Frankreichs Pannen-Reaktoren

Whistleblower decken Konstruktionsfehler bei neuartigen EPR-Atomkraftwerken auf

  • Ralf Streck
  • Lesedauer: 4 Min.

Drei Wochen war Funkstille bei der französischen Atomaufsicht (ASN), nachdem ein Whistleblower der »Kommission für unabhängige Forschung und Information über Radioaktivität« (Criirad) ans Licht gebracht hatte, welche gravierende Probleme es in den Atommeilern französischer Bauart im südchinesischen Taishan gibt. Atomexperten wie Yves Marignac hatten erklärt, jeder Tag, der ohne Dementi vergehe, verleihe der Hypothese mehr Gewicht, dass der sogenannte »European Pressurized Reactor« (EPR) einen »Konstruktionsfehler« aufweist. Jetzt fordert auch die ASN Aufklärung vom Kraftwerksbauer, wie die ASN der Zeitschrift »Reporterre« mitteilte.

Der französische Stromgigant EDF, der nach der Pleite der staatlichen Areva deren AKW-Sparte zugeschlagen bekam, muss die Vorgänge im Kernkraftwerk in Taishan nun aufklären. Solange das nicht geschieht, erhält auch der EPR-Neubau im nordfranzösischen Flamanville keine Genehmigung zur Inbetriebnahme.

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Frankreich wollte mit dem EPR vor 20 Jahren die »Renaissance der Atomkraft« einläuten. Doch ist seitdem in Europa nirgends gelungen, einen einzigen EPR ans Netz zu bringen. Die Vorgänge in Taishan könnten der definitive Todesstoß für den ERP sein, der ein Verkaufsschlager werden sollte. In Taishan war es der staatlich dominierten EDF über ihre Tochter Framatome in einem Joint Venture mit der chinesischen Gruppe China General Nuclear Power Group tatsächlich gelungen, 2018 den ersten EPR ans Netz zu bringen. Dort kam es aber vermehrt zu unerklärlichen Gasaustritten. Letztlich musste Taishan 1 am 30. Juli dieses Jahres wieder abgeschaltet werden, da die Gasbildung immer stärker wurde.

Im finnischen Olkiluoto werkelt man seit 2005 und in Flamanville am Ärmelkanal erfolglos mit immer neuen Problemen und Verzögerungen an zwei EPR-Reaktoren herum. Die französische Zeitung »Libération« berichtet von »verfluchten« Baustellen, auf denen sich »Verzögerungen häufen«. Olkiluoto sollte eigentlich seit dem Jahr 2009 Strom liefern, Flamanville seit dem Jahr 2012. Zuletzt hatte man in Flamanville und in Olkiluoto darauf gehofft, die Meiler endlich im kommenden Jahr ans Netz zu bringen.

Das ist nun wieder fraglich. Denn nach glaubhaften Angaben des Whistleblowers gibt es einen Konstruktionsfehler am Reaktordruckbehälter. Es kommt zum frühzeitigen Verschleiß, was die Sicherheit der Reaktoren infrage stellt. Criirad-Sprecher Bruno Chareyron spricht von »schweren Fehlfunktionen« und von »abnormalen Vibrationen«, die auch schon bei der Inbetriebnahme in Taishan beobachtet worden seien.

Die würden durch einen ungleichmäßigen Durchfluss von Kühlwasser und starken Turbulenzen im Reaktorbehälter hervorgerufen. Über starke Vibrationen seien unter anderem Brennelemente beschädigt worden, was zur verstärkten Gasbildung führte. Neu ist das Problem nicht, es wurde schon im Modellversuch in der Reaktorschmiede Creusot Forge in den Jahren 2007 und 2008 festgestellt. Damals gehörte die Schmiede noch zum Staatskonzern Areva, der nach seiner Pleite und Skandalen mit gefälschten Sicherheitszertifikaten zerschlagen wurde und zum Teil in Framatome und damit bei der EDF landete. Die Probleme hat man durch das Anbringen einer Stahlplatte unter dem Core zu lösen versucht, offenbar erfolglos.

Criirad geht von einem allgemein Fehler beim EPR-Reaktor aus. Die Atomaufsicht erklärt nun, dass die EDF, um eine Betriebsgenehmigung in Flamanville zu bekommen, zuerst den Nachweis erbringen muss, »dass der EPR Flamanville nicht betroffen ist, oder Vorkehrungen vorschlagen, die eine Beschädigung des Brennstoffs zu verhindern«. Die Kosten für den EPR sind ohnehin längst durch die Decke gegangen. Statt der veranschlagten 3,3 Milliarden Euro spricht der Rechnungshof schon von 19,1 Milliarden.

Frankreich hält trotz allem an seiner Atompolitik fest, allerdings macht Präsident Emanuel Macron längst einen Bogen um den EPR-Reaktor. Er schlägt nun kleine Modulare Reaktoren vor, die es allerdings noch nicht gibt. Er will unter anderem für die Forschung und die ruinöse Atomsparte insgesamt, nun die Atomkraft über die Taxonomie als »nachhaltige Energiequelle« einstufen lassen, um an Fördergelder zu kommen.

Grundsätzlich ist der Rechtsakt zur Taxonomie inzwischen angenommen, da die EU-Staaten gerade eine Frist verstreichen ließen, in der sie sie noch hätten ablehnen können. Zwar ist die Atomkraft noch nicht aufgenommen, aber sowohl EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen als auch Wirtschafts- und Währungskommissar Valdis Dombrovskis befürworten einen Deal, in dem auch Erdgas als nachhaltig eingestuft werden soll. Dombrovskis nahm nach der Tagung der EU-Finanzminister kürzlich vorweg: »Kernenergie und Erdgas sind in naher Zukunft abgedeckt«, weil im Energiemix der Europäischen Union nicht nur mehr saubere und erneuerbare, sondern auch stabile Energiequellen gebraucht würden.

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