Gute Qualität statt Erste Klasse!

Kommentar zu Vorschlägen für mehr Anziehungskraft von Bahnen und Bussen

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 2 Min.

Erster Klasse Bus fahren, diese Option könnte angeblich die besser Verdienenden in Berlin in Scharen dem Öffentlichen Personennahverkehr zutreiben. Zu diesem Schluss kommt zumindest eine Studie im Auftrag des Weltwirtschaftsforums, die von der Universität St. Gallen und dem Beratungskonzern Boston Consulting Group angefertigt worden ist. 10 bis 15 Prozent der Sitzplätze in Bahnen und Bussen sollten demnach in einer Komfortklasse angeboten werden. Das Dreieinhalbfache des normalen Fahrpreises könnte verlangt werden. Im Gegenzug könnten die regulären Tickets 20 Prozent günstiger werden, weil die Maßnahme laut Studie viel Geld in die Kassen der Verkehrsbetriebe spülen würden.

Das kann man sich als täglicher Nutzer lebhaft vorstellen, wie die Reichen und Schönen 10,50 Euro für eine Einzelfahrt löhnen, um dann ruinöse Bahnhöfe zu passieren, die seit Jahren in der Dauersanierungsschleife hängen, vorbei an Obdachlosen, die ein kleines Trinkgelage abhalten, und das Plüschabteil im vollgesprühten U-Bahn-Zug suchen werden. Oder eine halbe Stunde im Schneeregen an der Haltestelle warten, bis der Bus durch den Dauerstau dorthin vorgedrungen ist.

Nur eine rigorose Klassengesellschaft wie im Emirat Dubai setzt mit der Gold Class in der dortigen U-Bahn auf etwas Vergleichbares. Sie kostet das Doppelte des Normalpreises - maximal etwas über vier Euro. Den bisher letzten Versuch, bei der S-Bahn Berlin eine Erste Klasse einzuführen, unternahm übrigens in den 90er Jahren Axel Nawrocki. Der CDU-Politiker ist nach der gescheiterten Olympiabewerbung zum Staatskonzern Deutsche Bahn entsorgt worden, wo er diese und weitere gescheiterte innovativen Ideen als Geschäftsführer an den S-Bahn-Fahrgästen ausprobieren durfte.

Wer in Berlin noch mehr Menschen für Busse und Bahnen gewinnen will, muss einerseits den Takt verdichten, wie es die Koalition sich vorgenommen hat. Sauberkeit, Behaglichkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit sind weitere Punkte. Eine Erste Klasse ist nicht die Lösung. In den Regionalzügen ist sie schließlich vorhanden, wird aber praktisch nicht genutzt.

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