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Ohne Entlastungen für Benachteiligte

Der Distanzunterricht nimmt wieder zu - mit absehbaren Folgen für Kinder in beengten Wohnverhältnissen

  • Von Lisa Ecke
  • Lesedauer: 5 Min.
Die Stimmungslage dieses Erstklässlers zum Wechselunterricht ist eindeutig.
Die Stimmungslage dieses Erstklässlers zum Wechselunterricht ist eindeutig.

In den Schulen überschlagen sich pandemiebedingt aktuell wieder einmal die Ereignisse. Wie bereits zu Beginn des vergangenen Jahres findet auch aktuell mancherorts weniger Schulbetrieb in den Klassenräumen statt. Immer mehr Schulen stellen wegen der rasant steigenden Infektionszahlen auf Wechselunterricht um. Laut Angaben der Kultusministerkonferenz (KMK) hatten in der zweiten Kalenderwoche 2022 bundesweit 580 Schulen eingeschränkten Präsenzunterricht. Im vergangenen Jahr gab es in der achten Kalenderwoche sogar 2089 Schulen ohne und über 19 000 mit eingeschränktem Präsenzunterricht.

Flächendeckende Schulschließungen hat die Ampel-Koalition ausgeschlossen. Doch das Infektionsgeschehen lässt vermuten, dass jetzt Woche für Woche mehr Schulen den Unterricht nur noch phasenweise in Präsenz durchführen oder sogar wieder komplett auf Distanzunterricht umstellen werden. Dementsprechend nehmen auch die Diskussionen um psychische Auswirkungen auf Schülerinnen und Schüler wieder zu. So sagte Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) kürzlich in der Fernsehsendung »Hart aber fair«: »Ich glaube, dass ein großer Teil dieser Probleme einfach an der furchtbaren Pandemie liegt. Aber dass das nicht einfach dem Lockdown in die Schuhe geschoben werden darf. Da muss man vorsichtig sein.«

Zahlreiche Studien kommen zu dem Ergebnis, dass es Kindern und Jugendlichen seit Beginn der Corona-Pandemie schlechter geht. Laut der Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf hat sich ihre Lebensqualität deutlich reduziert. Psychische Probleme wie Ängste und Depressionen hätten zugenommen. Das bestätigen auch Krankenkassen und Mediziner. Dietrich Munz, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer, erklärte im ZDF, es gebe zahlreiche Beobachtungsstudien, die zeigten, dass die psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen vor allem während der Lockdown-Phasen zugenommen habe.

»Mit den entsprechenden Maßnahmen ist Schulunterricht auch in Zeiten der Pandemie möglich und sicher«, sagte Johannes Hübner, Abteilungsleiter für Infektiologie der Klinik für Kinderheilkunde an der LMU München. Er ist einer der Leiter einer am vergangenen Donnerstag vorgestellten Langzeitstudie aller sechs bayerischen Universitätsklinika. Zwar sind die Studienergebnisse laut Hübner nicht eins zu eins auf Omikron übertragbar, dennoch muss aus Sicht der Wissenschaftler die Strategie, Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen möglichst offen zu halten, aktuell nicht geändert werden.

Ebenfalls in der vergangenen Woche warnte der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte vor den Folgen erneuter Schulschließungen. Zwar werde sich dieser Schritt bei sehr hohen Infektionszahlen nicht vermeiden lassen, so Pressesprecher Jakob Maske gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. »Das muss aber klar der letzte Schritt sein.« Die Konsequenzen von Schulschließungen seien für Kinder und Jugendliche schlimmer als die Folgen einer Infektion.

Dabei geht es nicht nur um die fehlenden Sozialkontakte durch den Distanzunterricht. Besonders Kinder und Jugendliche in beengten Wohnverhältnissen oder in schwierigen familiären Situationen sind beim Homeschooling zusätzlich belastet. Wie soll der Unterricht zu Hause funktionieren, wenn im selben Zimmer der kleine Bruder spielt oder sich nebenan die Eltern streiten?

Immerhin sind inzwischen in den allermeisten Fällen Geräte vorhanden, um überhaupt am Distanzunterricht teilnehmen zu können. Selbst das war monatelang nicht sichergestellt. Zwar gab es bereits Mitte März 2020 flächendeckende Schulschließungen, doch erst ab Ende April hatte es für Bedürftige einen Zuschuss von 150 Euro für den Kauf eines Tablets gegeben. Nicht als Direktzahlung an die Familien, sondern über die Schulen, womit viele überfordert waren. Erst im Februar 2021 wies das Bundesarbeitsministerium die Jobcenter an, notwendige Ausgaben zur digitalen Teilhabe am Unterricht mit bis zu 350 Euro als Mehrbedarf anzuerkennen. Denn viele Schülerinnen und Schüler hatten bis dahin immer noch nicht die passende technische Ausstattung.

Auch das Lernen an sich ist für viele im Distanzunterricht schwierig. In Lehrerumfragen für das Deutsche Schulbarometer wurde deutlich, dass Schulschließungen zu einer Zunahme an Motivationsmangel, Unruhe, Schwänzen und auch an Aggression führen.

Die Bundesschülerkonferenz fordert daher, das Ganze nicht zu wiederholen: »Präsenzunterricht muss trotz Omikron-Variante Priorität haben«, heißt es in einer Pressemitteilung. Wegen der Schulschließungen hätten viele bis heute mit Lernrückständen zu kämpfen, die mit jeder Phase der Schulschließungen größer werden. »Kinder und Jugendliche aus finanziell schwächeren Familien und Umfeldern mit Migrationshintergrund sind davon noch einmal stärker betroffen«, so die Bundesschülerkonferenz. Sie fordert ein tägliches Testangebot unabhängig von Impf- und Genesenenstatus sowie für jene ohne 2G-Nachweis eine verpflichtende Testung mindestens dreimal in der Woche.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft forderte zudem den Bundesgesundheitsminister auf, bei der geplanten Priorisierung für PCR-Tests auch Lehrer und Erzieher zu bevorzugen. Bisher sollen die etwas zuverlässigeren Labortests vorrangig für Beschäftigte im Gesundheitswesen und in der Pflege reserviert werden.

Auch Lauterbach sprach sich bisher gegen Schulschließungen aus. Stattdessen bevorzuge er, bei den Booster-Anreizen nachzulegen, wie er sagte. Bei der Bund-Länder-Runde am Montag standen keine neuen Regeln für Schulen auf der Tagesordnung. Doch auch wenn flächendeckende Schulschließungen nicht geplant sind, wird es mehr Distanzunterricht geben. Allein schon wegen der aktuellen Quarantäneregelungen. Und wieder werden von Armut betroffene Schülerinnen und Schüler besonders darunter leiden.

»Wenn man doch weiß, Homeschooling geht gar nicht mit vielen Menschen auf zu engem Raum«, hätte man auch dann, wenn Schulen geschlossen sind, die Klassenzimmer nutzen können, sagte der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Ulrich Schneider. »Und zwar, um für die Kinder und Jugendlichen, wo es zu Hause gar nicht geht, wenigstens Räumlichkeiten für diesen Distanzunterricht zur Verfügung zu stellen.« Doch solche Entlastungen sind aktuell nicht geplant.

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