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Von nun an Jäger auf den Schanzen

Karl Geiger muss zum Auftakt der Vierschanzentournee einen kleinen Rückschlag hinnehmen, kann den Rückstand aber noch aufholen

  • Von Lars Becker, Oberstdorf
  • Lesedauer: 5 Min.
Karl Geiger flog in seinem Heimatort Oberstdorf nicht auf die Bestweite. Insgesamt fehlen ihm zum Auftaktsieger Ryoyu Kobayashi aber nur 3,39 Meter. Das ist auf den folgenden drei Schanzen noch aufholbar.
Karl Geiger flog in seinem Heimatort Oberstdorf nicht auf die Bestweite. Insgesamt fehlen ihm zum Auftaktsieger Ryoyu Kobayashi aber nur 3,39 Meter. Das ist auf den folgenden drei Schanzen noch aufholbar.

Krafttraining stand am Tag nach dem eher enttäuschenden Auftakt in die Vierschanzentournee für Karl Geiger auf dem Plan. Dann machten sich die deutschen Skispringer auf den gewohnten Weg nach Garmisch-Partenkirchen, wo man das Jahr 2022 beim traditionsreichen Neujahrsspringen (14 Uhr, ZDF) mit einem Paukenschlag beginnen will. Der erste deutsche Tournee-Gesamtsieg seit 20 Jahren bleibt weiter das Sehnsuchtsziel des Oberstdorfers Geiger und all seiner Teamkollegen, auch wenn nach Geigers fünftem Platz auf seiner Heimschanze erste Zweifel spürbar wurden.

»Ich habe mir doch ganz schön viel Druck aufgelastet, auch wenn es mir vorher nicht so bewusst war. Das kann man nicht leugnen. Es fällt mir schwer, ihn abzulegen. Doch genau das wird die Herausforderung in nächster Zeit sein. Ich muss jeden Tag neu angehen, und dann muss es sich einfach fügen«, sagt Geiger. Unter diesen Voraussetzungen, so der Tournee-Gesamtzweite und dreimalige Weltmeister der Vorsaison, habe er in Oberstdorf noch das Maximale herausgeholt. Der Druck, mit dem Gelben Trikot des Gesamtweltcup-Spitzenreiters als Favorit anzutreten, zehrt mehr als erwartet am »mentalen Ausnahmeathleten«, wie ihn Bundestrainer Stefan Horngacher jüngst beschrieb.

Nachdem Geiger im Vorjahr noch vor der eigenen Haustür triumphiert hatte, stand beim Auftaktspringen des Skisprung-Grand-Slams erstmals seit fünf Jahren kein Deutscher auf dem Podest. Im ersten Durchgang hatte der Lokalheld im Dauerregen noch Platz drei erreichen können, doch in der turbulenten Schlussphase des Finals fehlte ihm bei verkürztem Anlauf auch das nötige Windglück. »Seine Sprünge waren in Ordnung, aber nicht auf höchstem Niveau. Es war aber auch nicht einfach für ihn, schließlich erwartet jeder so viel von ihm«, kommentierte Horngacher.

So flog Geiger nur auf 131 Meter, nachdem Erzrivale Ryoyu Kobayashi zuvor auf die Tagesbestweite von 141 Metern gesegelt war. Am Ende siegte der japanische Überflieger mit 302 Punkten vor den Norwegern Halvor Egner Granerud (299) und Robert Johannson (298). Geiger kam auf 295 Zähler. Vor drei Jahren hatte Kobayashi die Tournee schon einmal mit Siegen in allen vier Springen gewonnen. Nur ihm ist das in dieser Saison noch möglich.

Mit dem auf Platz sieben gelandeten Markus Eisenbichler (281 Punkte) hat Geiger beim Kampf um den Tourneesieg noch seinen besten Kumpel an der Seite. Ein starker zweiter Sprung machte Eisenbichler Hoffnung auf noch bessere Resultate, aber: »Natürlich ist es schade, dass wir keinen auf dem Podest hatten. Trotzdem lassen wir uns davon nicht unterkriegen.«

Auf der Positivseite stand aus deutscher Sicht auch der neunte Rang des nach einem Kreuzbandriss zurückgekehrten Stephan Leyhe. Allerdings gab es an diesem Tag auch viel Schatten im Oberstdorfer Flutlicht. Besonders traurig war Teamweltmeister Severin Freund, der sich erstmals in dieser Saison ins Weltcupteam zurückgekämpft hatte. Nach einem tollen Sprung wurde der Routinier wegen eines nicht regelkonformen Anzugs disqualifiziert. »Das ist blöd für mich und extrem bitter. Aber ich muss das akzeptieren, weil das Material passen muss. Ich muss nacharbeiten und in Garmisch wieder angreifen«, kommentierte Freund das Malheur.

Gleiches gilt für Geiger. Der Weltmeister war mit einer Kampfansage in den Vierkampf gestartet: »Die Tournee ist fällig. Es ist nach 20 Jahren Zeit, dass endlich mal wieder ein Deutscher gewinnt.« Vielleicht hilft ja eine Wetteränderung dabei: Für das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen ist strahlender Sonnenschein vorhergesagt. Am Mittwoch hatte Leyhe noch konstatiert: »Selbst der Himmel weint.«

Ob Sonne oder Regen: 6,1 Punkte oder umgerechnet 3,39 Meter Rückstand auf Kobayashi sind in den drei noch ausstehenden Tourneespringen noch aufholbar. Zumal die Rolle des »Arbeiters, Aufholers und Jägers« Geiger nicht nur nach Meinung von Chefcoach Horngacher perfekt auf den Leib geschneidert ist. Im vergangenen Winter hatte sein Vorflieger das Heimspringen in Oberstdorf gewonnen und am Ende als Zweiter doch klar den Gesamtsieg verpasst. Geschlagen wurde er vor Jahresfrist vom Polen Kamil Stoch, der nach seinem sensationellen Aus im ersten Durchgang von Oberstdorf dieses Mal schon all seine Chancen auf die Titelverteidigung eingebüßt hat.

Ansonsten aber präsentiert sich die Konkurrenz besonders in Person von Kobayashi und Granerud bärenstark. Zumal das Duo vor dem Neujahrsspringen noch Asse im Ärmel hat. Der Japaner hatte in Oberstdorf die mit Abstand geringste Anlaufgeschwindigkeit des Favoritentrios - eigentlich ein wesentlicher Faktor für die Flugweite. Trotzdem segelte er mit spektakulären 141 Metern zum Sieg. »Ich werde zusammen mit meinen Technikern daran arbeiten, die Geschwindigkeit zu verbessern«, kündigte der 25-Jährige für Garmisch an. Und er fügte noch ganz selbstbewusst hinzu, dass er »keinerlei Druck« verspüre.

Kein Wunder, schließlich hat er vor drei Jahren schon gezeigt, dass er nach einem Auftaktsieg die Erfolgswelle noch eine Woche weiterreiten kann. Auf der Schanze in Garmisch-Partenkirchen fühle er sich ohnehin »pudelwohl«. Noch besser geht es dem Norweger Granerud, der in der Gesamtwertung mit 2,8 Punkten Rückstand auf Platz zwei liegt: »Garmisch ist meine Lieblingsschanze bei der Tournee.« Vor einem Jahr landete er hier auf Platz zwei und selbst in schwachen Wintern flog er zu Neujahr immer besonders stark: »Ich fühle mich viel besser als letztes Jahr. Wenn ich gut springe, können wirklich tolle Sachen passieren.« Zumal Granerud mit Robert Johannson (3.) und Marius Lindvik (4.) noch zwei Teamkollegen an seiner Seite weiß, falls es bei ihm doch nicht klappen sollte.

Auf den Teamspirit hofft auch Karl Geiger. Sein Zimmerpartner Eisenbichler hat schon mal angekündigt, sich ganz in den Dienst der wackelnden Tourneehoffnung zu stellen: »Ich versuche, den Karl zu unterstützen, damit er es bisschen ruhiger hat.« Ob das genügend Kraft für den lang ersehnten deutschen Tourneesieg gibt, zeigt sich vielleicht schon am Sonnabend.

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