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»Schlimmeres konnte kaum passieren«

Christoph Meyer ist Schausteller in sechster Generation. Die Lage seines Familienbetriebes hat sich durch die Absage der Brandenburger Weihnachtsmärkte verschärft

  • Von Inga Dreyer
  • Lesedauer: 8 Min.
Corona-Auswirkungen: »Schlimmeres konnte kaum passieren«

Der Weihnachtsmarkt am Potsdamer Bassinplatz wurde am 22. November eröffnet und musste einen Tag später wieder schließen. Nun steht hier nur noch Ihr Riesenrad. Wie kam das?

Wir haben zwei Wochen lang unsere zwei Glühweinstände und das Riesenrad aufgebaut und hatten dementsprechend Personal eingestellt und große Mengen an Ware angeschafft, denn das ist im Moment nicht so einfach. Wir waren für den ganzen Weihnachtsmarkt eingedeckt. Das Konzept mit nur 600 Leuten auf dem Platz, größeren Abständen und weniger Ausschankbetrieben ist am ersten Tag gut angelaufen. Der Weihnachtsmarkt ist ja sonst in der Potsdamer Einkaufsstraße und wurde dann auf zwei Plätze aufgeteilt, so wie es politisch gefordert wurde. Das Gelände war eingezäunt, es galt »2G«. Wir sind fest davon ausgegangen, dass der Weihnachtsmarkt bis zum Ende stattfinden soll.

Doch dann wurden in den Medien plötzlich Teile der neuen Verordnung veröffentlicht. Ich konnte mir das erst gar nicht vorstellen, dass man uns ein halbes Jahr planen lässt und uns dann am ersten Tag sagt: Ihr macht wieder zu. Wenn man das vier Wochen früher gemacht hätte, dann hätte ich das nachvollziehen können. Dann hätten wir uns auch in Berlin auf einen Weihnachtsmarkt stellen können.

Was heißt das für Ihr Personal?

Wir haben natürlich eine Verantwortung unserem Personal gegenüber und versuchen, so viele Leute wie möglich weiterzubeschäftigen - zum Beispiel in der Wartung und Instandsetzung der Fahrgeschäfte oder hier beim Betrieb des Riesenrads. Wir haben einen Stamm von zehn bis zwölf Mitarbeitern. Das sind Saisonkräfte, die normalerweise von Ostern bis kurz vor Silvester arbeiten. Für spezielle Veranstaltungen wie Weihnachtsmärkte kommen Minijobber hinzu.

Das Problem ist, dass das Ganze jetzt schon fast zwei Jahre dauert. So lange kann man Personal nicht in Kurzarbeit halten, das macht keiner mit. Wir brauchen endlich Konzepte, wie man Veranstaltungen unter Corona-Bedingungen vernünftig durchführen kann.

Welche Bedeutung hat das Weihnachtsgeschäft für Sie?

Der Dezember ist der wichtigste Monat für uns, weil wir sonst auf kürzeren Veranstaltungen sind. So ein Weihnachtsmarkt geht 35 Tage am Stück, da haben wir die höchsten Einnahmen. Das ist auch deshalb wichtig, weil danach drei Monate Winterpause ist. Wir überbrücken mit den Einnahmen vom Weihnachtsmarkt die Zeit bis Ostern.

Diese Absage ist so ziemlich das Schlimmste, was passieren konnte. Das gilt auch für andere Schausteller in Thüringen, Sachsen und überall, wo die Weihnachtsmärkte verboten wurden. Unsere Kollegen in Berlin haben ja noch Glück.

Sie sind zweiter Vorsitzender des Brandenburgischen Schaustellerverbands. Wie ist dort die Stimmung?

Als diese Entscheidung kam, waren alle ziemlich ungläubig und sauer. Für so eine Rumeierei fehlt einem jegliches Verständnis. Aber wir sind jetzt im Gespräch mit der Staatskanzlei des Landes und dem Deutschen Schaustellerbund, um Lösungen zu finden. Ministerpräsident Woidke hat gesagt, dass man Menschenleben nicht ausgleichen kann, aber finanzielle Verluste schon. Wir fordern jetzt, dass unsere Verluste ausgeglichen werden.

Gibt es Aussicht auf Unterstützung?

Es gibt schon seit zwei Jahren Unterstützung, aber so, wie sie im Moment geplant ist, wird uns das nicht weiterbringen. Wenn nicht am Hilfspaket geschraubt wird, wird es gerade kleinere Betriebe nicht mehr geben.

Im Moment werden uns die betrieblichen Fixkosten bezahlt, aber das nützt nicht viel, wenn die Einnahmen vom Weihnachtsmarkt fehlen. In den Fixkosten sind zum Beispiel keine Raten für Kredite enthalten, aber die muss ich irgendwie bezahlen. Ein Unternehmerlohn war bisher auch nicht dabei. Man muss Hartz IV beantragen, um selbst irgendwie zu leben.

Seit Corona sind bei uns 80 bis 90 Prozent der Veranstaltungen ausgefallen. Auch fürs nächste Jahr wurden schon Feste abgesagt. Die Lage ist ziemlich prekär. Und ich bin, was die Perspektive angeht, ein bisschen ratlos.

Was ist mit der Ware, die Sie eingekauft haben?

Wir hatten Glück, konnten ein bisschen was an Kollegen aus Berlin und Mecklenburg-Vorpommern weitergeben. Wir sind auch darauf angewiesen, dass mal ein Glühweinhändler einen Teil zurücknimmt. Ein anderer Teil aber wird vernichtet, ganz klar. So frische Thüringer Rostbratwurst hält sich nicht lange.

Die Schausteller sind dabei nur das letzte Glied der Kette. Da hängt noch viel mehr dran. Wir haben einen Glühweinlieferanten, der wollte die Weihnachtsmärkte in Dresden, Leipzig, Potsdam und Frankfurt (Oder) beliefern, aber alle sind ausgefallen. Der saß dann auf 300 000 Litern Glühwein, das kann er doch nicht wegkippen. Es geht ja auch um Nachhaltigkeit. Wir reden immer von Lebensmittelverschwendung - und schmeißen dann 20 000 Bratwürste weg.

Warum dürfen Sie hier mit dem Riesenrad stehen, obwohl die Weihnachtsmärkte abgesagt wurden?

Nachdem wieder abgebaut worden war, haben wir einen Antrag gestellt. Weihnachtsmärkte sind verboten, aber das Riesenrad hatten wir als Einzelattraktion für längere Standzeiten in Innenstädten angeschafft. So wurde es dann auch gewertet und genehmigt, sodass wir bis Anfang Januar hierbleiben können.

Die Meyer & Sohn GbR ist ein Familienbetrieb. Wie kam man sich das vorstellen?

Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts hat ein Urahne von mir beim Pokern ein Kinderkarussell gewonnen. Das hat sich dann Stück für Stück weiterentwickelt. Inzwischen machen wir das seit sechs Generationen. Wir haben ein Firmengrundstück in Güterfelde bei Potsdam, drei große Rundfahrgeschäfte und seit diesem Jahr noch das Riesenrad und Gastronomiebetriebe.

Im Moment betreibe ich den Betrieb mit meinem Vater und meiner Tante zusammen. Ich habe einen fünfjährigen Sohn, der wird vielleicht mal weitermachen. Wenn es uns bis dahin noch gibt. Darauf würde ich im Moment nicht wetten.

War es für Sie klar, dass Sie auch Schausteller werden?

Für mich hat sich das relativ früh herauskristallisiert. Wenn man auf Volksfesten groß wird, dann wächst man da so rein. Während meine Eltern unterwegs waren, bin ich bei meinen Großeltern in Potsdam geblieben und zur Schule gegangen. Man kann natürlich auch unterwegs zur Schule gehen, aber das ist sehr schwierig. Wenn man Pech hat, ist man jede Woche woanders.

Nach dem Schulabschluss habe ich eine Lehre als Metallfacharbeiter für Fahrzeugbau gemacht, das hilft in diesem Beruf weiter. Mit 20 bin ich dann in den Betrieb eingestiegen.

Wo sind Sie als Schausteller unterwegs?

Der Weihnachtsmarkt ist meistens in Potsdam oder in Berlin. Ansonsten sind wir in ganz Deutschland unterwegs. Wir waren auch schon im Ausland, zum Beispiel in Polen, in Irland und in den Niederlanden.

Zu 80 Prozent ist unsere Tour jedes Jahr gleich. Deshalb hat man überall Bekannte und Freunde. Ich fand das immer sehr abwechslungsreich, weil man auch immer wieder neue Leute und neue Städte kennenlernt.

Welche Seiten an dem Beruf sind eher unangenehm?

Es gibt schon Feste, bei denen nicht um 22 Uhr Feierabend ist, sondern erst morgens um drei, vier oder fünf. Das ist teilweise schon sehr anstrengend. Wir arbeiten nicht mit einer 40-Stunden-Woche, da kommt schon immer viel zusammen.

Das Wetter ist auch so eine Sache. Man baut mit großem Aufwand irgendwo auf und hat dann drei Tage Dauerregen. Das ist ziemlich frustrierend. Aber sonst macht es Spaß.

Was hält Ihr fünfjähriger Sohn vom Schaustellerdasein?

Für ihn ist das wie ein großer Abenteuerspielplatz. Wenn er am Wochenende kommt, will er überall mal fahren und ist immer unterwegs. Ich denke mal, davon träumen viele Kinder.

Wie geht es bei Ihnen weiter?

Wir wollen versuchen, den Betrieb bis zum letzten Moment aufrechtzuerhalten. Er ist über Generationen gewachsen - und es steckt sehr viel Arbeit und Herzblut darin. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat meine Familie wieder bei null angefangen.

Wir merken auch hier am Riesenrad: Die Leute sind unheimlich dankbar, dass wir da sind und sie mit ihren Kindern ein bisschen was unternehmen können. Das ist natürlich finanziell kein Vergleich zum Weihnachtsmarkt, da müssen wir uns nichts vormachen. Aber es sind ein paar Euro. Wir bekommen auch mehr Trinkgeld als vor Corona. Den Leuten ist bewusst, dass das eine schwierige Situation ist, und sie machen sich auch ein bisschen Sorgen um uns.

Alle sind gefrustet, weil sie sich auf den Weihnachtsmarkt gefreut hatten. Es gehört ja zur Adventszeit dazu, dass man mal über den Markt schlendert, etwas kauft, einen Glühwein trinkt. Es muss nicht immer dieses Betrinken sein. Das ist es nicht, was Weihnachtsmarkt ausmacht. Es wird immer darauf geschoben, dass die Leute zu viel trinken. Aber wenn ich jetzt in die Einkaufsstraße rübergehe, bekomme ich bald bei jedem Schuhgeschäft Glühwein. Außerdem fahren die Brandenburger nun auf die Berliner Weihnachtsmärkte, die noch größer und voller sind. Ich denke, durch die Schließung wurde hier in Brandenburg nichts gewonnen.

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