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Die Mitte schrumpft

Studie der OECD und der Bertelsmann Stiftung sieht schlechtere Aufstiegschancen für die jüngere Generation

  • Von Simon Poelchau
  • Lesedauer: 3 Min.
Für immer mehr Menschen heißt Shoppen nur Schauen, weil der Aufstieg nicht klappt und das Geld knapp bleibt.
Für immer mehr Menschen heißt Shoppen nur Schauen, weil der Aufstieg nicht klappt und das Geld knapp bleibt.

Gerhard Schröder sprach gerne von der »Neuen Mitte«. Wie sein Kumpel Tony Blair wollte er sich damit einerseits von den Konservativen à la Helmut Kohl und Margret Thatcher, andererseits aber auch von der alten Sozialdemokratie abgrenzen. Natürlich war der Begriff vor allem politisch gemeint. Aber die arbeitsmarktpolitischen Reformen des letzten SPD-Kanzlers vor Olaf Scholz hatten auch massive Auswirkungen auf die Mittelschicht. »In Ost wie West gibt es eine Mentalität bis weit in die Mittelschicht hinein, dass man staatliche Leistungen mitnimmt, wo man sie kriegen kann«, legitimierte Schröder schließlich seine neoliberale Agenda 2010.

Wie sehr die Mittelschicht seit Mitte der 1990er Jahre gelitten hat, ist auch heutzutage noch spürbar. Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Studie der Industriestaatenorganisation OECD und der Bertelsmann Stiftung ist der Anteil der Mittelschicht in der deutschen Gesamtbevölkerung zwischen 1995 und 2018 um sechs Prozentpunkte auf 64 Prozent zurückgegangen. »Der Großteil dieses Rückgangs fand in den frühen 2000er Jahren statt, als sich die Einkommensunterschiede in Deutschland vergrößerten«, heißt es in der Studie. Die Mittelschicht habe sich trotz des Beschäftigungswachstums ab dem Jahr 2005 nicht erholt. Während in den späten 1990er Jahren die Einkommen »noch im Gleichschritt« wuchsen, entkoppelten sich in der Zeit von 2000 bis 2014 die oberen von den stagnierenden mittleren und sinkenden unteren Einkommen.

Zur Mittelschicht zählen die Wissenschaftler*innen Menschen, die zwischen 75 und 200 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben. Für einen Single entsprach dies im Jahr 2018 einem Nettomonatseinkommen von 1500 bis 4000, für ein Paar mit zwei Kindern einem verfügbaren Einkommen zwischen 3000 und 8000 Euro.

Insbesondere die untere Mittelschicht, die zwischen 75 und 100 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, ist der Studie zufolge abstiegsgefährdet. So rutschten 22 Prozent der Angehörigen dieser Einkommensgruppe zwischen 2014 und 2017 in die Unterschicht ab und waren damit am Ende arm oder von Armut bedroht. »Wer in Deutschland einmal aus der Mittelschicht herausfällt, hat es heute deutlich schwerer, wieder aufzusteigen«, erklärt Autorin Valentina Consiglio von der Bertelsmann Stiftung.

Dabei ist die Klassenzusammensetzung auch eine Generationenfrage. Insbesondere die Jüngeren haben es schwerer aufzusteigen. Der Anteil der 18- bis 29-Jährigen, die zur Einkommensmitte gehören, ist laut der Studie mit einem Rückgang von zehn Prozentpunkten besonders stark gesunken. So schafften es lediglich 61 Prozent der sogenannten Millenials (Jahrgänge 1983 bis 1996) nach dem Berufsstart in die Mittelschicht. Zum Vergleich: Bei den sogenannten Babyboomer*innen (Jahrgänge 1955 bis 1964) waren es noch 71 Prozent.

Damit steht Deutschland im sozialen Bereich schlechter da als die meisten anderen Mitglieder im Industriestaatenklub OECD. »Nur in Schweden, Finnland und Luxemburg schrumpften die mittleren Einkommensgruppen noch schneller«, schreiben die Studienautor*innen. OECD-weit wuchs die Mittelschicht hingegen leicht um 0,3 Prozentpunkte und beträgt derzeit rund 62 Prozent. So ist sie in Deutschlands Nachbarländern Frankreich und Polen zum Beispiel gewachsen.

Für die derzeitige Lage in Deutschland machen die Studienautor*innen auch den Niedriglohnsektor verantwortlich. »Der Anteil der Geringverdienenden in Deutschland ist seit Mitte der 1990er Jahre in den Haushalten der unteren Einkommensgruppen und der unteren Mittelschicht stark angestiegen«, schreiben sie. Dabei schwäche der große Niedriglohnsektor die Situation der unteren Einkommensgruppen zusätzlich, »da Niedriglohnjobs nur selten ein Sprungbrett in besser bezahlte Beschäftigung darstellen«.

Übrigens wird die Ausweitung des Niedriglohnsektors gemeinhin als eine Folge der Agenda 2010 angesehen. Und die war ja bekanntlich das große sozial- und arbeitsmarktpolitische Projekt des letzten sozialdemokratischen Kanzlers.

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