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Impfung schützt doppelt

Eine Schwangerschaft ist ein Risikofaktor für schwere Verläufe von Covid-19

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein Kind wird geboren. Ein natürlicher Vorgang im besten Fall, aber dennoch kräftezehrend und teils schmerzhaft für die Mütter. Die Geburtsmedizin kennt zudem etliche Risikofaktoren und Vorerkrankungen, bei denen eine ärztliche Betreuung nötig ist: Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes, Gerinnungsstörungen oder Infektionen. In die Gruppe der Letzteren gehört seit fast zwei Jahren auch Covid-19.

Im Verlauf der Pandemie wurde schnell klar, dass wiederum die Schwangerschaft ein Risikofaktor für schwere Krankheitsverläufe nach einer Infektion mit Sars-CoV-2 ist. Das Risiko ist deutlich höher als bei gleichaltrigen nicht schwangeren Frauen - vor allem im letzten Schwangerschaftsdrittel. Das hängt unter anderem damit zusammen, dass sich im Verlauf der Schwangerschaft das Lungenvolumen durch das Kindeswachstum verringert. Das Immunsystem der werdenden Mutter ist heruntergefahren, damit es das Baby nicht angreift. Damit gehört sie auch ohne Vorerkrankungen zur Risikogruppe. Weitere Faktoren wie erhöhtes Alter, Übergewicht oder Vorerkrankungen vergrößern das Risiko erheblich.

Im Einzelnen haben die werdenden Mütter ein dreifach erhöhtes Risiko für eine Beatmung, ein zweieinhalbfach erhöhtes, dass sie an die künstliche Lunge müssen, sowie ein fast doppelt so hohes Risiko, dass sie an Covid-19 versterben, heißt es dazu etwa aus der Nationalen Stillkommission. Laut einer US-amerikanischen Studie starben pro 100 000 Mütter fünf ohne Covid-19, von denen mit dieser Erkrankung waren es 141.

Entbindungen auf der Intensivstation erfolgen meist vor dem errechneten Zeitpunkt der Geburt - neben der schwer erkrankten Mutter muss das frühgeborene Kind versorgt werden. Abhängig davon, wie viele Tage oder Wochen das Kind zu früh auf die Welt kommt, sind Komplikationen zu erwarten: Sauerstoffmangel durch unreife Lungen, Atemstillstand direkt nach der Geburt, Hirnblutungen oder eine höhere Infektanfälligkeit. Je nach Ausprägung können diese Symptome behandelt werden.

Ein so schwerer Start ins Leben kann aber auch nach Jahren noch Folgen haben. Darunter sind häufig chronische Atemwegserkrankungen, aus denen sich Asthma entwickeln kann. Bei extrem früh Geborenen treten spastische Lähmungen oder geistige Behinderungen infolge einer Hirnschädigung auf. Manche dieser Kinder lernen nicht laufen, andere können nur eingeschränkt hören oder sehen. Im schlechtesten Fall verstirbt das Kind.

Bisher wurden entsprechend den Bestimmungen des Infektionsschutzgesetzes bundesweit etwa 10 000 Fälle von Sars-CoV-2-positiven Schwangerschaften gemeldet. Darunter waren zahlreiche intensivpflichtige Patientinnen sowie mehrere Fälle mit tödlichem Ausgang. Die Verteilung scheint regional zu variieren: Nach Medienberichten aus Bayern werden etwa in verschiedenen Münchner Kliniken jeweils gleich mehrere schwer erkrankte Schwangere betreut.

Auch Registerdaten aus Deutschland zeigen, wie sich verschiedene Risiken in Bezug auf Covid-19 im Verlauf der Schwangerschaft entwickeln: Kritisch wird es zu deren Ende. Das Hospitalisierungsrisiko beträgt dann 20 Prozent. Bei einer Ansteckung in der 30. Schwangerschaftswoche liegt das Risiko, dass es zu einer vorzeitigen Entbindung kommt, bei 10 Prozent. Dann ist auch das Risiko am höchsten, dass die Versorgung in einer Intensivstation nötig wird.

Derartige Erkenntnisse zeigen, wie nützlich Register für die Entwicklung von Therapieoptionen sind. In Deutschland werden die Daten aus der Geburtshilfe im Cronos-Register erhoben. 2020 hatten insgesamt 115 Einrichtungen Angaben zu 224 647 Geburten eingestellt, das entspricht etwa einem Drittel der 773 144 Geburten im Land insgesamt.

Neugeborene Kinder haben auch bei zuvor positiv getesteter Mutter keine Krankheitszeichen. Nach den Daten des deutschen Cronos-Registers waren 33 der bisher 2864 in Verbindung mit einer Corona-Infektion geborenen Babys in Deutschland ebenfalls positiv getestet. Es gibt zudem auch keine Hinweise darauf, dass das Virus Fehlgeburten auslöst.

Vermeidbar scheinen schwere Covid-19-Verläufe in der Schwangerschaft aus heutiger Sicht vor allem durch eine Impfung. Das war jedoch noch nicht klar, als die ersten Impfstoffe vor etwa einem Jahr in der EU zugelassen wurden. Viele Schwangere sahen sich mit dieser Entscheidung alleingelassen und schlecht informiert. Inzwischen wird von Experten dringend zur Impfung geraten, da sie vor allem die Mutter vor schweren Verläufen schütze - aber auch das Kind. Auch Mediziner hierzulande verweisen in diesem Zusammenhang auf eine US-Studie, veröffentlicht im »American Journal of Obstetrics und Gynecology«. Diese zeigt, dass Schwangere und Stillende nach einer mRNA-Impfung gegen Sars-CoV-2 schützende Antikörper bilden und diese auch an das Ungeborene bzw. den Säugling weitergeben.

Für die Frauen sei die Impfung gut verträglich, Impfregister weisen auf ähnlich häufige, nicht schwerere Nebenwirkungen als bei anderen jungen Frauen hin, so etwa Monika Berns, Neonatologin an der Charité Berlin. Seit September empfiehlt die Ständige Impfkommission die Impfung daher auch für Frauen ab dem zweiten Schwangerschaftsdrittel und in der Stillzeit ausdrücklich.

Zuvor waren Daten aus einer israelischen Studie mit mehr als 20 000 Schwangeren veröffentlicht worden, die den mRNA-Impfstoff von Biontech erhalten hatten. Nach der zweiten Dosis lag die Wirksamkeit gegen Infektionen bei 96 Prozent, gegen Erkrankungen bei 97 Prozent und gegen die Notwendigkeit einer stationären Versorgung bei Covid-19 bei 89 Prozent. Relativierend muss hinzugefügt werden, dass sich das auf die Alpha-Variante von Sars-CoV-2 bezieht.

Ersten Studien zufolge wirken die derzeitigen Impfstoffe bei der neuen Virusvariante Omikron nicht so gut wie bei Delta oder anderen bisherigen Varianten. Für die Ungeborenen und Säuglinge geimpfter Mütter ist auch deshalb noch nicht klar, wie gut mütterliche Antikörper sie vor Omikron schützen können.

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