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»So etwas siehst du nur im Krieg«

Am Tag, als der Pluralismus starb: Die ARD-Doku »Der Sturm auf das Kapitol« erinnert an den drohenden Bürgerkrieg in den USA vor einem Jahr

  • Von Jan Freitag
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Bibel, der Tod und die Trump-Fahne am 6.1. 2021: Als wollten die USA ein »failed state« werden.
Die Bibel, der Tod und die Trump-Fahne am 6.1. 2021: Als wollten die USA ein »failed state« werden.

Heilige Geister und Wunderheiler, lebende Tote und Wasserläufer - Glaubensfragen abseits jeder wissenschaftlichen Evidenz sind seit Anbeginn unserer Zeitrechnung stete Begleiter der Mythengestalt Jesus von Nazareth. Aber dass diese Figur nicht nur sagen-, sondern wahnhafte Sachen von sich gab, menschenverachtenden Blödsinn gar, wurde eigentlich nicht überliefert. Wobei: in einer bestürzenden ARD-Dokumentation ist Jesus ja auch gar kein Erlöser, sondern ein Angreifer - auf das Kapitol in Washington vor einem Jahr.

Jesus von Washington nämlich, ein christusgelockter QAnon-Anhänger namens Nick Alvear, der dem Filmemacher Jamie Roberts nicht nur mit Engelszungen versichert, dass Amerikas angeblicher »Deep State« 800 000 Kinder pro Jahr entführe, versklave und foltere, um ihnen ein »Adrenochrom« genanntes Wundersekret abzuzapfen. Denn Hirngespinste wie dieses haben den Verschwörungsideologen Alvear am 6. Januar 2021 in die US-Hauptstadt getrieben, um dort zum »Sturm auf das Kapitol« zu blasen, wie diese Gemeinschaftsproduktion von HBO, BBC und SWR in aller gebotenen Nüchternheit heißt.

Zwei Monate, nachdem Joe Biden mit überwältigender Mehrheit und juristischer Bestätigung sämtlicher Gerichte zum 46. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt wurde, rief Donald Trump um die Mittagszeit des 6. Januar seine Jünger unweit des Kongresses dazu auf, die legislative Wahlbestätigung zu verhindern. »Wir werden es nicht zulassen«, gab er dem aufgepeitschten Mob noch dreimal mit auf den Weg vors Kapitol - dann erlebte die Welt vor laufenden Kameras, was viele anschließend als eine Art Bürgerkrieg beschrieben. Und es waren viele Kameras.

Jamie Roberts jedoch, für investigative Dokumentationen wie »War Child« oder »The Jihadis Next Door« preisgekrönt, hat ungleich mehr Bildmaterial ausgewertet als on- wie offline ohnehin verfügbar ist. Von live geposteten Handyaufnahmen der Eindringlinge über Body-Cams der Verteidiger bis hin zu Militäraufnahmen und Pressematerial durchforstete der Regisseur alles, was dieser annähernd lückenlos dokumentierte Putschversuch bietet - darunter jene vom Verschwörungs-Jesus Alvear, der beim späteren Gespräch in Kaminzimmeratmosphäre »Patrioten am Kapitol« feiert, die »von diesem Geist ganz erfüllt« waren. Aus rechtsradikaler Sicht dem der Befreiung, aus liberaler dem der Vernichtung.

Denn all die rechtsextremen Aufrührer und traumatisierten Einsatzkräfte, die beobachtenden Reporter und politischen Akteure jenes geschichtsträchtigen Tages, mit denen Roberts reden konnte, vervollständigen bedrohliche 90 Minuten lang ein Gesamtbild, das der Untertitel nur ansatzweise zum Ausdruck bringt: »Angriff auf die Demokratie«. Oder wie es der beteiligte Polizist Mike Fanone formuliert: »Wir sehen jeden Tag in den Abgrund der Menschheit, aber so etwas siehst du nur im Krieg.«

Es gibt zwar eine Vielzahl beängstigender Szenen in dieser Chronologie der Ereignisse von Washington. Jener tosende Moment zum Beispiel, als eine Trump-Fanatikerin kurz vorm Eindringen in den Plenarsaal live erschossen wird. Oder tonlose Überwachungsvideos, auf denen Abgeordnete und ihre Mitarbeiter vor den Eindringlingen über die Flure in ihre Büros flüchten, um vor Todesfurcht »den Atem anzuhalten«, wie Nancy Pelosis Assistentin Leah Han die Situation schildert.

Kein Zeitzeuge aber bringt die Folgen der Belagerung für Amerikas Zivilisation besser auf den Punkt als Mike Fanone. Wie der kampferprobte Cop mit laufender Körperkamera um 15 Uhr das Schlachtfeld betritt und sofort zwischen zwei Fronten gerät. Wie er die Kontrolle verliert und gelyncht zu werden droht. Wie er mit Glück und Geschick zwar dem Tod entrinnt aber als psychisches Wrack endet - all das symbolisiert, was der rechte Terror an jenem Tag hinterlassen hat, abgesehen von fünf Toten und ungefähr so vielen Suizid-Opfern im Land der 400 Millionen legal erworbenen Schusswaffen.

Schließlich zeigt »Der Sturm auf das Kapitol« nicht nur die Vernichtung uralter Möbel im Haus, sondern auch des pluralistischen Miteinanders im Ganzen. Denn Minuten nur nach Beendigung der faschistoiden Erhebung fechten namhafte Republikaner ausgerechnet dort das Wahlergebnis an, wo Trumps Truppen gerade blutig gewütet haben.

Schlimmer noch: vorm Jahrestag der Ereignisse verdichtet sich die Befürchtung, der abgewählte Revolutionsführer könnte am 6. Januar 2025 an selber Stelle wiedergewählt werden - oder den abgebrochenen Bürgerkrieg vollenden. Selten war eine Dokumentation fesselnder. Und selten furchteinflößender.

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