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Der Fortschritt ist abgeschafft

Parallele Rationalitäten schließen einander aus und werden trotzdem gleichzeitig durchgesetzt

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 3 Min.
Vorbei, die Zeiten von Commander Spock. Nichts beweist die Abschaffung des Fortschritts mehr als das Phantasieverbot in der zeitgenössischen Science-Fiction.
Vorbei, die Zeiten von Commander Spock. Nichts beweist die Abschaffung des Fortschritts mehr als das Phantasieverbot in der zeitgenössischen Science-Fiction.

Was ist heute eigentlich noch rational? Früher schien die Sache klar: Wissenschaftler*innen im Labor nehmen die Realität in die Zange, quetschen und pfriemeln solange an ihr herum, bis Wahrheit aus ihr hervorspringt. Die wird dann von speziell geschulten Kommunikationskräften in mundgerechte Stücke zerlegt, vervielfältigt über Schulbücher, Illustrierte und das TV in die Köpfe gelasert, bis alle wissen, dass zehn Ampullen Heroin am Tag der Gesundheit nicht zuträglich sind und radioaktive Materialien nicht ins Kinderspielzeug gehören. Wenn genug Wahrheit in allen Köpfen ist, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der Fortschritt über uns hereinbricht, wir alle plötzlich mit Flugtaxis zum Lidl sausen und uns Roboterdiener endlich vom Joch der Arbeit befreien. In dieses etwas biedere, aber zuverlässige Fortschrittsmodell funkten gelegentlich Kapitalinteressen und falsches Bewusstsein hinein; die wurden aber von Jürgen Habermas und seiner Kommunikationspolizei bzw. einer kritisch-räsonierenden Öffentlichkeit rasch identifiziert und zur Strecke gebracht.

Der Fortschritt ist mittlerweile abgeschafft. Die meisten Menschen in den Industrienationen leben heute auf einem Standard, der dem der frühen 80er ähnelt, nur ohne Gewerkschaften und ohne Eigenheim. In einer Parodie des Kommunismus werden Wohnungen und Autos unter den Arbeiter*innen geteilt, auf Monopol-Plattformen, die für diese Mangelverwaltung monatlich Tribut fordern. Unvorstellbare Produktivitätszuwächse gestatten es der Menschheit, 3000 Milliardäre zu versorgen, die aber nicht einmal repräsentativen Pflichten wie etwa dem Kathedralenbau oder der sittlichen Zügellosigkeit nachkommen, sondern in Joggingwäsche herumhocken und sich aus Langeweile ins All schießen lassen. In den Weltraumhotels, von denen sie träumen, wird dann genauso sinnlos gelebt wie auf der Erde, nur eventuell komplett steuerfrei und mit längeren Lieferzeiten. Nichts beweist die Abschaffung des Fortschritts mehr als das Phantasieverbot, das man der zeitgenössischen Science-Fiction auferlegt hat; statt von Unsterblichkeit und perfekten Gesellschaften wird uns in endlosen Prequels erzählt, wie Spock zu seinen Ohren kam und warum die Zukunft genauso trist und militarisiert ist wie die Gegenwart.

Mit dem zugegebenermaßen drögen Fortschrittsgedanken des 20. Jahrhunderts ist gleich die Rationalität mit abgeschafft worden. Es gibt jetzt Rationalitäten, die parallel nebeneinander bestehen, einander ausschließen und trotzdem gleichzeitig durchgesetzt werden. So empfiehlt die von einer Regierung eingesetzte Expertenkommission vor der nächsten Welle einer Pandemie den dringenden Lockdown – die Regierung hat jedoch eine weitere Rationalität in petto, die der Mitmenschlichkeit. Seit Wochen erfüllen ihre Lobbies klagende Petitionäre: der Hotelverband, der Einzelhandel, die Eventbranche, die Gastronomie, die Lufthansa. Wer, der noch ein menschlich’ Herz im Busen trägt, ließe sich nicht erweichen?

Nun könnte man einwenden: Nun ja, die Unternehmen haben Geschäftsmodelle verfolgt, die davon ausgingen, dass die Menschheit auch in nächster Zukunft von globalen Pandemien verschont bliebe. Und sie haben diese Geschäftsmodelle auch in zwei Jahren kaum der neuen Wirklichkeit angepasst, sondern setzten darauf, dass irgendwer die sogenannte Normalität wiederherstellte. Ein strenger Liberalismus könnte da auch mit den Schultern zucken. Aber die neue Regierung ist auch sozialdemokratisch, sie hat ein Herz für die Bedürftigen, sofern sie es bis in die Lobby schaffen. So wird für die Hoffnung auf Normalität die Normalität wieder ausgesetzt.

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