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  • Kulturhauptstadt Novi Sad

Risse von heute und Brüche von morgen

Im kommenden Jahr ist das serbische Novi Sad Kulturhauptstadt Europas

  • Von Achim Engelberg
  • Lesedauer: 7 Min.
Selbst wenn Minderheitenstädte oft nicht auf Dauer bestehen, so schaffen sie oft Dauerhaftes wie die verbundene Vielfaltsarchitektur von Novi Sad.
Selbst wenn Minderheitenstädte oft nicht auf Dauer bestehen, so schaffen sie oft Dauerhaftes wie die verbundene Vielfaltsarchitektur von Novi Sad.

Wer von Belgrad nach Novi Sad fährt, bemerkt selbst im Bus einen Übergang an den Häusern – so war die Vojvodina jahrhundertelang geprägt von der Habsburgermonarchie und nicht vom Osmanischen Reich. Auf dem Weg in die nördlichste Provinz Serbiens ist der Übergang vom Balkan nach Mitteleuropa augenfällig. Novi Sad mit seinem wohlgeformten und gegliederten Zentrum darf, pandemiebedingt ein Jahr später als geplant, 2022 Kulturhauptstadt Europas sein.

Das ist ein Format, das die kulturelle Dimension Europas dar- und herausstellen soll. Seit Anfang der 1980er Jahre kämpfte die griechische Kulturministerin Melina Mercouri, als Schauspielerin und Sängerin berühmt geworden, für dieses Projekt, und ab 1985 bekam jedes Jahr eine andere Stadt Mittel von der Europäischen Gemeinschaft, wie damals die EU hieß, um ihre Eigenart in der Vielfalt des Kontinents zu präsentieren.

Es gehört zur untergründigen Geschichte, dass gerade 1985 – in dem Jahr kam auch Michail Gorbatschow an die Macht – solche Ereignisse und Bewegungen an verschiedenen europäischen Orten parallel und teilweise unkoordiniert stattfanden.

Eine Selbstermächtigung Europas begann. Klopfzeichen am Eisernen Vorhang. Inzwischen werden aus Bewerbern in Ost und West jedes Jahr zwei ausgewählt, die sich seit 1999 als Kulturhauptstädte Europas präsentieren können. Novi Sad in der steppenhaft platten, aber hochkultivierten Vojvodina ist die erste Kulturhauptstadt, die nicht in der EU liegt.

Wer durch das Zentrum flaniert mit seinen Cafés und Restaurants, vorbei an orthodoxen Kirchen, der steil aufragenden Marienkirche, vorbei auch an einer erstaunlich großen Synagoge, wird spätestens am Donau-Ufer gegenüber der Festung Petrovaradin mit der dunklen Seite der Stadt konfrontiert. Ein Denkmal erinnert an ein Massaker im Januar 1942, bei dem ungarisches Militär Tausende Menschen, vor allem Juden, erschoss oder im Fluss ertränkte. Es wird heraufbeschworen in Büchern von Aleksandar Tišma oder Danilo Kiš, die die Donaustadt in die Weltliteratur einführten. Von heute aus gesehen, war es der Anfang vom Ende des multikulturellen Novi Sad, das nun eine vorrangig serbische Stadt in einem serbischen Nationalstaat ist. Geplant war sie einst als Freistadt für Menschen verschiedener Herkunft. Mit dem kosmopolitischen lateinischen Namen Nominentur Neoplanta gewährte Maria Theresia den Bürgern den Wunsch, eine freie Handelsstadt zu werden und nicht bloß eine Militärsiedlung am Rande der Habsburgermonarchie. Möge jedes Volk, so die Monarchin am 1. Februar 1748, den Namen der Stadt in seine eigene Sprache übertragen. Die Serben nannten sie Novi Sad, die Deutschen Neusatz, die Ungarn Újvidék.

Bis zur letzten Jahrtausendwende blieb es trotz gewaltiger Umbrüche dabei, aber spätestens nach den Zerfalls- und Aufteilungskriegen Jugoslawiens in den 90er Jahren ist das Zusammenleben von Juden und Armeniern, Kroaten und Serben, von Deutschen und Ungarn zwar offiziell erwünscht, aber nicht mehr gelebte Gegenwart. Wer nach Spuren sucht, findet oft Leerstellen. Die Synagoge wird nach der Shoah als Konzertsaal genutzt.

Wer nicht beim Massaker an der Donau umkam oder fliehen konnte, wurde unter der deutschen Besatzung in die Todeslager deportiert. Dass viele Deutsche nach 1945 vertrieben, hingerichtet, interniert und enteignet wurden, war für den großen Autor Slobodan Šnajder kurzsichtig und betraf nicht nur Kollaborateure und Täter: »Das Problem der Volksdeutschen war, dass viele etwas geschaffen hatten, was andere haben wollten.« Es gibt nur noch wenige Deutschstämmige in der Region, die durch die EU-Außengrenze zu Kroatien stärker geteilt ist als jemals zuvor. Am ehesten findet man Deutsch in Sprachspuren: firhang (Vorhang), ancug (Anzug), koffer (Koffer).

Der 1941 geborene ungarischsprachige László Végel ist der letzte Lebende jener Autoren, die Novi Sad in den Atlas der Weltliteratur eintrugen. Paradoxien durchziehen für ihn seine Heimatstadt und sein Land: Auf dem Weg in die Europäischen Union, wächst die Beziehung zu Russland. Da das Erreichen des Ziels unwahrscheinlicher wird, verlassen immer mehr junge Leute das Land, nicht wenige – überfüllte Deutschkurse zeigen es – wollen nach Deutschland. Viele der nach Tito und antifaschistischen Partisanen benannten Straßen sind umbenannt nach serbischen Adligen und Geistlichen. Die höchste Statue der Stadt ist das neue, zehn Meter hohe Reiterstandbild von Petar Karađorđević I. »Die Königsstatue auf dem Platz der Republik ist das authentischste Paradoxon«, sagt László Végel.

Wer in Richtung des großen Bahnhofs geht, findet eine augenfällige Armut. Etliche verkaufen ihre gebrauchten Sachen. Bekanntlich schwächelt in Armenhäusern die Demokratie, mutiert zur Fassade, so auch in Serbien. Der Weg in die EU brachte für das benachbarte Kroatien nicht die erhoffte Lösung; so konnte man in Rijeka – der einst ebenso multikulturellen Adriastadt, die 2020 Kulturhauptstadt war – hören, dass hoffentlich die Chinesen den maroden Hafen für ihre Neue Seidenstraße übernehmen.

Bei Novi Sad und Serbien kommt hinzu, dass durch den Kosovokrieg ein üblicher EU-Beitritt, der bei der Osterweiterung stets als Nato-Mitglied begann, verwehrt bleibt. Die EU konnte in der Stunde des Westens die Region nicht zu ihrer machen. Mittlerweile ist Russland überall in vorrangig serbisch bewohnten Gebieten präsent.

Nahezu verschwunden sind T-Shirts mit dem Bildnis von Ratko Mladić, deren Platz nun die von Putin einnehmen, der Ehrenbürger nicht nur Novi Sads ist, sondern vieler Städte Serbiens. Auf den Porträts sieht Mladić wie ein General aus, und als solcher beging er seine Verbrechen wie die Belagerung von Sarajevo und das Massaker von Srebrenica; aber Putin ist nicht wie der Präsident einer Weltmacht dargestellt, sondern wie ein Warlord oder ein Mafioso. Nicht nur Intellektuelle wie László Végel fürchten, dass der Westbalkan wieder ein neuralgischer Punkt für Machtproben in unserer schönen imperialen Welt wird. Bekanntlich entwickelte Moskau in den vergangenen Jahren Formen asymmetrischer Kriege neuer Art: In der Ostukraine kämpfen nicht Freischärler gegen eine Großmacht, sondern Russland, größter Flächenstaat der Welt, übernimmt deren Methoden.

Da die Donau ein gewaltiges multikulturelles Massengrab geworden ist, wandelte sich für den Schriftsteller Dragan Velikić dieser europäische Strom per se zu einem »Fluss des gescheiterten Zusammenlebens der Kulturen«. Viele deutsche Gemeinden sind gegenwärtig ethnisch bunter als die dafür berühmten wie einst Novi Sad. Und zu der einst verbundenen ostkroatischen Donaustadt Vukovar türmt sich nicht nur eine schwer gesicherte EU-Außengrenze auf, sondern viele dennoch möglichen Verbindungen bleiben gekappt.

Ohne ein neues Miteinander der Nachfolgestaaten Jugoslawiens über die Gräben der Kriege hinweg, ohne eine Umkehr auf nationalistischen Irrwegen wird sich eine Tür in eine gute Zukunft nicht öffnen lassen. Deshalb unterzeichneten Intellektuelle wie der serbische Dragan Velikić und der kroatische Slobodan Šnajder die »Deklaration zur gemeinsamen Sprache der Kroaten, Serben, Bosniaken und Montenegriner«. Im Gespräch erzählt Slobodan Šnajder von einer wachsenden Sehnsucht nach Jugoslawien von unten und einer schroffen Ablehnung von oben: »Tito wird nicht wegen seiner Fehler gehasst, sondern wegen seiner Erfolge.«

Ein Blick auf Jugoslawien zeigt, dass Vielvölkerzusammenschlüsse fragil sind. Norbert Mappes-Niediek, ein Kenner der Region, wirft seit geraumer Zeit der Europäischen Union vor, sie sei viel zu hochmütig, um zu begreifen, wie jugoslawisch ihre Probleme sind.

Selbst wenn Minderheitenstädte oft nicht auf Dauer bestehen, so schaffen sie oft Dauerhaftes wie die verbundene Vielfaltsarchitektur von Novi Sad. Der Verlust solcher kosmopolitischen Städte in Südosteuropa, aber auch in anderen Rand- und Übergangsregionen wie am Südrand des Mittelmeers ist gewaltig. Das multikulturelle Zusammenleben sollte jedoch nicht verklärt werden. Spannungen gab es immer; oft entzünden sich an Bruchlinien Kriege oder Vertreibungen. Die Risse von heute weisen auf den Bruch von morgen. Wo das kosmopolitische Miteinander in Städten lange andauerte, da war es etwas Gestaltetes wie Gewachsenes. So in Nominentur Neoplanta, dem heutigen Novi Sad. Diese Erkenntnis ist das stärkste Argument, Einwanderung zu steuern und klare Regeln zu setzen. Wer bedenkt, dass jahrhundertelange Koexistenz relativ schnell brüchig werden kann, ist gewarnt, multikulturelle Gesellschaften nicht zu verherrlichen. Erstrebenswert sind sie dennoch.

Das aktuelle Buch des Autors Achim Engelberg: »An den Rändern Europas«. DVA/Penguin Random House, geb., 288 S., 22 €.

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