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Noise und Wucht

Hardcore, bis ins Letzte durchdacht: Ein Live-Album aus der Hochphase von Helmet

  • Von Benjamin Moldenhauer
  • Lesedauer: 3 Min.
Musik wie aus dem Presswerk - so muss man sich den Hardcore von Helmet vorstellen.
Musik wie aus dem Presswerk - so muss man sich den Hardcore von Helmet vorstellen.

»Strap it on« (1990), »Meantime« (1992) und »Betty« (1994) - das waren die ersten drei Alben der Band Helmet aus New York. Zusammen genommen stehen sie wie ein Monolith in der Gitarrenmusiklandschaft. Sie altern nicht. Musik wie ein Presswerk. Damals entwickelte Gitarrist und Sänger Page Hamilton an der Gitarre einen völlig eigenständigen Stil, der auf die Noise-Experimente von Sonic Youth und diverse Industrial-Hackereien zurückgriff, aber durch seinen massiven Sound verbunden mit Rhythmus-Verschiebungen einzigartig war. Und eigentlich auch nach wie vor ist - allen nachfolgenden Epigonen zum Trotz, die Derartiges ohne die Vertracktheiten von Hamilton und Helmet reproduzierten.

1997 folgte noch ein viertes Album, »Aftertaste« und der Bandsplit, der aber nur kurz währte. Denn seit 2004 sind Helmet wieder unterwegs. Allerdings ist von den Gründungsmitgliedern nur noch Hamilton dabei. Doch die seitdem erschienenen Alben beweisen, dass es genau diese spezifische Konstellation ist, die diese Musik so einzigartig werden ließ.

Jetzt ist das erste Live-Album von Helmet erschienen. Es dokumentiert die frühe, zentrale Phase der Band. Die Musik walzt dann auch alles nieder, es ist die reine Freude. »Live and Rare« enthält zwei Gigs. Im Januar 1990 spielten Helmet noch vor der Veröffentlichung des Debüts »Strap it on« im New Yorker Club CBGBs; das zweite Set wurde 1993 auf dem australischen »Big Day Out«-Festival aufgenommen. Man kann hier eine Band hören, bei der jede Note und jeder Schlag millimetergenau am richtigen Platz sitzen und von da aus nach vorne drängen. Keine Suchbewegung ist hier zu hören, stattdessen rhythmisch vertrackter Hardcore, der wirkt, als sei er bis ins Letzte durchdacht. Mit späteren kopflastigen Jazzcore-Geschichten, die Helmet ebenfalls maßgeblich beeinflusst haben, hat das trotzdem wenig zu tun, einfach weil diese Musik bei aller Perfektion trotzdem noch nach Punk und unmittelbarem Ausdruck klingt.

Der Auftritt in Australien zeigt Helmet auf der Höhe ihrer Kunst, kurz nach der Veröffentlichung des besten Albums, »Meantime«, von dem die Band hier fünf Stücke spielt. Dazu noch »Blacktop« vom Debüt und das auf einer frühen 7inch erschienene Stück »Oven«. Es wird noch einmal klar, dass die eigentliche Wucht von Bass und Schlagzeug kam, die hier so präzise zusammenspielen wie nirgendwo sonst, von den Minutemen und Steely Dan einmal abgesehen. Drummer John Stanier arbeitet mit einer schier unheimlichen Präzision, der Jaki Liebzeit des Hardcore sozusagen.

Alles an dieser Musik ist Rhythmus. Auch seine Stimme wollte Hamilton als Rhythmusinstrument verstanden wissen. Es gibt dementsprechend sonst kaum eine Band, bei der es einem derart egal ist, was genau da gesungen wird. Und wenn sich dann doch einmal so etwas wie eine Melodie durch die eigentlich undurchdringliche Mauer drückt (auf dem dritten Album »Betty« passiert das hin und wieder, dem letzten gelungenen), kriegt man immer einen kleinen Schreck. »Live and Rare« aber enthält den eigentlichen Kern dieser Musik, eine unwiederholbare Kombination aus rhythmischer Präzision, Noise und Wucht.

Helmet: »Live and Rare« (Earmusic/Edel)

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