Die Mahner am Auswärtigen Amt

Abu und Ahmad Toran stehen seit Monaten vor dem Ministerium und fordern die Evakuierung der verbliebenen Ortskräfte in Afghanistan

  • Von Lola Zeller
  • Lesedauer: 9 Min.
Abu und Ahmad Toran demonstrieren seit August vor dem Auswärtigen Amt in Berlin.
Abu und Ahmad Toran demonstrieren seit August vor dem Auswärtigen Amt in Berlin.

Es ist ein kalter Wintertag. Während ein reich geschmückter Weihnachtsbaum durch die Glasfront vor dem Haupteingang des Auswärtigen Amtes in Berlin leuchtet, versammeln sich auf dem Platz gegenüber etwa 30 Aktivist*innen. Sie haben Megafone, Kekse, Tee und Transparente mitgebracht. »Don’t forget Afghanistan« steht auf dem größten Banner - »vergesst nicht Afghanistan«, das ist das Motto der Veranstaltung. Die Menschen sind zusammengekommen, um auf die anhaltende Katastrophe in Afghanistan aufmerksam zu machen.

»Wir fordern: Keine diplomatische Anerkennung der Taliban!«, ruft Bijan Sabbagh ins Megafon. Es sei die Verantwortung der deutschen Regierung, Fluchtkorridore zu schaffen, um Menschen eine sichere Ausreise aus Afghanistan zu ermöglichen und langfristige Bleibeperspektiven zu schaffen.

Mit der Aktion wollen sie auch Abu und Ahmad Toran unterstützen. Die beiden Brüder aus Afghanistan demonstrieren seit August vor dem Auswärtigen Amt für die Evakuierung ihrer Familie aus Masar-e Scharif und die Aufnahme aller Ortskräfte, die für die Bundeswehr gearbeitet haben. »Seit vier Monaten stehen wir jeden Tag von acht bis acht hier und haben noch keine Antwort erhalten«, sagt Abu Toran auf der Kundgebung. Er könne nicht verstehen, wie Familien, die »Schulter an Schulter mit 32 Nationen« zusammengearbeitet haben, jetzt den Taliban überlassen werden. »Die Leute aus Afghanistan bekommen null Unterstützung von den westlichen Ländern, von Europa, Deutschland, den USA.«

Abu Toran spricht auch die Situation seiner eigenen Familie an: Sein Bruder sei von den Taliban verschleppt und gefoltert worden. Nur mit Glück habe seine Familie ihn noch rechtzeitig finden und freikaufen können. Jetzt fehle aber seit einer Woche von ihrem Onkel jede Spur. »Er war acht Jahre Ortskraft, nun haben wir den Kontakt zu ihm verloren«, so der 22-Jährige. Er befürchtet das Schlimmste. »Unsere Familienangehörigen sind dort in Lebensgefahr

Mit Annalena Baerbock als neuer Außenministerin hofft er auf eine Besserung der Lage. »Sie muss alle Ortskräfte und Familien sofort evakuieren und Online-Visa ermöglichen«, sagt er auf der Kundgebung. Baerbock habe die Wahl, ob sie mit den Taliban verhandelt oder nicht. »Es darf keine Anerkennung der Taliban geben«, meint auch er. Sie seien verantwortlich für Krieg, Bomben und Unterdrückung. Er selbst sei im Krieg aufgewachsen und wünsche keinem anderen Menschen dieses Schicksal.

Abu und Ahmad Toran sind 2015 aus ihrer Heimat Masar-e Scharif über die Mittelmeerroute nach Deutschland geflohen. »Direkt in meiner Nähe sind immer wieder Menschen umgebracht worden«, erzählt Ahmad Toran. Der 32-Jährige hatte seit 2006 für die Bundeswehr gearbeitet. Er hat übersetzt, war Verkäufer und hat immer dann Aufgaben übernommen, wenn Hilfe gebraucht wurde. »Wenn ich gewusst hätte, wie sehr sie uns verarschen, hätte ich keine Sekunde für sie gearbeitet«, sagt Ahmad Toran. »Sie kamen in ein armes Land, nutzten die Menschen aus, und als sie fertig waren, sind sie wieder gegangen, und es gibt keine Hilfe für die Zurückgebliebenen«, sagt er. Von der Bundeswehr fühlt er sich ausgenutzt.

Demonstratin am 9. Dezember am Auswärtigen Amt in Berlin
Demonstratin am 9. Dezember am Auswärtigen Amt in Berlin

Aber er erzählt auch, wie er durch die Arbeit für die Bundeswehr, die gut bezahlt habe, seine zehn Geschwister zur Schule schicken konnte. »Unsere Situation in Masar-e Scharif war nicht so gut, aber seit der Arbeit bei der Bundeswehr lief es besser«, erzählt sein Bruder Abu Toran. »Das war die Leistung meines Bruders und meiner Familie.« Er selbst sei noch zur Schule gegangen, als er mit seinem Bruder zusammen die Flucht ergriff.

Nun sind die beiden in Sicherheit und versuchen alles, um den Rest der Familie nachzuholen. »Unsere Familie muss ständig die Unterkunft wechseln. Wir können kaum Kontakt mit ihnen halten, weil jeder Anruf gefährlich ist«, meint Abu Toran. Inzwischen sei zumindest einer ihrer Brüder - jener, der verschleppt worden war - auf einer Evakuierungsliste des Bundesinnenministeriums untergekommen, weil Abu und Ahmad Toran seine Entführung durch die Taliban protokolliert und eingereicht haben. »Eigentlich müsste unsere ganze Familie auf dieser Liste stehen«, sagt Abu Toran.

Die ist lang, umfasst 18 Personen. Sechs Angehörige haben für die Bundeswehr gearbeitet. Aber auch die anderen sind teilweise gefährdet, weil sie Beamte, Ärzte und Anwälte sind. »Meine Frau ist Fachärztin und hat sechs Jahre mit der Bundeswehr zusammengearbeitet«, erzählt Ahmad Toran. Die Taliban hätten inzwischen die Apotheke der Familie zerstört und die Klinik, in der sie als Ärzte gearbeitet haben, berichtet sein Bruder Abu. »Sie sagen, das Geld sei schmutzig«, erzählt Ahmad, »aber ich habe damit meine Familie ernährt, ich habe Tag und Nacht mit der Bundeswehr zusammengearbeitet, musste immer erreichbar sein.« Beide können sie nicht verstehen, warum ihre Familie und die anderen Ortskräfte hängengelassen werden. »Sie müssen uns helfen, das ist unser Recht, das steht in unserem Vertrag«, sagt Ahmad Toran.

Die Brüder haben bisher kein Asyl in Deutschland erhalten, sondern sind lediglich geduldet. Beide sind bei der Einreise nach Deutschland getrennt worden, Ahmad, der Ältere, lebte in Frankfurt am Main und Abu dagegen in Bielefeld. »Ich wollte dort die Schule fertigmachen«, erzählt der 22-Jährige. Die achte bis zehnte Klasse hat er besucht, wollte dann auf eine weiterbildende Schule, aber aufgrund der Duldung sei ihm gesagt worden, er müsse eine Arbeit oder Ausbildung finden. »Deshalb habe ich mich von der Schule abgemeldet, aber dann wurde mir gesagt, wegen der Duldung könne ich nicht arbeiten oder eine Ausbildung anfangen. Dann wusste ich gar nicht mehr, was ich machen soll.«

Auch sein Bruder Ahmad hat mit dem ungewissen Aufenthaltsstatus zu kämpfen. »Ich habe viele Jobs gehabt, seit ich hier bin, in der Gastro und im Schichtdienst. Nur einmal, im Jahr 2016 war ich ohne Arbeit. Aber immer, wenn sie die rote Linie in meinem Pass sehen, können sie mich nicht weiterbeschäftigten«, erzählt er. Letztes Jahr habe man ihn sogar abschieben wollen, aber das sei wegen der eskalierenden Lage in Afghanistan ausgesetzt worden. Eigentlich sollten nur Straftäter abgeschoben werden, betonten verantwortliche Politiker*innen immer wieder. Aber tatsächlich hätte es auch ihn treffen können.

Die beiden Brüder sind dann im Sommer zusammen nach Berlin gefahren, als die Nato-Truppen aus Afghanistan abgezogen und die Ortskräfte zurückgelassen wurden. Untergekommen sind sie bei Freund*innen. »Hier sind die Politiker, die etwas dagegen tun können und müssen«, sagt Abu Toran. Deshalb stehen sie seit Monaten vor dem Außenministerium. Zwischenzeitlich waren sie sogar im Hungerstreik. Bisher ohne Erfolg. »Mein Herz zerspringt in tausend Teile, wenn ich an meine Familie in Afghanistan denke. Seit sieben Jahren habe ich sie nicht gesehen«, sagt Ahmad Toran.

Inzwischen sind die Brüder gut vernetzt und arbeiten mit Mission Lifeline, der Kabuler Luftbrücke, Reporter ohne Grenzen und Ärzte ohne Grenzen zusammen, die alle so viele bedrohte Menschen wie möglich aus Afghanistan evakuieren wollen. »Wir sammeln Dokumente und versuchen, ein Aufenthaltsrecht für die Menschen zu bekommen und sie da rauszuholen«, so Abu Toran. Aktuell arbeiteten sie an einer Liste mit 1600 Ortskräften und deren Angehörigen, die Verträge mit der Bundeswehr, dem Verteidigungsministerium oder dem Bundesinnenministerium hätten. Der Plan ist, mit einem Anwalt von Mission Lifeline vor dem Europäischen Gerichtshof für die Aufnahme der Menschen zu klagen. Seit Beginn ihres Protestes haben sie ihre Inhalte noch erweitert. »Es geht uns nicht mehr nur um die Ortskräfte, wir wollen auch Reporter, Aktivisten und Politiker in Sicherheit bringen«, sagt Abu Toran.

Die Brüder haben durch ihren Aktivismus und ihr Durchhaltevermögen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht. So wurden sie von einer Lehrerin nach Neukölln ins Ernst-Abbe-Gymnasium eingeladen, um einer Schulklasse von ihrer Geschichte und ihrem Anliegen zu erzählen. »Wir machen verschiedene Aktionen oder Küchen für alle, um Geld zu sammeln für Menschen in Afghanistan«, sagt Abu Toran. Sie wollen auch Menschen unterstützen, die es erst vor Kurzem aus Afghanistan nach Deutschland geschafft haben. Mit ihren Erfahrungen, die sie in den zurückliegenden sechs Jahren gesammelt haben, wollen sie helfen.

Die Brüder haben sich auch mit Aktivist*innen vom International Women Space, We’ll Come United und Abolish Frontex an einer Podiumsdiskussion im Haus der Statistik beteiligt. Anliegen der zweitägigen Veranstaltung »Green Light Fundraisers« war es, Sach- und Geldspenden für die an der polnisch-belarussischen Grenze Festsitzenden zu sammeln.

Auf dem Podium spricht der Jüngere Abu für die Brüder. Er klagt über die Europäische Union und übt fundamentale Kritik: »Sie könnten helfen, aber sie machen es nicht. Wenn die Regierungen all das Geld, das sie für Armeen ausgeben, in bessere Strukturen für alle investieren würden, dann könnte es für uns alle ein gutes Leben geben.«

Die Mitdiskutierenden sprechen auch über ihre Erfahrungen mit dem Asylsystem in Deutschland, die Zeit, die sie in Heimen verbringen mussten, aus denen sie nicht raus durften und jahrelang auf die Anhörungen der Asylbehörden warten mussten. »Das habe ich alles auch so erlebt in den sechs Jahren, in denen ich hier bin«, sagt Abu Toran. Auch er fühlt sich minderwertig behandelt durch die deutschen Behörden, aber auch durch die Gesellschaft. Zum Zurücklassen der Ortskräfte, die für die Bundeswehr gearbeitet haben, sagt er: »Es ist das erste Mal, dass ich sehe, wie ein Land seine eigenen Leute im Stich lässt.« Und er schlussfolgert, dass der Grund dafür nur Rassismus sein könne.

Auf dem Podium plädiert er für eine stärkere Vernetzung und Zusammenarbeit der Gruppen und Organisationen, um geflüchtete und gefährdete Menschen zu unterstützen. »Wir müssen zusammenhalten und dagegen stehen und zeigen: Wir haben Rechte, und wir nehmen sie uns, egal, wie lange es dauert«, erklärt er. »Wir wollen deutschlandweit ein Bündnis aufbauen, um Menschen in Lebensgefahr aus Afghanistan rauszuholen.«

Auch sein Bruder blickt kämpferisch in die Zukunft. »Wir sind schon 200 geworden, vielleicht werden wir bald 2000«, sagt er. Er zieht auch in Erwägung, erneut in den Hungerstreik zu treten, wenn sich nichts ändere. »Wir werden keine Ruhe geben, bis die Leute in Sicherheit sind. Wir kämpfen auch für die nächste Generation - damit sie nicht im Krieg aufwachsen muss wie wir.«

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