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Schulstreik gegen Corona

Viele Schulen in den USA sind angesichts der Omikron-Welle erneut in den Fernunterricht gegangen - in New York und Chicago gibt es Forderungen nach besserem Schutz

  • Von Moritz Wichmann
  • Lesedauer: 5 Min.
Protest von Schülern in Chicago für Remote-Unterricht und bessere Corona-Schutzmaßnahmen in Schulen.
Protest von Schülern in Chicago für Remote-Unterricht und bessere Corona-Schutzmaßnahmen in Schulen.

»Die Situation ist außer Kontrolle«, so ist ein viraler Post eines New Yorker Schülers auf der Onlineplattform Reddit betitelt, zehntausende Menschen haben es geteilt. Darin beschreibt er seinen derzeitigen Schulalltag, gibt Einblick in die Situation in den öffentlichen Schulen der größten Stadt der USA. Der lange Fernunterricht in den letzten Monaten habe auch ihm mental zu schaffen gemacht, aber die derzeitige Omikron-Welle mache eine »temporäre Rückkehr zu Remote Learning nötig«, leitet JoshGordons_burner seinen Bericht ein.

Er schreibt von abwesenden kranken Lehrern und Kindern allein in Klassenzimmern; Stunden, wo kein Lernen stattfindet, zu Beginn lediglich die Anwesenheit kontrolliert wird; von gleich mehreren Stunden, wo Tests ausgeteilt werden, weil Schüler Kontaktpersonen zu Infizierten sind; von einem überfüllten Auditorium, wo Schüler panikartig von einem positiv getesteten Schüler weglaufen; von halbleeren Klassen, weil viele Eltern Kinder zu Hause behalten oder diese infiziert sind und von Covid als beherrschendem Thema in 90 Prozent der Gespräche unter anwesenden Schülern.

Gegen diese Verhältnisse protestierten New Yorker Schüler am Dienstag mit einer Art Schulstreik, einem »walkout«. Besonders Videos aus der Brooklyn Tech – einer staatlichen High School für Hochbegabte und größte Schule im Lande, wo 6000 Schüler auf sieben Etagen normalerweise hoch motiviert zusammen lernen – verbreiteten sich rasant in den sozialen Medien. Doch auch an einem Dutzend anderer Schulen in New York City gab es Protestaktionen. »Unsere Schulen sind gerade nicht sicher, es sind einfach so viele Menschen krank, unser Bürgermeister beschützt uns nicht ausreichend, wir wollen die Option haben, remote zu lernen«, erklärte etwa die Schülerin und Schulstreik-Organisatorin Felicia von der Bronx Science High School.

Der New Yorker Bürgermeister Eric Adams will Schulen – um offenbar um fast jeden Preis - offenhalten, wie viele andere Demokraten-Politiker landesweit auch. Dabei werden die trotz dramatischer Corona-Zahlen offenen US-Schulen in diesen Tagen angesichts hoher Krankenstände unter Lehrkräften immer mehr zu reinen dysfunktionalen Verwahranstalten, wie der Bericht von JoshGordons_burner zeigt. Landauf, landab zeigten sich in den letzten Tagen trotzdem gut verdienende Kommentatoren im liberalen Kabelfernsehen MSNBC und CNN von den sicheren Couchs oder Schreibtischen ihrer Häuser lautstark besorgt über mögliche Rückstände vor allem ärmerer Schüler durch das Remote Learning – auch wenn sie sich vor der Pandemie wenig um das Schülerwohl gekümmert haben.

Der Grund für die scharfe Rhetorik der TV-Besserwisser war die Auseinandersetzung um Corona-Schutzmaßnahmen in Chicago. Dort hatte die gut organisierte lokale Lehrergewerkschaft CTU angesichts stockender Verhandlungen mit der Schulbehörde und Bürgermeisterin Lori Lightfoot einen siebentägigen Quasi-Streik vom Zaun gebrochen. Die CTU forderte wegen der hohen Infektionszahlen in der Stadt mehr Tests und bessere Schutzausrüstung wie Masken sowie festgelegte Grenzen zum erneuten Wechsel in den Fernunterricht. Das sollte geschehen, wenn eine Positivrate von 30 Prozent unter den Kindern vorliegt, oder wenn mehr als ein Viertel aller Lehrer wegen einer Corona-Infektion ausfallen.

Im Zuge der Auseinandersetzung war auch bekannt geworden, dass der Gouverneur von Illinois der Stadtverwaltung zusätzliche Masken und Tests angeboten hatte, die Stadt Chicago aber nicht darauf eingegangen war. Sieben Tage nachdem die Gewerkschaftsmitglieder dafür gestimmt hatten, so nicht weiterzuarbeiten und die Schulbehörde daraufhin den Schulunterricht für sieben Tage ausfallen ließ, erzielte man am Montag eine Einigung. Seit Mittwoch läuft der Unterricht wieder. Details zum gefundenen Kompromiss sind noch nicht bekannt.

Doch auch wenn die Auseinandersetzung in Chicago besonders bitter war: Viele andere Landesteile stehen dieser Tage vor demselben Problem oder sind wegen der Omikron-Welle bereits wieder in den Remote-Unterricht gegangen. Laut Zählung des Portals »Burbio« gab es in den letzten zwei Wochen in den USA mehr Schulen, an denen kein normaler Unterricht stattfand, als im gesamten Jahr 2021. Über 5000 waren es in der ersten Januarwoche, über 3000 diese Woche. In Detroit etwa sind alle Schulen im Remote-Modus, weil stadtweit die Positivrate bei Corona-Tests bei rund 40 Prozent liegt.

Die Schülerproteste in New York könnten der Beginn weiterer Konflikte um ausreichende Sicherheitsvorkehrungen an Schulen in der Pandemie sein – oder ihr vorläufiger Höhepunkt. Auch in anderen Bereichen der Gesellschaft rumort es. Am Donnerstag werden Mitglieder der größten US-Krankenschwestergewerkschaft National Nurses United landesweit für besseren Arbeitsschutz – und zum Beispiel gegen eine verkürzte Quarantäne bei Ansteckung – protestieren. Die Chefin der Flugbegleitergewerkschaft AFA-CWA wiederum, Sara Nelson, erhielt von der Fluglinie Delta eine Unterlassungserklärung, weil sie auf Twitter berichtet hatte, dass Kolleginnen trotz Corona-Infektion und Fieber zur Rückkehr zur Arbeit genötigt wurden.

Das Weiße Haus erklärte am Mittwoch, man werde den Schulen des Landes 5 Millionen zusätzliche Covid-Tests liefern, damit diese offen bleiben können. Der informelle Anführer der US-Linken, Vermonts Senator Bernie Sanders, forderte dagegen am Mittwoch, das Weiße Haus müsse alle Bürger mit einer N95-Maske ausstatten. Dafür solle es den Defense Production Act aus dem Zweiten Weltkrieg nutzen, um Unternehmen zu verpflichten, ihre Produktion zu erhöhen. Sanders hatte zuvor auch eine deutliche Erhöhung der Zahl und eine einfachere Vergabe der 500 Millionen Corona-Tests gefordert, die die Biden-Regierung im Dezember zugesagt hatte.

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