Werbung

»Ich bin keine Küche«

Vor 125 Jahren wurde die revolutionäre Architektin Margarete Schütte-Lihotzky geboren

  • Von Marcel Bois
  • Lesedauer: 4 Min.
Vor 100 Jahren war die
Vor 100 Jahren war die "Frankfurter Küche" revolutionär funktional

Die »Frankfurter Küche« ist zweifellos Margarete Schütte-Lihotzkys bahnbrechendstes Werk. Die erste Einbauküche der Welt, konzipiert für die beengten Verhältnisse der neuen Arbeiterwohnungen der 1920er Jahre, die Arbeitswege mit der Stoppuhr abgemessen. Sie verhilft der österreichischen Architektin zu Weltruhm. Und trotzdem will Schütte-Lihotzky nicht als Inneneinrichterin verstanden werden. »Ich bin keine Küche«, soll sie einmal gesagt haben. Tatsächlich hat ihre Biografie deutlich mehr zu bieten.

Es ist ein Jahrhundertleben. Es beginnt vor 125 Jahren, am 23. Januar 1897, als sie in eine bürgerliche Wiener Familie geboren wird. Sie studiert als eine der ersten Frauen Österreichs Architektur und arbeitet anschließend im Roten Wien, in Frankfurt am Main und in der Sowjetunion. Ein politischer Mensch. Sie schließt sich erst der Sozialdemokratie, dann der KPÖ an. Wegen ihrer Widerstandstätigkeit gegen das NS-Regime verbringt sie mehrere Jahre im Gefängnis. Später, im Kalten Krieg, wird sie unter anderem wegen ihrer Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei beruflich ausgegrenzt. Sie ist mehr als 20 Jahre lang Vorsitzende des KPÖ-nahen Bunds Demokratischer Frauen. Erst in den 80er Jahren entdeckt die Stadt Wien ihre berühmte Tochter wieder und überhäuft sie mit Auszeichnungen. Ab dieser Zeit tritt Schütte-Lihotzky immer wieder, bis zu ihrem Tod im Januar 2000, als mahnende Zeitzeugin auf.

Pünktlich zum 125. Geburtstag sind nun zwei Bücher erschienen, die unterschiedliche Zugänge zum Leben der Architektin bieten. Der eine Band geht Schütte-Lihotzkys »Spuren in Wien« nach. Herausgeberin Christine Zwingl und ihre sechs Mitautorinnen präsentieren Wohnorte, Ausbildungsstätten und Werke Schütte-Lihotzkys ebenso wie Orte der Gefangenschaft, des politischen Engagements und der Erinnerung. Es ist ein sehr persönliches Buch - nicht nur weil Zwingl, die seit vielen Jahren den Margarete-Schütte-Lihotzky-Club in Wien leitet, zahlreiche Details aus dem Alltag der Architektin präsentiert.

Eine weitere Besonderheit ist, dass hier verschiedene Weggefährtinnen und Vertreterinnen der Familie zu Wort kommen. Spannend zu lesen ist beispielsweise der Beitrag der kürzlich verstorbenen Ulrike Jenni. Sie war mit Schütte-Lihotzky seit 1975 befreundet und erbte nach dem Tod der Architektin das Wohnrecht in deren Genossenschaftswohnung. Wer also sollte besser geeignet sein, »Margaretes Wohnungen in Wien« vorzustellen? Ihre Lebensorte sind in einem Stadtplan eingezeichnet, der dabei hilft, die Lebensstationen Schütte-Lihotzkys in der österreichischen Hauptstadt zu erwandern.

Ebenfalls sehr persönliche Einblicke liefert ein Band, den der Architekturhistoriker Thomas Flierl herausgegeben hat. Hier ist der umfangreiche Briefwechsel zwischen Margarete und ihrem Mann Wilhelm während ihrer Haftzeit in den Jahren 1941 bis 1945 dokumentiert. Über die Jahre, in denen sie in Wien und im bayerischen Aichach einsaß, konnten die beiden sich nicht sehen. Wilhelm Schütte lebte weiter in der gemeinsamen Wahlheimat Türkei als politischer Exilant. Bei der Zusammenstellung handelt es sich um »ein berührendes Dokument der engen und warmherzigen Beziehung der durch die extrem unterschiedlichen Lebenssituationen getrennten, durch Beruf und Grundüberzeugungen aber verbundenen Eheleute«, heißt es im Klappentext.

Darüber hinaus liegt aber auch ein wissenschaftlich gewichtiges Buch vor. Gestützt auf zahlreiche Archivbestände stellt Flierl in seinem Nachwort detailliert das Leben des Paares im Exil dar, liefert neue Erkenntnisse, etwa zur kommunistischen Widerstandsgruppe in Istanbul oder zu Wilhelm Schüttes Beziehungen zum britischen Geheimdienst.

Leider mussten verschiedene Veranstaltungen anlässlich des 125. Geburtstages von Margarete Schütte-Lihotzky pandemiebedingt abgesagt werden - darunter eine der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Bis sie möglicherweise nachgeholt werden, bieten die beiden reich bebilderten Bände einen hervorragenden Einblick in das Jahrhundertleben der Architektin.

Christine Zwingl (Hg): Margarete Schütte-Lihotzky. Spuren in Wien. Promedia 200 S., geb., 23 €.

Margarete Schütte-Lihotzky/ Wilhelm Schütte: »Mach den Weg um Prinkipo, meine Gedanken werden dich dabei begleiten!« Der Gefängnis-Briefwechsel 1941 - 1945. Hg. v. Thomas Flierl. Lukas-Verlag, 624 S., geb. 34,90 €.

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung