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Die fünf Luxemburgs

Eine neue Leipziger Ausstellung über die Geschwister der Arbeiterführerin und deren »polnische Seite«

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 7 Min.
Familientreffen zu Ostern 1902 in Berlin: Ostern 1902: Rosa Luxemburg, ihre Schwester Anna (1. v. l. sitzend), die Brüder Maxymilian (sitzend) und Mikolay mit Frau Lilly (1. v. r.) und den Töchtern Anni und Jenny
Familientreffen zu Ostern 1902 in Berlin: Ostern 1902: Rosa Luxemburg, ihre Schwester Anna (1. v. l. sitzend), die Brüder Maxymilian (sitzend) und Mikolay mit Frau Lilly (1. v. r.) und den Töchtern Anni und Jenny

Als sich am 13. Juni 1919 ein unüberschaubarer Trauerzug durch Berlin bewegte, um der knapp fünf Monate zuvor am 15. Januar ermordeten Rosa Luxemburg eine letzte Ehre zu erweisen, waren in der riesigen Menge wohl auch vier Menschen, die die Tote seit ihrer Geburt 48 Jahre zuvor gekannt hatten: ihre Geschwister. Belegt ist, das Józef anwesend war, der jüngste von drei Brüdern, auf dessen Promotion als Mediziner Rosa so stolz gewesen war und der nun Beamter im polnischen Gesundheitsministerium war. »Er soll sogar mit dem Flugzeug gekommen sein«, sagt Holger Politt. Er ist, auch wenn letzte Belege fehlen, jedoch überzeugt, dass zu dem traurigen Anlass »alle vier nach Berlin gekommen sind«.

Politt ist im Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Warschau tätig und in den vergangenen vier Jahren tief in die Geschichte der Familie eingetaucht, die ihren Namen eigentlich mit »n« statt »m« schrieb. Die Luxenburgs hätten zu einem sehr wohlhabenden und gebildeten polnisch-jüdischen Milieu »auf der Glanzseite des Lebens« gehört, sagt Politt. Rosas Großvater väterlicherseits war einer der reichsten Kaufleute im Königreich Polen; einem Bruder ihrer Mutter gehörte ein Bergwerk. Für Rosas Eltern Edward und Lina galt das nur mit Abstrichen. Der Vater hatte während eines Aufstands 1863 Bankrott erlitten. Das Haus in Zamość, in dem die fünf Kinder zur Welt kamen, musste an den Klavierlehrer eines der Söhne verkauft werden; die Familie durfte zwei Zimmer samt Küche noch für ein Jahr mietfrei bewohnen; dann zog sie nach Warschau.

Auslöser für die Recherche Politts und seines Kollegen Krzystof Pilawski war der Umstand, dass in Zamość seit 2018 nichts mehr an die berühmte Tochter der Stadt und ihre Angehörigen erinnert. Polens Regierung ließ in ihrem nationalkonservativen Eifer eine im Jahr 1979 angebrachte Gedenktafel entfernen. Ihr gilt die Theoretikerin der internationalen Arbeiterbewegung als »eingefleischte Polenfeindin«. Die Tafel wurde als verbotene kommunistische Propaganda im öffentlichen Raum angesehen. Politt bemühte sich, das Erinnerungsstück zu erwerben, ohne Erfolg.

Die Auslöschung der sichtbaren Erinnerung an Luxemburg sei »der entscheidende Impuls« für die Recherchen gewesen, die Politt und Pilawski in dem 2020 erschienenen Buch »Rosa Luxemburg: Spurensuche« (VSA) beschreiben und die sie nicht nur in Archive und auf Friedhöfe führten, sondern auch durch alle Abgründe des 20. Jahrhunderts. Sie mündeten aber auch in bemerkenswerten Funden und Begegnungen, so mit Rosas Großneffen Bernhard Borde, dem Enkel von Józef Luxenburg, der 1934 in Riga geboren wurde, als Atomphysiker in Sibirien arbeitete und heute im russischen Krasnojarsk lebt.

Von Borde erhielten die Historiker ein Foto, das vier der Geschwister Luxen(m)burg in glücklichen Tagen zeigt: zu Ostern 1902, in der Wohnung des ältesten Bruders Mikołaj in Berlin-Charlottenburg. Zu sehen sind Anna, die Älteste, Rosa, das Nesthäkchen, dazu der Bruder Maxymilian sowie Frau und Töchter des Gastgebers. Der abwesende Bruder Józef und die Eltern sind auf Fotografien zu erkennen, die auf einem Tisch stehen. Mit dem Familienbild eröffnen die beiden Historiker eine Ausstellung, die Teile der weit umfänglicheren Recherchen zeigt, voriges Jahr mit großem Zuspruch in Zamość gezeigt wurde und jetzt erstmals auch in Deutschland zu sehen ist.

An diesem Samstag wird sie aus Anlass von Luxemburgs Todestag in Leipzig eröffnet. Zu sehen sind die elf Tafeln voller Fotos und Faksimiles im Liebknechthaus. Nur wenige Meter entfernt von dem Haus, in dem ihr späterer Kampfgefährte Karl Liebknecht geboren wurde und in dem heute die Leipziger Linke ihren Sitz hat, wohnte Luxemburg, als sie zu Pfingsten 1899 den Chefredakteur der »Leipziger Volkszeitung« besuchte.

Die Ausstellung wurde ursprünglich konzipiert, um das Gedenken an Luxemburg in ihrer Heimatstadt auch nach der Entfernung der Tafel wachzuhalten, sagt Politt. Sie konzentriert sich deshalb auf die fünf Geschwister, die alle in Zamość geboren wurden. Die Schau wurde in der Synagoge der Stadt im Südosten Polens gezeigt, die heute von einer Stiftung zur Bewahrung des jüdischen Kulturerbes betrieben wird. Obwohl sie wegen Corona nicht wie geplant bereits zum 150. Geburtstag Luxemburgs am 5. März 2021 gezeigt werden konnte, sei sie ein Erfolg gewesen, sagt Politt: In sechs Monaten kamen 15 000 Besucher. Viele, sagt der Historiker, seien »erstmals auf diese Weise mit Rosa Luxemburg in Berührung gekommen«.

In Deutschland ist sie weit bekannter, zumal in Leipzig, wo es seit vorigem Jahr einen Erinnerungsort im »Felsenkeller« gibt, einem traditionsreichen Versammlungsort der Arbeiterbewegung, wo sie 1911 eine gefeierte Rede hielt. Zudem erscheint eine Schriftenreihe über Luxemburg in der Stadt; die sächsische Rosa-Luxemburg-Stiftung hat dort ihren Sitz. Was in der Bundesrepublik aber bisher sehr wenig Beachtung finde, sei die »polnische Seite« Luxemburgs, sagt Holger Politt.

Das gelte für ihre auf Polnisch verfassten Schriften, die immerhin knapp ein Drittel des Gesamtumfangs ihres Werkes ausmachten. Sie würden in der internationalen Forschung »stiefmütterlich« behandelt. Die »Schieflage« komme zum Beispiel darin zum Ausdruck, dass ihre 1908 verfasste und, wie Politt sagt, »faszinierende« Arbeit »Nationalitätenfrage und Autonomie« erst 2012 vollständig auf Deutsch publiziert wurde. Der Historiker will seinen Teil dazu beitragen, die Lücke zu schließen: Voraussichtlich im Herbst 2022 erscheint ein von ihm verantworteter Band, der die bisher siebenbändige Ausgabe im Dietz-Verlag um »polnische« Texte Rosa Luxemburgs in Übersetzung ergänzen soll; zwei weitere stehen in Aussicht.

Wenig bekannt ist auch die frühe Lebens- und Familiengeschichte Luxemburgs in ihrer polnischen Heimat, die sich dank der Schau nun zumindest ein wenig erschließen lässt. Sie gibt Einblicke in eine Familie, in der die Kinder umfassende Bildung erhielten; in der Polnisch die erste Sprache war, mit der Mutter indes auch Deutsch gesprochen wurde, Russisch den Schulalltag prägte, Französisch unter den Geschwistern gepflegt und Hebräisch gelesen wurde.

Die Schau zeigt auch, wie eng zeitlebens das Verhältnis zwischen den fünf Geschwistern Luxem(n)burg blieb. Als Rosa Luxemburg 1904 in Zwickau erstmals eine Gefängnisstrafe absitzen musste, besuchte sie ihr Bruder Józef. Akribische Listen über ihren Tagesablauf aus jener Zeit belegen, wie häufig sie mit den Geschwistern korrespondierte. Briefe und Gespräche drehten sich bei weitem nicht nur um familiäre Dinge.

Als Rosa 1908 mehrere Wochen mit ihrer Schwester Anna im Ostseebad Kolberg verbrachte, tauschte sie sich mit dieser auch über die gerade entstehende Schrift zur »Nationalitätenfrage« aus - und die Meinung der Brüder dazu. Das Verhältnis zur 17 Jahre älteren Schwester hatte sich erst vertieft, seit sie Rosa 1898 in Berlin besuchte. Diese wiederum sah Anna als »goldenen Menschen«.

In der Ausstellung steht das Verhältnis der Geschwister im Mittelpunkt. Sie führt aber auch vor Augen, dass diese Teil einer Familie waren, die unter den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts vielfach zu leiden hatte. Auf einem Foto in der Schau sind vier ihrer Nichten und Neffen zu sehen. Einer von diesen wurde als polnischer Offizier von der Roten Armee inhaftiert und im Frühjahr 1940 im Wald von Katyn ermordet, ein zweiter ging während der deutschen Besatzung in den Widerstand und wurde 1942 im KZ Maidanek hingerichtet. Dessen Bruder, Mitglied der polnischen Untergrundarmee, kam ein paar Monate davor in Auschwitz ums Leben.

Erschütternd ist auch das Schicksal von Bernhard Borde. Der Enkel von Józef Luxenburg, dessen Eltern eine Apotheke in Riga besaßen, wurde nach der sowjetischen Besetzung Lettlands Mitte Juni 1941 deportiert - ein dramatisches Ereignis. Ende Juni aber kamen die Deutschen, die alles jüdische Leben ausradierten. »Wenn sie uns nicht deportiert hätten«, schrieb Borde, »wäre von uns niemand am Leben geblieben.« So jedoch überlebte er - und konnte im hohen Alter zu der Spurensuche über seine heute vor 103 Jahren ermordete Verwandte beitragen.

Die Ausstellung »In Rosas Schatten« wird am Samstag um 10 Uhr im Leipzigr Liebknecht-Haus, Braustraße 15 eröffnet

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