Daheim ein Fremder

Zum Tod des Schauspielers und Weltenbummlers Hardy Krüger

  • Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

In seinen späten Jahren wirkte er wie der Ehrenretter eines geschundenen Begriffs: alter weißer Mann. Stumpfes Geschoss von der Phrasenfront. Hardy Krüger war ein weißer alter Mann jener ehrenwerten Gilde, die man fälschlicherweise Draufgänger nennt, obwohl sie doch alles daransetzen, nicht draufzugehen. In welchem Kampf auch immer. »Einer kam durch« hieß der britische Antikriegsfilm, der ihm frühe Berühmtheit bescherte.

Ohne diesen Typus ging Kino lange Zeit nicht, es war vielleicht die schönste Zeit. Sie schuf Stars, wegen derer man ins Lichtspieltheater ging; man war ehrlich sich selbst gegenüber, indem man sich zur Story bekannte, ohne eine Lehre abzufordern. In dieser Hollywood-Phase kam der junge Berliner aus dem Wedding nach Kalifornien, und wenn man sein Schauspiel auf einen Punkt bringen muss, so war es die Gabe, Erregungen eines Kämpfers mit der praktischen Vernunft eines gut aussehenden Schlawiners zu versöhnen. Später dann: das ewige Jungengesicht in hundert edelalte Schmerzensfalten zerlegt, umflort von einer Art mildem Abendlandschein.

Die 50er, 60er Jahre waren seine blühende Zeit »drüben«. Traumfabrik: gelobter Schaffensort! Denn im Spiel geschieht der Loskauf von Zwängen, und US-Amerikas Kino wurde zum gleichnisstarken Freizeitpark der Superlative. Fürs Herumtollen des Geistes und des Gemüts - auf dem Feld jener einfachen Lösungen, die im Leben draußen oft so schwerwiegende Folgen haben. Diese einfachen Lösungen, die doch aber die eigentliche Menschensehnsucht bleiben.

Aber auch der Genuss am Klischee ist doch Kino. Krüger parlierte im Klischee des Kräftigen, dessen wahrer Sieg mitunter in entwaffnender Sanftmut geschah. Herrenhafter Lausbubencharme. Ein Auftreten, als zeigten noch die blonden Haare ihre Muskeln. Und am Ende dieses Lebens, unterm Eisgrau des Bartes, eine trotzige, nunmehr gekerbte Verwegenheit. Im Hollywood der Wirkungseffizienz war er oft der Deutsche vom Dienst (»Die Brücke von Arnheim«), aber die blauen Augen umrahmten einen verletzlichen Ausdruck - Krüger verwandelte besagte Klischees in Charaktere (in Robert Aldrichs »Flug des Phönix«, in Filmen von Otto Preminger und Stanley Kubrick).

Ein Weltstar. Er spielte neben Lino Ventura, James Stewart, Peter Finch, Charles Aznavour, Richard Burton, Yul Brynner, Sean Connery, Orson Welles, er war Filmpartner von Melina Mercuri, Claudia Cardinale und Elsa Martinelli. Helden-Hardy. Aber immer auch: diese nervös lauernde Scheu, diese Zerbrechensnatur hinter den Panzern. Einen Oscar erhielt er für seinen herzenswunden Vietnam-Kriegsveteranen in »Sonntage mit Sybill«. Das westdeutsche Kino ging, wie auch im Falle von Klaus Löwitsch, achtlos und unsensibel an einer Wirkungsgroßchance fürs Nationale vorbei. Wenn er aus den USA herüberkam: statt Abenteuer meist nur Stempel - »An der schönen blauen Donau« oder »Die Christel von der Post«.

So in die Enge gedrückt, suchte er sich andere Möglichkeiten, attraktiv zu bleiben. Er wurde populär als serieller »Weltenbummler« im Fernsehen; er schrieb, beginnend mit »Eine Farm in Afrika«, über ein Dutzend Romane, in ihnen erzählte er wiederkehrend den Ineinandersturz von Trümmerfantasien und Aufbruchsvisionen. Das Gleichgewicht des Schreckens und der Schönheit. Als wirke ein Kriegstrauma nach.

Leben ist freier Wille, aber gekettet an Zufall und Fügung. Krüger geht als Junge in die Nazi-Eliteschule in Sonthofen, wird als »Pimpf Bäumchen« in einem Propagandafilm besetzt, lernt beim Dreh Albert Florath und Hans Söhnker kennen. Sie sind heimliche Fluchthelfer für Juden - ein früh Verführter findet so ausgerechnet bei einer Arbeit fürs Hetzkino seine Aufklärer, erfährt die Wahrheit über Dachau und Bergen-Belsen. Eine Lebensschule. »Diese Begegnungen haben wahrscheinlich verhindert, dass ich zur Killermaschine erzogen werden konnte.«

Noch in den letzten Wochen des Krieges wird der 16-Jährige in die Waffen-SS-Division »Nibelungen« eingezogen. Er verweigert am Donaubogen einen Schießbefehl - »ich hatte in die Gesichter der Feinde geschaut, die als Spähtrupp vor uns lagen«. Er wird verhaftet, »das wäre mein eigenen Tod gewesen, aber einer von der SS forderte mich zum Glück als Melder an«. Später US-Gefangenschaft und ein Heimatfußmarsch von Tirol bis zurück nach Berlin. Einer der Letzten einer geprüften Generation. Vielleicht zu jung damals für Schuld, aber doch in eine Bitterkeit getaucht, mit der das Gefühl für Zuständigkeit weitergegeben werden konnte.

Krüger hat das stets getan, nicht laut, nicht mit Pose, aber auch ohne jede falsche Milde sich selbst gegenüber. Es gab einen schlagzeilenträchtigen Schlagabtausch 1957 bei der Londoner Premiere des erwähnten britischen Films »Einer kam durch«. Krüger wird gefragt, ob er Nazi gewesen sei. »Wie kommen Sie darauf?« - »Schauen Sie mal in den Spiegel«, reagiert der Reporter. Krüger: »Ich verstehe, dass Sie als Jude etwas gegen Deutsche haben.« - »Woher wollen Sie wissen, dass ich Jude bin?« Krüger: »Schauen Sie mal in den Spiegel!« Er sagte später, er sei leider »unangebracht keck« gewesen. Aber Äußerlichkeit verlockt zum Vorurteil, Krüger wehrte sich.

Dieser Darsteller wurde sehr oft mit der Absicht besetzt, eine Mauer zu bauen: zwischen sich und allem Zweideutigen. Er sollte glänzen in der rigiden Strahlung einer zitterfreien Unverkennbarkeit. Er war eine Erscheinung, aber wurde mitunter besiegt von seinem Erscheinungsbild. Doch unversehens glitt Männlichkeit hinüber ins Aufgerissene; er konnte auch jene Seelenzersplitterten spielen, die Heldentum als Fähigkeit erfahren, aufgerieben zu werden. Es ist große Kunst: dies so zu spielen, dass man noch immer von Männlichkeit spricht.

Glück ist an Erfüllung so sehr gebunden wie an Erwartung. Hardy Krüger arbeitete am Schnittpunkt, wo die Spannung zwischen Eingelöstem und Ersehntem am größten ist. Er hatte Gesicht, Ausstrahlung und Stimme für jene Kinohelden, die man sich am leichtesten in verschwitztem Hemd unter einem langsam dahinbrummenden Ventilator vorstellt.

Als Liebhaber war er ein Boulevardier mit Trauerrand. In der Nähe Sumpf oder Wüste oder eine Hafenmole. Über 70 Filme, in denen er spielte, bekräftigen auch: Er hatte das Talent, unversehrt zu bleiben, wo Stoffe schlichtweg billig waren.

Talent und Charakter sind nicht unbedingt Partner. Schauspiel ist Gabe, nicht Gesinnung. Bei Krüger aber drang stets jenes Gran Glaubwürdigkeit durch, das ihn so anders machte, so vertraulich, so wesentlich im wahren Sinn des Wortes. Er spielte uns etwas vor, aber er machte dem Publikum nichts vor. Seine Geschmeidigkeit war ohne Windungen.

In Helmut Käutners »Der Rest ist Schweigen«, Ende der 50er, gab er einen jungen Industriellen, der nach dem Studium in den USA wieder ins Ruhrgebiet kommt. Rundum ein Frost aus Verdrängung und ungebremster Restauration. Krügers Rückkehrer ist im Aufstieg verloren, wie Hamlet. Daheim ein Fremder. Und im Spiel eine tiefe Bestürzung, die den Künstler lebenslang gegen reaktionäre Umtriebe wach halten würde.

Vor einigen Jahren beendete er in Hamburg eine Podiumsdiskussion gegen rechts mit einem Gedicht »Über einige Davongekommene« von Günter Kunert, geschrieben in der DDR: »Als der Mensch / unter den Trümmern / seines/ bombardierten Hauses / hervorgezogen wurde, / schüttelte er sich / und sagte. Nie wieder. // Jedenfalls nicht gleich.«

Nun ist Hardy Krüger, Jahrgang 1928, mit 93 Jahren in Palm Springs gestorben.

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