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Unsichtbare Geschichte entdecken

Seit 20 Jahren erinnert eine Gedenkstätte in Leipzig an die NS-Zwangsarbeit in der Stadt

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 5 Min.
Niederländische Zwangsarbeiter im Leipziger Lager Entenweiher. Das Gebäude war vor dem Krieg Vereinshaus eines Kleingartenvereins und wird seither wieder so genutzt.
Niederländische Zwangsarbeiter im Leipziger Lager Entenweiher. Das Gebäude war vor dem Krieg Vereinshaus eines Kleingartenvereins und wird seither wieder so genutzt.

Die Fahrradtour beginnt im Leipziger Stadtteil Eutritzsch, wo große Asia-Märkte zwischen Bundesstraße und Bahngleisen angesiedelt sind. Es ist kein Ort, der sich für Sightseeing in Leipzig aufdrängt. Die Fahrt hat indes weniger einen touristischen als einen historischen Anlass: Sie führt zu Plätzen, die mit NS-Zwangsarbeit verbunden sind. Wo heute asiatische Lebensmittel gehandelt werden und ein Treffpunkt für ehemalige Vertragsarbeiter aus Vietnam entstanden ist, befand sich einst das Werk 2 der Allgemeinen Transportanlagengesellschaft (ATG). Es war das erste Leipziger Unternehmen, das seine Produktion in der NS-Zeit komplett auf Rüstungsgüter umstellte. Dafür beutete es viele Zwangsarbeiter aus. Zeitweise stellten sie 40 Prozent der Belegschaft. Viele waren hier in einem Barackenlager untergebracht.

Von dieser Geschichte ist im Stadtbild nichts mehr zu erkennen. Die Informationen erhalten nur Teilnehmer der Radtour, die 25 Kilometer durch Leipzig führt, etwa auch zu Stationen wie den Wohnungen von Industriellen und NS-Größen im Stadtteil Gohlis führt und die von Mirko Koch, ehrenamtlich Engagierter in der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig, konzipiert wurde. Koch bietet auch einen Stadtteil-Rundgang in Connewitz und eine Ortsbegehung an einem KZ-Außenlager in Schönau an. Für die Radtour entwarf er ein analoges Tourbuch und viel digitales Zusatzmaterial, von einer Karte bis zu Audiobeiträgen, in denen etwa ein einstiger tschechischer Zwangsarbeiter über Luftangriffe auf das ATG-Werk berichtet.

Solche Spaziergänge und Radtouren zeigen, wie die Gedenkstätte heute ihr Anliegen umsetzt - eine Gedenkstätte, die dieser Tage ihr 20-jähriges Jubiläum begeht. Als sie Ende 2001 eröffnet wurde, sei sie die erste Ausstellungsstätte in der Bundesrepublik überhaupt gewesen, die sich dem Thema NS-Zwangsarbeit widmete, sagt Mitarbeiterin Anne Friebel. Dieses gehörte - neben dem Umgang mit den sowjetischen Kriegsgefangenen - zu den Verbrechen der Nazidiktatur, die lange wenig Beachtung gefunden hatten. Erst Sammelklagen in den USA gegen europäische Banken sorgten dafür, dass sich das änderte. Im August 2000 wurde in der Bundesrepublik die Stiftung »Erinnerung - Verantwortung - Zukunft« gegründet. Sie leistete nicht zuletzt auch symbolische Entschädigungszahlungen an ehemals Betroffene.

Die Gedenkstätte in Leipzig geht auf die Arbeit von Charlotte Zeitschel und dem Förderverein »Margarete Blank« zurück. Er ist nach einer Ärztin benannt, die wegen ihrer Hilfe für Zwangsarbeiterinnen 1945 ermordet wurde. Der Ärztin wurde später gedacht, der Zwangsarbeiterinnen lange nicht. Zeitschel wollte das ändern, knüpfte Kontakte zu Betroffenen und und eröffnete mit Mitstreitern schließlich die Gedenkstätte - an historischem Ort: in einem Pförtnerhaus des Umweltforschungszentrums Leipzig (UFZ). Dort hatte früher die Hugo Schneider AG (Hasag) ihren Sitz, die Panzerfäuste herstellte und dazu massenhaft Zwangsarbeiter*innen beschäftigte - bis zu zwei Drittel der 60 000 Beschäftigten.

Unter ihrer 2011 verstorbenen Gründerin kümmerte sich die Gedenkstätte vor allem um die Aussöhnung mit Betroffenen und deren Nachfahren. Das geschah unter schwierigsten Bedingungen. Es gab wenig Geld, erst recht, nachdem die kleine Gedenkstätte zusammen mit Organisationen wie dem Zentralrat der Juden die Mitarbeit in der Stiftung Sächsische Gedenkstätten eingestellt hatte. Auslöser war Streit um Sachsens Gedenkstättengesetz, das NS-Diktatur und DDR-Unrecht gleichsetzte. Wegen der existenziellen Nöte konnte sich der Leipziger Erinnerungsort nicht wie nötig in die Debatte um die Ausrichtung der bundesdeutschen Gedenkstättenlandschaft einbringen, sagt der ehemalige Vorstand Franz Hammer. Leipzig hätte eine Rolle auf Bundesebene spielen können, sagt er; es wäre dafür geeignet gewesen, die Dimensionen des NS-Zwangsarbeitssystems »exemplarisch aufzuzeigen«. Als sich die finanzielle Lage wieder etwas gebessert hatte, war freilich »der Zug abgefahren«. Heute gilt das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin als bundesweit maßgeblicher Erinnerungsort. Ein weiterer soll 2023 mit dem Museum »Zwangsarbeit im Nationalsozialismus« in Weimar eröffnet werden.

Allerdings fand Zwangsarbeit überall im NS-Staat statt; die Auseinandersetzung damit solle daher »nicht an zentrale Stätten delegiert werden«, sagt Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald / Mittelbau-Dora. Die Gedenkstätte in Leipzig ist daher heute ein aktiver Teil eines bundesweiten Netzwerks von 20 bis 30 Erinnerungsorten, sagt Anne Friebel.

Dass sie diese Rolle spielen kann, liegt neben einer mittlerweile gesicherten institutionellen Förderung durch die sächsische Gedenkstättenstiftung und die Stadt auch am erfolgreichen Generationswechsel. Um 2010 drängten junge Leute aus Leipzig in den Verein. Das habe, erinnert sich Franz Hammer, zeitweise zu Gerüchten geführt, »Connewitzer Chaoten« hätten das Ruder übernommen: »Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten und um Vertrauen ringen.«

Inzwischen ist auch Hammer schon wieder Vorstand a.D. Ein junges Team, zu dem neben Anne Friebel drei weitere Festangestellte sowie viele ehrenamtlich Engagierte gehören, hat der Gedenkstätte aber ein neues Profil verliehen. Zwar geht es noch immer um Aussöhnung mit Betroffenen. Jährlich gebe es bis zu 100 Anfragen, zuletzt auch von einer über 100-jährigen Holländerin, die bei der Hasag Zwangsarbeit leisten musste. Ein großes Anliegen sei darüber hinaus aber, das Thema »in der Stadtgesellschaft präsenter zu machen«. Die Stadtteilrundgänge und Radtouren haben sich dazu als bestens geeignetes Mittel erwiesen - nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass die eigentliche Gedenkstätte am Stadtrand vielen Interessierten als etwas zu abgelegen gilt.

Zu den wichtigsten Vorhaben nach dem 20-jährigen Jubiläum gehört es daher, einen weiteren Standort in der Stadt zu finden, sagt Anne Friebel - einen, der auch mehr Platz für Ausstellungen bietet als das kleine Pförtnerhaus. Zudem wolle man sich noch einmal intensiv mit einem Gebäude in der Kamenzer Straße 12 befassen. Es ist das letzte authentische Gebäude eines KZ-Außenlagers, wird aber seit 2007 von Nazis genutzt, etwa von einem Kampfsportclub. Es sei das am längsten bestehende Domizil der rechten Szene in Leipzig, heißt es bei der Initiative »Runter von der Karte - Rechte Objekte in Sachsen«. »Diesem Thema«, kündigt Friebel an, »werden wir uns noch einmal intensiv widmen.«

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