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Der Neue

Rouzbeh Taheris Leben ist geprägt von Neuanfängen, Auf- und Umbrüchen. Diese Erfahrung teilt er mit dem »nd«, mit dem gemeinsam er nun als Verlagsleiter das neue Kapitel der Genossenschaft beginnt

  • Von Ines Wallrodt
  • Lesedauer: 5 Min.

Es gibt Menschen, die glaubt man seit Langem zu kennen, so viel hat man über sie schon gehört und gelesen. Genau so ist es mit Rouzbeh Taheri, der am 1. Dezember hauptamtlich die Geschäfte der nd.Genossenschaft übernommen hat, quasi zeitgleich zur erfolgreichen Eintragung der Genossenschaft im Handelsregister. Sein Name ist mit wichtigen stadtpolitischen Initiativen in Berlin verbunden, wie dem S-Bahn-Tisch, der als Reaktion auf das Chaos bei der S-Bahn in Berlin ins Leben gerufen wurde, oder mit den Mobilisierungen gegen Verdrängung und steigende Mieten. Ende der 90er Jahre hatte er den Jugendverband der PDS mit gegründet, war erster Bundessprecher von Solid, später auch im Bundesvorstand der PDS. Zuletzt war er Mitinitiator und Sprecher des Bündnisses Deutsche Wohnen und Co enteignen, das mit seinem Volksbegehren weit über die Hauptstadt hinaus die Mietendebatte aufgemischt hat. Nun steigt er beim »nd« ein. Das klingt ein bisschen verrückt. Ist es vielleicht auch. Aber genau das, was wir wollen.

Taheri übernimmt Aufgaben des bisherigen Verlagsleiters sowie des Geschäftsführers. In der Genossenschaft, die vom Jahreswechsel an das »nd« herausgibt, wird er jedoch eine völlig andere Stellung haben als seine Vorgänger in der GmbH: Denn geführt wird diese neue Eigentumsform von einem gewählten Vorstand, in den er vom Aufsichtsrat als hauptamtliches Mitglied berufen wurde.

Er wird für die kaufmännische Seite des Betriebs verantwortlich sein, aber seine Entscheidungen müssen von den ehrenamtlichen Vorstandsmitgliedern - derzeit sind es drei - mitgetragen werden. Dieses Gesamtgefüge ist für alle neu. Vieles muss improvisiert, Schritt für Schritt entwickelt und austariert werden. Es gilt eine Balance zu finden zwischen der Selbstorganisation der Belegschaft, dem betriebswirtschaftlich Notwendigen und der verlegerischen Strategie.

Taheri verfolgt die Entwicklung dieser Zeitung seit vielen Jahren, liest sie regelmäßig. Zum Morgenkaffee gehört für ihn dazu, eine gedruckte Zeitung in der Hand zu halten. Er liest sie »von vorne bis hinten«, am Wochenende auch gerne zwei. »Ich bin eine aussterbende Spezies, ich weiß«, sagt er. Sein erwachsener Sohn steht mehr auf Podcasts. Und wie seine Tochter - jetzt im Kitaalter - sich in 10, 15 Jahren informieren wird, wer weiß das schon. Auf Papier wohl kaum. »Aber noch gibt es ja auch einige wie mich.« Taheri ist 48. Dennoch ist ihm auch klar, dass die Ausgestaltung und Weiterentwicklung der digitalen Angebote der Zeitung die zentrale Herausforderung ist.

Das »nd« kennt er schon ewig. »Aber natürlich hätte ich nie gedacht, dass ich einmal hier arbeiten würde.« Seine Bewerbung war denn auch sehr spontan. »Eine linke Zeitung als Genossenschaft zu führen, finde ich extrem spannend«, sagt Taheri, der Volkswirtschaft studiert hat und mit Ansätzen der Gemeinwirtschaft sympathisiert. Als ehrenamtlicher Geschäftsführer war er einige Jahre für die kritische Ökonomiezeitschrift »Lunapark21« tätig, die solche alternativen Formen des Wirtschaftens intensiv verfolgt. Zehn Jahre betrieb er einen kleinen Internetversandhandel, fuchste sich in Buchhaltung, Personalführung und Vertrieb ein und lernte etwas, das auch für seine neue Aufgabe sehr nützlich sein wird: mit begrenzten Ressourcen zu haushalten. »Ich weiß, wie man mit wenig Mitteln das Maximum herausholt.«

Taheri stammt aus einem politischen Elternhaus; sein Onkel musste Ende der 50er Jahre nach dem von der CIA gesteuerten Putsch im Iran fliehen. Er selbst verließ das Land während des ersten Golfkrieges; 14-jährig landete er in West-Berlin, kam bei seinem Bruder unter, der schon einige Jahre hier lebte. »Ich war vorbereitet«, sagt er und meint damit nicht Landes- oder Sprachkenntnisse, sondern ein Buch: Günter Wallraffs Investigativreportage »Ganz unten«, in der er den alltäglichen Rassismus und die Ausbeutung von Ausländern in der bundesdeutschen Gesellschaft widerspiegelte. »Ich war da in einer privilegierteren Rolle«, sagt er.

Aber auch Taheri weiß, wie es sich anfühlt, in Deutschland als Ausländer wahrgenommen zu werden. »Die heutigen Unterstützungsstrukturen, auch aus der Zivilgesellschaft heraus, die gab es damals kaum.« Sprachkurse beispielsweise haben er und sein Bruder selbst organisiert.

Im Rückblick auf seine ersten Jahre in Deutschland erinnert er sich an Zwölf-Stunden-Tage - wenn er nach der Schule noch privaten Deutschunterricht nahm - und an den großen Umbruch. »Ich dachte, ich komme in eine eingeschlossene Stadt, und plötzlich war ich mitten im Weltgeschehen gelandet.« Er war viel in Ostberlin unterwegs und geriet damals zufällig in die große Demo auf dem Alexanderplatz am 4. November 1989. Eigentlich war er nur mit Freunden verabredet.

Für das »nd« kommt die Nachwendezeit mit dem Abschied von der Linkspartei als Gesellschafter und dem Neustart als Genossenschaft zu einem Abschluss. Taheri hat seine Trennung von der Partei schon länger hinter sich: 2004 verließ er die PDS aus Protest gegen die Regierungspolitik des rot-roten Berliner Senats. Die Gründe von damals - Abschaffung des Sozialtickets für die BVG, Abbau im öffentlichen Dienst, Privatisierung von Wohnungen - wurden zu seinem Aktionsfeld. Er versuchte es dann noch einmal mit einer Partei, gründete in Berlin die WASG mit. Als die sich mit der PDS zusammentat, traf er die Entscheidung, fortan außerhalb von Partei und Parlament stadtpolitisch aktiv zu sein.

Wohl auch deshalb sagt er mit Blick auf das »nd«, er finde den Anspruch, eine linkspluralistische Zeitung zu sein, toll, aber schwer umzusetzen. »Bei Linken endet Streit eben oft in Entzweiung.« Für sich selbst, der bisher nur in der Rolle des Lesers war, sagt er: »Eine Zeitung muss mich an- oder aufregen, freuen, überraschen. Irgendwas muss mit mir passieren.«

Es ist eine riesige Herausforderung für alle Beteiligten, das »nd« nun als kollektives Produkt der Mitarbeitenden und Lesenden in die Zukunft zu führen. Aber Taheri hat Erfahrungen mit Herausforderungen. Dass die radikale Forderung, Immobilienkonzerne zu enteignen, massenwirksam werden konnte - wer hätte das vor vier Jahren wirklich sicher geglaubt? Aber es gab eine Chance. Und die sieht Taheri auch für das »nd«. Eine Erkenntnis aus seinem Engagement: »Solange es eine realistische Chance gibt, muss man es versuchen.« Wir freuen uns!

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