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Wer klopfet an?

Spaß und Verantwortung: Wenn die Johanniter klingeln

  • Von Olga Hohmann
  • Lesedauer: 4 Min.
Lang leben die Leute, die aus den Krankenwagen steigen, besonders in der Adventszeit!
Lang leben die Leute, die aus den Krankenwagen steigen, besonders in der Adventszeit!

Als es vergangene Woche an meiner Tür klingelte, war ich mir sicher, es wäre der DHL-Mann. Ich rollte mich seitwärts aus dem Bett, rannte zur Tür, brüllte wie immer »Hinterhaus« in die Gegensprechanlage, schlüpfte in meine Hausschuhe mit Gesicht drauf, um dem (sich sonst schlecht gelaunt zu meiner Wohnung in den fünften Stock hochschleppenden) Paketboten entgegenzuschlurfen, öffnete die Wohnungstür und erschrak: Direkt davor stand ein Mann in einer leuchtend roten Uniform. Eindeutig eine Rettungssanitäterkluft, was mich, als ich es erkannte, noch einmal erschrecken ließ. Sofort hatte ich die klassischen Bilder vor Augen: »Frau Hohmann, wir müssen Ihnen leider mitteilen, dass es einen Unfall gab. Ihre Mutter, Ihr Vater, Ihr Freund ...« - und so weiter.

Der Rettungssanitäter sah den doppelten Schreck in meinen Augen und beruhigte mich: »Keine Angst, es ist nichts Schlimmes passiert.« Dann begann ein Monolog, der eine ganze Weile dauerte und so schnell - und sprachlich virtuos - vorgetragen war, dass ich von der rhetorischen Leistung meines Gegenübers so eingenommen war, dass ich Schwierigkeiten hatte, die für mich relevanten Informationen herauszufiltern. Ich konnte nur aufnehmen, dass der Mann in der roten Uniform zu den Johannitern gehörte, »der ältesten Hilfsorganisation Deutschlands«. Jetzt fiel mir auch das Abzeichen auf seiner Brust auf - und der darunterstehende Slogan: »Aus Liebe zum Leben«.

Nun fiel mir auch erst auf, dass der mir gegenüberstehende Mann irgendwie ganz attraktiv war - er hatte einen gleichzeitig so entschlossenen und gelassenen Ausdruck im Gesicht. Außerdem hatte er sich in seiner schweren Uniform die fünf Etagen nach oben geschleppt, um mir einen Monolog vorzutragen, den ich nicht verstand - das imponierte mir ebenfalls. Ich fühlte mich sofort geschmeichelt, dass er mir seine Zeit schenkte. Obwohl ich natürlich anfing zu ahnen, dass es um Geld ging.

Weil ich leicht abwesend vor ihm stand, wiederholte der rot gekleidete Mann noch einmal einige der Informationen. Ein weiteres Wort ließ mich aufhorchen: Urban-Krankenhaus. Der Mann schien also in meinem Lieblingskrankenhaus in Kreuzberg zu arbeiten, wo mir vergangenes Jahr »das Leben gerettet« worden war (so kam es mir zumindest vor, und das ist nur ein wenig übertrieben). Ich hatte ausschließlich positive Erinnerungen an mein Nachbarschaftskrankenhaus. Ich war spontan gerührt, dass jemand, der dort arbeitete, sich die Zeit nahm, mich zu Hause zu besuchen.

Diese Hingabe zum Lokalen kam mir derartig anachronistisch-religiös vor, dass ich an das Weihnachtslied »Wer klopfet an?« denken musste. Die mit Jesus hochschwangere Maria klopft, gemeinsam mit Joseph, an verschiedene Türen in und um Bethlehem herum - und stößt dabei auf Ablehnung. In dem Lied wird ein Dialog zwischen dem verzweifelten Paar und verschiedenen Bewohnerinnen Bethlehems illustriert: »Was wollt ihr denn?«, fragen die grimmigen potenziellen Gastgeber*innen. »Wir suchen Herberg heut«, wird ihnen geantwortet. »Oh, nein, nein, nein«, ist die Antwort und dann mehrmals hintereinander: »Es kann nicht sein, ihr kommt nicht rein.« Das Ganze erinnerte mich an die Situation vor Berliner Clubs, bei denen die Haltung der Bittstellung häufig durch das Outfit oder einen unbeteiligten Gesichtsausdruck kaschiert wird.

Ich weiß nicht mehr, was mich am Ende dazu bewog, dem Mann vor meiner Tür 30 Euro zu geben. Beziehungsweise den Johannitern, durch ihn. Vielleicht war es die Vorweihnachtszeit, sein Monolog, seine Ausstrahlung, seine Anstrengung, die fünf Etagen nach oben zu gehen, ohne sich zu beschweren, oder tatsächlich die Vorstellung, dass man mit einer kleinen Spende hilft, Kältebusse zu finanzieren - oder die Weihnachtsfeier im Urban-Krankenhaus. Aber vielleicht war es auch der kostenlose Erste-Hilfe-Kurs, den man als Dankeschön bekam - und die Aussicht, dort vielleicht den schönen Mann in der roten Uniform wiederbeleben zu dürfen (oder von ihm wiederbelebt zu werden).

Als er gegangen war und die Tür meiner Wohnung wieder geschlossen, schaute ich mir auf Youtube eine Aufnahme des Tölzer Knabenchores an, wie sie solistisch mit verteilten Rollen »Wer klopfet an?« performen: Achtjährige bayerische Jungs, kostümiert mit Schürze, Kleid, einem um den Kopf geschlungenen Tuch oder Hut, halten sich pantomimisch den schwangeren Bauch. Es war wunderschön.

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