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Stolz und Unbehagen

Es lebe die Lyrik! Und das Stiefvatertum! »Fast ein Vater« von Alejandro Zambra ist drastisch und ironisch

  • Von Michael Bittner
  • Lesedauer: 4 Min.
Santiago de Chile ist so groß, und trotzdem finden sich die Liebenden wieder – rein zufällig, versteht sich.
Santiago de Chile ist so groß, und trotzdem finden sich die Liebenden wieder – rein zufällig, versteht sich.

Santiago de Chile, Anfang der 90er Jahre: Carla und Gonzalo sind jung und verliebt. Um ihren Gefühlen handgreiflichen Ausdruck zu verleihen, ohne der misstrauischen Mutter Carlas ins Auge zu fallen, betreiben sie ihr Petting auf dem Sofa verborgen unter einem übergroßen Poncho. Zum ersten Sex kommt es erst, als draußen ein Mormone überfahren wird und alle anderen Hausbewohner abgelenkt sind.

Doch empfindet Carla bei der Penetration keine Lust, sondern nur Schmerz, der durch den übereilten Samenerguss Gonzalos nicht eben gemildert wird. Gonzalo möchte seine sexuelle Ausdauer verbessern und wählt dazu die »grausame Methode«, sich während des Beischlafs »einen Parkinsonkranken vorzustellen, der eine Artischocke verzehrte«. Trotz dieser Mühe zerbricht die Jugendliebe bald, und die Teenager verlieren einander aus den Augen.

Diese kurze Zusammenfassung des ersten Kapitels verschafft vielleicht einen Eindruck von der Drastik, der Unverschämtheit und dem Humor, mit dem der chilenische Lyriker, Essayist und Erzähler Alejandro Zambra in seinem neuen Roman »Fast ein Vater« zu Werke geht. Er berichtet nicht nur vom unbeholfenen Treiben der Figuren, sondern auch vom eigenen Tun mit spielerischer Ironie: »Die Stadt Santiago ist so groß und ihre Viertel sind so unabhängig, dass Carla und Gonzalo sich eigentlich nie mehr wiedersehen müssten, doch eines Nachts, neun Jahre später, sehen sie sich wieder, und dank dieser Wiederbegegnung bringt es die Geschichte auf die notwendige Seitenzahl für einen Roman.«

Ein zufälliges Wiedersehen von Carla und Gonzalo in einem Klub führt zunächst nur zu einem »unverantwortlichen, frenetischen und schwer zu rechtfertigenden Fick«, schließlich jedoch zu einer ernsthaften und auch recht glücklichen Beziehung. Doch Carla ist, nach einer verkorksten Affäre mit einem »erbärmlichen Subjekt«, inzwischen Mutter eines Sohnes - so kommt Gonzalo zu einem ganz »unverhofften Familienleben«.

Es ist seltsam, dass das Verhältnis zwischen neuen Partnern und Kindern aus früheren Beziehungen, das im Patchwork-Zeitalter so alltäglich geworden ist, bislang noch nicht öfter in der Literatur thematisiert wurde. Das Wort »Stiefvater« hat - so wie das spanische Pendant Padrastro - noch immer einen schlechten Beiklang. Wie einfühlsam Alejandro Zambra diese Beziehung und die damit verbundenen Unsicherheiten behandelt, zählt zu den Höhepunkten des Romans: Gonzalo reflektiert seine neue Rolle mit einer Mischung aus Stolz und Unbehagen.

Auch seine Männlichkeit wird ihm zum Problem. Keinesfalls will er das Beispiel seines verantwortungslosen Großvaters nachahmen, eines Schürzenjägers, der im Roman nur »der Gockel« genannt wird. Behutsam nimmt Gonzalo sich seines Stiefsohns Vicente an, der schließlich wirklich Vertrauen zu ihm fasst. Die bewusste Zuneigung triumphiert über die plumpe Biologie.

»Poeta chileno«, so heißt Zambras Buch im Original. Der Suhrkamp-Verlag wollte diesen Titel den deutschen Leserinnen und Lesern nicht zumuten, wahrscheinlich, weil Lyrik als Regalblei gilt und ein Roman über Lyrik ebenso enden könnte. Doch der ursprüngliche Titel trifft den Kern des Buches besser. Der Protagonist Gonzalo träumt davon, ein »chilenischer Dichter« zu werden. Das ist keine Berufsbezeichnung, sondern der Name eines geradezu mythischen Wesens. Dichter sind in Chile populäre Gestalten - und Chile ist in der Welt vor allem bekannt für seine Dichter.

In seinem poetischen Ehrgeiz schreckt Gonzalo auch vor Lügen nicht zurück und zerstört damit schließlich sogar seine Beziehung zu Carla. Den Zweifel an seiner Berufung zum Lyriker wird Gonzalo allerdings nie ganz los: »Er wollte Gedichte schreiben, die niemand vorher geschrieben hatte, aber jetzt dachte er, dass niemand sie geschrieben hatte, weil es sich nicht lohnte, sie zu schreiben.« Immerhin gelingt es ihm, auch bei seinem Stiefsohn Vicente die Leidenschaft für Poesie zu wecken.

Im schwächsten Teil des Romans schickt Zambra eine amerikanische Journalistin aus New York nach Santiago, die, anfangs unterstützt von Vicente, die chilenische Lyrikszene erkundet. Sie begegnet auf einer Reise durchs Land zahlreichen realen Dichterinnen und Dichtern, zuletzt sogar dem uralten Nicanor Parra. Es wird viel über die Dichtkunst geredet, und einige Einsichten sind in der Tat trefflich: »Das Dichten bringt kein Geld, verlängert aber beträchtlich die Jugend.« Die Schriftstellerinnen und Schriftsteller bekommen auch die Gelegenheit, sich als trinkende, raufende und großtönende Originale zu präsentieren. Trotzdem liest sich das Buch in diesen Passagen manchmal wie eine Werbebroschüre, die beim ausländischen Publikum Interesse für das literarische Leben Chiles wecken soll.

Doch erholt sich der Roman von diesem Hänger, wenn am Ende die Hauptfiguren überraschend neu zusammentreffen. Alle sind sie auf unterschiedliche Weise mit der Lyrik verbunden, ja die Lyrik selbst wird zur Verbindung zwischen den Generationen. Wenn Zambras Roman trotz seiner Stärken nicht völlig überzeugt, dann weil sich die Geschichte am glücklichen Ende allzu sehr rundet und in ihrer prosaischen Klarheit eben den geheimnisvollen Reiz nur schwer vermitteln kann, der gelungene Poesie auszeichnet.

Alejandro Zambra: Fast ein Vater. A. d. Span. v. Susanne Lange. Suhrkamp, 460 S., geb., 24 €.

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