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  • Kasachstans Rohstoffindustrie

Abhängig von Weltmarktpreisen

Die sozioökonomische Entwicklung Kasachstans hinkt dem Potenzial der kasachischen Öl- und Gas-Industrie hinterher

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 4 Min.
Arbeiter der Bolashak-Erdölanlage in der Nähe von Atyrau in Westkasachstan
Arbeiter der Bolashak-Erdölanlage in der Nähe von Atyrau in Westkasachstan

Kasachstan hat den Ruf eines Eldorado unter den fünf zentralasiatischen Staaten: unter der Erde lagern Unmengen von Erdöl und Gas, dazu verschiedene Metalle wie Uran und seltene Erden, die den Appetit internationaler Bergbaufirmen wecken. Nach Schätzungen der U.S. Energy Information Administration (EIA) verfügt Kasachstan über 30 Milliarden Barrel Erdöl- und etwa 2,4 Billionen Kubimeter Gasreserven. Zum Vergleich: Für den Irak sind es 145 Milliarden Barrel Erdöl und 3,7 Billionen Kubikmeter Gas. Bei der Energieproduktion insgesamt liegt Kasachstan weltweit auf Rang 15. Damit steht es zwar hinter den traditionellen Erdölförderländern, gehört aber immer noch zu einem an fossilen Energieträgern reichen Land, das sein Erdöl zu 76 Prozent nach Europa exportiert.

Die größten Erschließungsfelder liegen im Westen am Kaspischen Meer, darunter die 1979 entdeckten, sehr ergiebigen Felder Tengiz (Erdöl) und Karatschaganak (Gas) sowie das Offshore-Ölfeld Kaschagan, das erst im Jahr 2000 aufgetan wurde. Auf Basis dieses Rohstoffreichtums konnte Kasachstan nach der Unabhängigkeit seine Wirtschaft entwickeln und stellt heute die größte Volkswirtschaft Zentralasiens gemessen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) - noch vor Usbekistan, das die größte Bevölkerung (35 Millionen) aufweist. Berechnet nach Kaufkraftparitäten entfallen auf jeden Kasachen etwa 26 000 Dollar, Usbeken haben 7 800 in der Tasche. Zum Vergleich: In Deutschland beträgt das BIP pro Kopf 54 000 Dollar.

Die steigenden Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport resultieren aber nicht automatisch in einer größeren Anzahl von Arbeitsplätzen, denn dieser Wirtschaftszweig ist nicht besonders arbeitsintensiv, also gar nicht in der Lage, einen großen Teil der arbeitssuchenden Bevölkerung zu absorbieren. Zudem bestehen Kasachstans Exporte zu weit über 60 Prozent aus Energieträgern, allen voran Rohöl, aber auch Gas und Kohle, und zu weiteren rund 20 Prozent aus Metallen. Die kasachische Wirtschaft ist also besonders abhängig von den Schwankungen der Weltmarktpreise für diese Produkte, das spiegelt sich auch in der Beschäftigungsquote wieder. Nach Zahlen der Weltbank waren zur Unabhängigkeit 70,65 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung in Arbeit. Der folgende, rapide Zusammenbruch des sowjetisch geprägten Wirtschaftssystems und die Transformation in ein kapitalistisches drängte viele aus dem Arbeitsmarkt. Den Tiefststand erreichte das Land 1999 mit einer Beschäftigungsquote von 62,2 Prozent. Danach ging es bergauf, der Höchststand war 2015 erreicht: 67,4 Prozent. Mit Einbruch der Erdölpreise ging die Beschäftigungsquote stetig zurück, die Covid-Pandemie verursachte dann einen steilen Abstieg: von 65,51 (2019) auf 62 Prozent (2020).

Dass die jüngsten gewalttätigen Proteste in West-Kasachstan begannen, also in der potenziell an Bodenschätzen reichsten Region, ist kein Zufall, denn dort sehen die Arbeiter auf den Öl- und Gasfeldern ja, dass sie ungeheuere Reichtümer aus dem Boden holen, für sie und ihre Familien aber nicht viel ankommt. Das Problem eines beträchtlichen Wirtschaftswachstum ohne nachhaltige sozioökonomische Entwicklung haben die beiden kasachischen Analysten Dossym Satpayew und Tolganay Umbetaliyewa schon in einem Artikel von 2015 beschrieben. Kasachstans Wirtschaft ist letztlich nicht viel anders strukturiert als andere Rentierstaaten, deren Staatshaushalt nicht von den Steuern der Einwohner abhängt, sondern von Einnahmen generiert durch den Export von Öl und Gas. Dazu kommt eine weit verbreitete Korruption und Intransparenz der staatlichen Verwaltung. Die Eliten hängen somit unweigerlich ab von den »Einnahmen aus dem Verkauf natürlicher Ressourcen auf ausländischen Märkten zu Preisen, die von externen Bedingungen bestimmt werden«, schreiben Satpajew und Umbetalijewa. Folgerichtig bestimme der Zugang zur Rohstoffindustrie über den Erfolg in der Gesellschaft, »und die Kontrolle über die Rohstoffindustrie bestimmt die politische Macht.« Klarer lässt sich die grundlegende Ausrichtung der kasachischen Wirtschaft kaum beschreiben. Die sozioökonomischen Strukturen des Landes waren Auslöser der Proteste - wenn auch gewalttätige Gruppen zum späteren Zeitpunkt die Situation ausgenutzt haben mögen, wie einige Autoren vermuten. Und an diesen Strukturen wird sich aller Voraussicht nach so schnell nichts ändern.

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