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Wann Kindheit anfängt und endet

Ali Mitgutsch ist gestorben. Er war ein heiterer Realist für kleine Kinder

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.
Wenn es gut läuft, ist die Welt ein schöner Rummelplatz, auf dem es bei Mitgutsch viel zu entdecken gibt
Wenn es gut läuft, ist die Welt ein schöner Rummelplatz, auf dem es bei Mitgutsch viel zu entdecken gibt

Der Künstler und Kinderbuchautor Ali Mitgutsch starb am Montag im Alter von 86 Jahren in München. »Heute ist meine Kindheit endgültig zu Ende gegangen« schrieb der Herausgeber des »Zeitmagazins« Christoph Amend, der bald 47 wird, auf Twitter. In der Tat dürften die meisten westdeutschen Kinder der 70er und 80er Jahre sich die Mitgutsch-Bücher angeschaut haben. Genauso wie die Kinder in der größer gewordenen BRD seit 1990. Seine Bücher haben über sechs Millionen Auflage.

Denn bei Mitgutsch war viel los. In den von ihm erfundenen »Wimmelbüchern« gab es keinen Text zum Vorlesen, aber unendlich viele Details zu entdecken, über die sich Eltern mit ihren kleinen Kindern sehr gut unterhalten konnten. Über all die Menschen - die dicken, die dünnen, die doofen, die lieben, die frechen, die angeberischen, die hektischen, die schüchternen; in der Stadt, auf dem Land oder am Wasser. Die FAZ nannte ihn einmal den »Meister der Burleske für Kleinkinder.«

Bestimmte Phänomene wurden von ihm extra herausgehoben: Seesterne, Taucherglocken, Fischernetze, Traktoren oder Mähmaschinen. In fast naiver Form gezeichnet, wirkten sie sehr farbig und freundlich. Das war nichts, wovor man Angst haben musste. Denn in den ebenso autoritären wie antiautoritären 70ern gab es beides: Furcht und Freiheit. Es dauerte, bis die linken Lehrer von den Unis an die Schulen kamen, um den Hab-acht-Stil der deutschen Pädagogik zu schwächen.

In seiner eigenen Kindheit musste sich Mitgutsch öfters fürchten, nachdem er als Sohn einer armen Bäckersfamilie am Ende des Zweiten Weltkriegs wegen der Bombardierung von München ins Allgäu geschickt wurde und dort ständig mit irgendwelchen dicktuenden Blödis Ärger bekam. Er habe sich in seine Fantasie gerettet, sagte er später. Nach der Hauptschule wurde er Grafikdesigner.Die Idee mit den Wimmelbildern sei ihm gekommen, als er Riesenrad gefahren sei und hinuntergeblickt habe. Merke: Die guten Ideen sind die einfachen. Und: Von der Fantasie wird immer geredet, man muss sie aber auch gebrauchen.

Mitgutsch war das heitere Gesicht des Realismus, der ab 1968 nicht nur die Kunsthochschulen, sondern auch die Kinderbücher dominierte. Er habe mehr Jungen als Mädchen gezeichnet, räumte er ein, als er schon alt war. Doch den kleinen Kindern fiel das nicht so auf. Das Unheilvolle kam etwas später in die Bilderbücher, zusammen mit den Sorgen der Umweltschutzbewegung: »Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder die Veränderung der Landschaft« von Jörg Müller erschien 1973. Darin konnte man sehen, wie die Stadtautobahn die Landschaft verschlingt und die Welt grau werden lässt. Die Menschen auf Müllers Bildern waren winzig und kaum zu erkennen, zur bloßen Nebensache der Technokratie geworden. Es sei denn, Momo rettet die fantasieanregende, bunte Welt vor den »grauen Herren«. Der Roman von Michael Ende erschien als Gegengift zur Versiegelung der Böden und des Denkens im selben Jahr.

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