die Ortskenntnis. Anfang 1993 gab Christa Wolf selbst bekannt, dass sie von der Stasi in den Jahren 1959 bis 1962 als Informantin geführt worden war. Die wenigen Berichte, die sie geschrieben hatte, enthalten nur Positives. Doch spätestens jetzt war sie im westdeutschen Feuilleton als moralische Instanz erledigt. Dass ihre Opferakte in der Stasi-Unterlagen-Behörde 42 Ordner umfasst, interessierte nicht.

Christa Wolf verstarb am 1. Dezember 2011. Warum dauern die Schmähungen ihr gegenüber bis heute an? Die DDR-Literatur hat andere Schriftsteller hervorgebracht, die dem Politbüro weit näherstanden. Doch Namen wie Hermann Kant und Stephan Hermlin tauchen im Feuilleton nicht mehr auf; die Häme gilt allein ihr. Erst neulich schrieb Zelda Biller in der »Welt« über die Brasch-Laudatio von 1987 und die angebliche Staatsdichterin: »Wie viele andere Pseudo-Dissidenten übte sie gelegentlich vorsichtige Kritik an der realsozialistischen DDR, blieb ihrem Staat und der SED aber dennoch bis zum Ende treu. Warum? Weil sie, das frühere BDM-Mädchen, überzeugt davon war, sich im besseren, nazifreien, antifaschistischen Teil Deutschlands zu befinden - trotz aller dort herrschenden Unfreiheit.« - Alle Achtung, die Tochter von Maxim Biller ist 24 Jahre alt und weiß Bescheid.

Warum die Kränkung einer Toten? Reicht es nicht, ihre Bücher nicht mehr zu lesen? »Der geteilte Himmel« hat sich wohl überlebt, vielleicht auch »Nachdenken über Christa T.« Christa Wolf suchte darin Antwort auf Fragen, die sich die Menschen heute so nicht mehr stellen. Doch wie erklärt sich die fortwährende Gehässigkeit ihr gegenüber? Erst unlängst nannte Dennis Scheck ihre Erzählung »Kassandra« in einem Atemzug mit Hitlers »Mein Kampf«. Helga Schubert, kaum dass sie 2020 den Bachmannpreis gewonnen hatte, wütete in Interviews gegen ihre ehemalige Nachbarin. Diese habe bis zuletzt noch totalitäre Ideen gehabt. - Helga Schubert und alle anderen machen sich nicht einmal mehr die Mühe, ihre Vorwürfe am Werk oder an der Biografie zu belegen.

War denn Christa Wolfs Wortmeldung beim Kahlschlagplenum der SED im Dezember 1965 Ausdruck totalitärer Gesinnung? Der Historiker Gerd Dietrich schreibt in seiner »Kulturgeschichte der DDR«, dass diese Schriftstellerin bereits damals die Rolle der Kassandra übernommen hat, als sie auf eben jener Tagung in Anwesenheit von Ulbricht und Honecker, ohne Namen zu nennen, über die Zensoren sagte: »Sie werden nicht nur jeden nackten Hals im Fernsehen zudecken, sie werden auch jede kritische Äußerung an irgendeinem Staats- und Parteifunktionär als parteischädigend ansehen. Sie tun es schon. So ist die Sache. Es ist nicht richtig (…) die Schriftsteller in die Defensive zu drängen, so dass sie immer nur beteuern können: Genossen, wir sind nicht parteifeindlich.« - Wer hier immer noch von Opportunismus redet, dem sei gesagt, dass es in der DDR jener Jahre grundsätzlich keine Opposition gab. Wer den SED-Staat 1965 öffentlich ablehnte, war in den Westen oder ins Gefängnis gegangen. Die Partei regierte mit harter Hand, sorgte aber auch für die wenigen kritischen Geister im Land. Robert Havemann und Wolf Biermann waren bekennende Kommunisten.

Im November 1976 gehörte das Ehepaar Christa und Gerhard Wolf zu den zwölf Literaten, die sich mit dem ausgebürgerten Liedermacher Wolf Biermann solidarisch erklärten - mit einem Offenen Brief, der den von Stephan Hermlin formulierten Sprengsatz enthielt: »Wir protestieren gegen seine Ausbürgerung und bitten darum, die beschlossene Maßnahme zu überdenken.« Die Chancenlosigkeit solcher Petitionen wird allen bewusst gewesen sein. In der DDR hat es dergleichen äußerst selten gegeben, dass eine »Maßnahme« zurückgenommen wurde. Indem die Schriftsteller dennoch unterschrieben und damit nichtabsehbare Nachteile im Literaturbetrieb in Kauf nahmen, bewiesen sie Rückgrat und Haltung - in der deutschen Literaturgeschichte ein einmaliger Vorgang: Nie wieder haben Dichter eine Herrschaft derart in Bedrängnis gebracht!

In der Folge erteilte der Parteiapparat Christa Wolf eine »strenge Rüge«; Gerhard Wolf wurde sogar aus der SED ausgeschlossen. 1979 protestierte sie gegen die offiziellen Verleumdungen von Stefan Heym und den Ausschluss von neun Kollegen aus dem Schriftstellerverband. Vom Exodus so vieler Künstler damals in Richtung Westen hat sich das Kulturleben der Republik nie wirklich erholt. Das Ehepaar Wolf blieb. Und die beiden waren nicht die einzigen, die noch Hoffnung hatten. Jurek Becker, Klaus Schlesinger und andere behielten nach ihrer Ausreise in den Westen ganz bewusst die DDR-Staatsbürgerschaft.

Die Verzweiflung aber an den Verhältnissen, jene Grundstimmung vieler DDR-Künstler vom Getrieben- und Verlorensein, findet sich in »Kein Ort. Nirgends« wieder. Die 1979 im Aufbau-Verlag beziehungsweise im Westen bei Luchterhand erschienene Erzählung ist für Elke Heidenreich eines der schönsten Bücher von Christa Wolf.

Erzählt wird eine fiktive Begegnung der mittellosen Dichter Heinrich von Kleist und Karoline von Günderode, die sich bei der Teegesellschaft eines Kaufmanns im Rheingau kennenlernen - und erkennen. Ein Salon, nur anders als der oben beschriebene in Pankow: beide Helden werden sich eines Tages das Leben nehmen. Und schon die Günderode, Christa Wolfs Alter Ego, wird von der Kritik geschmäht. In »Kein Ort. Nirgends« lesen wir von den Skribenten höfischer Blätter, vom herablassenden Ton der Rezensenten, von Satzfetzen, die mit genauer Berechnung in den Text gestreut sind. »Aber ein feines Gift ist aus diesen Zeilen in sie eingedrungen, untilgbar, und eine neue Art von Furcht.«

Anmerkung: In der ersten Fassung dieses Textes hieß es, dass auch Christa Wolf 1979 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen wurde. Das war nicht der Fall. Wir bitten um Entschuldigung.

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