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Felsen, Bisons und Schamanen

Russlands größte Teilrepublik Sacha (russisch: Jakutien) wird von der gewaltigen Lena und ihren Nebenflüssen geprägt

  • Von Carsten Heinke
  • Lesedauer: 8 Min.
Anlanden in Kjusjur: Die MS
Anlanden in Kjusjur: Die MS "Michail Swetow" auf der Lena

Die späte Sonne lässt die Lena silbern schimmern. Selbst der Feuerball ist nur noch ein orangefarbener Punkt am unendlichen Himmel von Sibirien. Je weiter er sich seinem Spiegelbild im Wasser nähert, umso mehr scheint er die lila-grauen Wolken mit in den kilometerbreiten Strom hinabzuziehen. Wer ihn nicht kennt, hält ihn für einen See.

Am hohen Ufer liegt das Flussschiff »Michail Swetlow« vor Anker, dahinter - dunkel und geheimnisvoll - die Taiga. Unter ihrem dichten Dach aus Laub und Nadeln hat die Nacht bereits begonnen. Matrosen sammeln Treibholz für ein Lagerfeuer. Kaum brennt es, bildet sich darum ein Menschenkreis. Kaum jemand ist jetzt wohl noch an Bord.

Ein großer, schlanker Mann mit Lederfransenjacke hebt beschwörerisch die Arme. Von seiner Mütze aus Polarfuchsfell hängt ein Schwanz aus hellem Rosshaar. Ebensolches schmückt den Stab in seiner Hand. Weiße Tiere, ganz besonders Pferde, sind den schamanischen Jakuten heilig. Mit unbewegtem Blick ins Feuer fängt Dmitri Artjomow an zu singen. In seiner Muttersprache wendet er sich an die Geister.

Jemand schlägt die Trommel. Ihrem monotonen Rhythmus folgt - mit theatralischen Bewegungen - Dimitris feierlicher Sprechgesang, immer wieder unterbrochen vom Klang des Chomus, der Maultrommel. Schließlich fängt er an, sich um das Feuer zu bewegen. Wie von selber machen alle mit. Der Osuochai beginnt: ein Rundtanz, der für den Lebenskreis und die Geburt des Universums steht. Vorlage all dieser Traditionen liefert das nationale Epos Olonchó, um das sich die komplette Volkskultur Jakutiens (jakutisch: Sacha) dreht.

Die größte autonome Republik der Russischen Föderation breitet sich weit über deren Nordosten aus. Ihre Fläche ist neunmal so groß wie Deutschland, ihre Bevölkerung jedoch ums Neunzigfache kleiner. Maßgeblich geprägt wird dieses menschenleere Riesenland von »Mütterchen Lena« und deren Nebenflüssen.

Eishöhle statt Kühltruhe

Der nach dem Amur mit 4400 Kilometern zweitlängste Strom Russlands entspringt unweit vom Baikalsee. Seinen heute bekanntesten Namen verdankt er den Kosaken, die Anfang des 17. Jahrhunderts auch den Fernen Osten von Sibirien ins Reich der Zaren holten. Ihren »Großen Fluss« nannten die ewenkischen Ureinwohner »Uly Yene«, die jakutischen »Ölüöne«. »Die Russen machten ihn zur Lena«, sagt Irina Struck, die Reiseleiterin aus Moskau.

Kinder auf einem Tanzfest in Jakutsk
Kinder auf einem Tanzfest in Jakutsk

Selbst hat die froh gelaunte Germanistin eine sowjetische und deutsche Vergangenheit. Seit sie für den Berliner Reiseveranstalter Lernidee arbeitet, ist sie gleichfalls auf den großen Strömen von Sibirien zu Hause.

Wie jede Reise auf der Lena hat auch diese in Jakutsk begonnen. Die Hauptstadt der Republik Sacha liegt etwa 6,5 Flugstunden von Moskau entfernt. Mit 300 000 Einwohnern - einem Drittel der Gesamtbevölkerung des Landes - ist sie dessen einzige Metropole. Ihre Nähe zum Nordpol macht sie zur kältesten Großstadt der Welt. Wintertemperaturen bis zu 60 Minusgraden und darunter sind keine Seltenheit. Schulfrei gibt es »schon« ab 45 Grad unter null.

Geprägt von modernen Zweckbauten, beschränkt sich Jakutsks Bestand an interessanten älteren Gebäuden auf ein paar Kirchen und Bauten aus der Sowjetzeit. Ein Komplex aus rekonstruierten historischen Holzhäusern inklusive Festungsturm Ostrog, Palisadenzäunen und holzgepflasterten Straßen soll an die frühere Altstadt erinnern. Spektakulär ist das Mammutmuseum mit sensationellen Funden wie einem komplett erhaltenen Mammutbaby und vielen vollständigen Skeletten. Sehenswert sind ebenso das Ethnologische sowie das Maultrommelmuseum und das »Reich des ewigen Frostes«.

Dieses unterirdische Labyrinth am Rand der Stadt war früher ein Gemüselager. Nach der Wende wurde es zur Dauerschau für Eisskulpturen. Die kunsthandwerklichen Objekte und Figuren sind bunt beleuchtet und stehen in höhlenartigen Gängen und Räumen, in denen Schnee liegt und Eiszapfen von den Decken hängen. »Wer in Sacha einen Keller hat, braucht keine elektrische Kühltruhe«, kommentiert Irina den sommerlichen Rundgang durch die minus fünf Grad kalte Ausstellung. Für Eisschnitzkunst und Lebensmittel ist die ganzjährige Bodenkälte äußerst praktisch.

Dennoch zeigt an diesem Sommertag in Jakutsk das Thermometer 28 Grad im Schatten, als die Flussschiffpassagiere mit jeder Menge warmer Sachen im Gepäck zum Kreuzfahrthafen kommen. Der erste Reisetag liegt hinter ihnen. Viele kennen sich bereits. Entsprechend munter ist die Stimmung auf dem Kai. Bis zu 160 Passagiere haben Platz auf der »Swetlow«. Um die 100 schiffen sich für diese Reise ein. Von Jakutsk geht es zunächst in Richtung Süden.

Felsenburgen, Birken, Burunduks

Umringt von dichter Taiga, erheben sich am frühen Morgen die ersten Sand- und Kalksteinfelsen. Bis zu über 300 Meter in die Höhe wachsen sie am linken, östlichen Ufer. Immer mehr erinnern ihre Formationen an Gebäude. Meisterwerke der Naturarchitektur! Manche ähneln Kathedralen oder Burgen mit Türmen, Kuppeln oder Zinnen. Andere - verblüffend gleich in Größe und Gestalt - reihen sich zu fast symmetrischen Arkaden.

Der Blick von den Gipfeln fügt die Felsenbilder in monumentale Panoramen ein. Ganz gleich, von wo man schaut, spürt man sich in der Mitte zwischen Fluss und Himmel. Alles ist gewaltig groß, unendlich weit und traumhaft schön.

Der Weg nach oben führt durch einen Wald aus Tannen, Zedern, Lärchen wie auch Birken mit strahlend weißen Stämmen. Possierliche Burunduks - Sibirische Streifenhörnchen - kommen plötzlich aus dem grünen Nichts gesprungen, um sofort wieder ins Gebüsch zu huschen.

Gleich hinter dem rund 80 Kilometer langen Nationalpark »Lena-Säulen« wartet eine ganze Herde großer Tiere auf die Flusskreuzfahrer. Es sind die Bisons von Ust-Buotama. Bis vor 5000 Jahren waren diese imposanten Büffel in Sibirien zu Hause. »Über die Beringstraße bevölkerten sie einst von hier aus Nordamerika. In Sibirien starben sie vor rund 5000 Jahren aus«, erklärt Studentin Kjun, die die Gäste durch das Reservat begleitet.

Per Rückimport aus Kanada sowie durch Nachzucht sorgt man nun hier dafür, dass es in Sacha bald wieder eine stabile Bison-Population gibt. »Die ersten Gruppen wurden schon erfolgreich ausgewildert«, berichtet die angehende Biologin.

Bärenspuren, tolle Hechte

Die Fahrt geht nun nach Norden, nun an Jakutsk vorbei und am Polarkreis, immer weiter Richtung Arktis. Wenn auch die dunklen Wälder an den Ufern voller wilder Tiere sind: Den Passagieren der »Swetlow« zeigen sie sich nicht. Immerhin verleihen frische Bärenspuren einem »grünen Stopp« den Hauch von Abenteuer.

In der einen Hand die Angel, in der anderen ein Bündel Hechte, stapft auf der Sandbank ein junger blonder Russe in Gummistiefeln Richtung Schiff. Schon kurz darauf sieht man den netten Burschen in korrekter Uniform auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz, der Brücke. Es ist Nikolai Banjkow, der Kapitän der MS Michail Swetlow. Der 37-Jährige ist leidenschaftlicher Flussschiffer - und Angler.

Schigansk am westlichen Lenaufer ist das erste Dorf hinter dem Polarkreis. Wie die meisten Ewenken und Jakuten glauben seine Bewohner außer an die Geister der Natur und ihrer Ahnen auch an den Christengott. Zu Ehren der Schiffsreisenden läuten die Kirchenglocken von »Sankt Nikolaus«. Gleich daneben singen, musizieren, tanzen junge Dorfbewohner nach alter Tradition. Sie tragen pelzbesetzte Ledersachen, reich bestickt mit bunten Perlen - ihre Omas, die das Ganze mit den Handys filmen, ebenso.

Durch die Röhre in das Delta

Die landschaftlichen Szenerien, die in den nächsten Tagen bis zum Polarmeer folgen, übertrumpfen sich von Mal zu Mal. Zu den ersten Höhepunkten zählt das Mündungsgebiet des Flusses Wiljui. Mit all der Wildheit, Macht und Weite, die hier dem Reisenden begegnen, werden ihm die Dimensionen dieser menschenleeren Flusslandschaft bewusst.

Hinter Kjusjur, zwischen den Nordausläufern der Werchojansker und den Tschekanowski-Bergen, zwängt sich der Fluss durch ein enges Tal mit Felswänden, die Hunderte Meter hoch ragen - die Lena-Röhre. An der schmalsten Stelle misst die Lena hier »nur« noch 1600 Meter. Drängen sich unten manchmal noch die dichten Wälder, sind die Hänge weiter oben nur noch kümmerlich bewachsen. Beim Durchqueren dieser Schlucht passiert das Schiff die Grenze von Taiga zu Tundra. Fortan herrscht die Arktis über Tier- und Pflanzenreich.

Gleich nach der Röhre verbreitert sich der Strom gewaltig. Hinter der Felseninsel Stolb, der »Wächterin der Laptewsee«, teilt er sich zunächst in drei große Arme, die sich bald immer mehr verzweigen. Das Lenadelta ist erreicht. Bis weit hinein ins Nordpolarmeer zieht es sich als Labyrinth aus Tausenden von Wasserläufen, Seen und Inseln. Dank der ungeheuren Wasser- wie auch Schwemmsandmassen, die die Lena mit sich bringt, wächst das Delta permanent.

Sibirische Herzlichkeit

Die MS »Michail Swetlow« ankert in der Nejelow-Bucht. Mit Bussen geht es in die Sonderzone Tiksi. Einst wichtiger Handels- und Militärstandort am Polarmeer, scheint heute in dem Hafenort eher der Hund begraben zu sein. Insbesondere der ehemalige Wohnbezirk der Armeefamilien gleicht einer Geisterstadt.

Auch im Zentrum, wo sich das Leben zwischen tristen Sowjetbauten abspielt, findet man kaum schöne Ecken. Weil es kaum noch Arbeit gibt, sind viele weggegangen. Doch die gute Laune derer, die noch da sind, ist verblüffend.

Kostproben ihrer Volkskultur liefern den Flusskreuzfahrern die Jakuten und Ewenken bei fast jedem Landgang. Doch viel eindrücklicher als Folklore oder Kulinarisches sind die persönlichen Kontakte, die sich bei den Exkursionen meist ganz zufällig ergeben. Immer wieder berühren die spontane Offenheit und Herzlichkeit der Menschen.

Vom Lenaufer her erklingt am Abend das helle, mehrstimmige Pfeifen einer Kehlkopfsängerin. Dann schickt eine Maultrommel ihre federnd-schwingenden Töne über die Wiese. Wie zappelige Heupferdchen hopsen sie durchs hohe Wollgras, bis sie in den weißen Zotteln seiner Blütenköpfe stecken bleiben. Und wieder singen sie, die Sibirier. Für sie ist wirklich jeder Tag im kurzen Sommer ein Grund zum Fröhlichsein und Feiern.

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