Werbung

Gezielt 120 Bauern umgebracht

Der US-Drohnenkrieg im Nahen Osten kostet mehr Zivilisten das Leben als Militärs behaupten

  • Von Daniel Lücking
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine militärische Drohne vom Typ Northrop Grumman RQ-4, Global Hwak, der US-Streitkräfte. Auch der US-Luftkrieg wird in der Öffentlichkeit geschönt.
Eine militärische Drohne vom Typ Northrop Grumman RQ-4, Global Hwak, der US-Streitkräfte. Auch der US-Luftkrieg wird in der Öffentlichkeit geschönt.

Die »New York Times« hat am Wochenende rund 1300 Dokumente zum US-Drohnenkrieg veröffentlicht. Die Autorin und Universitätsprofessorin Azmat Khan, die dem Investigativ Ressort angehört, arbeitet seit Jahren an der Aufdeckung des wahren Ausmaßes des angeblich mit höchster Präzision geführten US-Luft- und Drohnenkrieges.
Die Berichte lesen sich zynisch: Ein Mann, der im November 2015 ein Kind in ein als »IS-Verteidigungsstellung« vermutetes Gebäude trägt, wird im irakischen Ramadi von einer Kampfdrohne beschossen. In den Untersuchungsprotokollen des US-Militärs wird im Anschluss vermerkt, es habe sich um »eine Person von kleiner Statur« gehandelt, berichtet Kahn.

2017 tötete das US-Militär im nordirakischen West Mossul eine vierköpfige Familie, die in ihrem Auto vor Gefechten flüchtete. Ein im Juli 2016 von US-Spezialkräften geführter Angriff in Nordsyrien, bei dem angeblich 85 IS-Kämpfer getötet worden seien, kostet 120 Bauern das Leben, die sich vor nächtlichen Gefechten in Sicherheit bringen wollten.
In den Protokollen der Drohnenbediener zeugt die verwendete Sprache von Verrohung. Ein Angriff wird als »Play time« bezeichnet, »Zeit zum spielen«.

Azmat Khan beschreibt auf Twitter, dass US-Kräfte auch nach dem ersten Luftschlag, nachdem sie bereits durch Videoaufnahmen zur Einschätzung gekommen waren, dass Kinder in den Trümmern des beschossenen Gebäudes herumirrten, einen weiteren Beschuss vornahmen. »In den Chatprotokollen der Besatzungen klingt es, als ob sie Videospiele spielen«, beschreibt Khan. Seit 2014 räumte das US-Militär 1417 getötete Zivilist*innen in Syrien und dem Irak ein sowie 188 getötete Zivilist*innen seit 2018 in Afghanistan. Die offiziell vermeldete Fehlerquote von vier Prozent, kann nach den Recherchen der »New York Times« nicht stimmen. Die Prüfungen haben ergeben, dass Fehlidentifizierungen in 17 Prozent aller untersuchten Fälle vorlagen und für fast ein Drittel der zivilen Toten und Verletzten verantwortlich sind. Über 50 000 Luftangriffe wurden in einem Zeitraum von fünf Jahren nur vom US-Militär geflogen.

Lesen Sie auch den Kommentar »Die Mär vom präzisen Töten«
von Daniel Lücking

Zivile Menschenrechtsorganisationen, wie »Airwars«, gehen von mindestens 22 000 getöteten Zivilist*innen im seit 2001 erbittert geführten Antiterrorkrieg aus. Mehr als 4800 davon in Afghanistan. »Man muss berücksichtigen, dass zivile Opfer fester Bestandteil von US-Luftangriffen sind. Das ist der Fall in Afghanistan und überall auf der Welt seit 20 Jahren – sowohl innerhalb, als auch außerhalb bewaffneter Konflikte«, zitiert die »Tagesschau« Annie Shiel von der Menschenrechtsorganisation Zentrum für Zivilisten in Konfliktgebieten (CIVIC).

Das US-Militär verteidigt die Handlungsweise und beruft sich darauf, selbst bei der besten Technologie der Welt könnten Fehler passieren. Man bedauere »jeden Verlust eines unschuldigen Lebens« und tue »alles, um Schaden zu vermeiden.«

»Wie eine Kampfdrohne zum Verkaufsschlager wurde«
beschreibt Cyrus Salimi-Asl

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung