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»Sobald du auf Senden drückst, ist es wahr«

Nein heißt Nein, egal wie gut man sich kennt: »Selfie«, ein neues Stück am Berliner Grips-Theater

  • Von Christof Meueler
  • Lesedauer: 3 Min.
Sie sind fast immer on: Dauernd machen sie Posen und Possen für die Kamera
Sie sind fast immer on: Dauernd machen sie Posen und Possen für die Kamera

»Selfie« heißt die neue Produktion des Berliner Grips-Theaters im Podewil. Am vergangenen Donnerstag war die deutsche Premiere, inszeniert von Maria Lilith Umbach. Das Stück der kanadischen Autorin und Schauspielerin Christine Quintana ist weniger pädagogisches »Aber echt jetzt«-Theater als leicht boulevardeske Unterhaltung für Menschen ab 14. Es geht in diesem Drei-Personen-Stück darum, dass Nein Nein heißt, egal wie gut man sich kennt. Kann man eigentlich nicht oft genug sagen.

Lily und Emma sind beste Freundinnen, und Emma verehrt Chris, Lilys etwas älteren Bruder. Sie sind so ungefähr 16, 17, 18. Lily (Yana Ermilova) lebt zwei Leben, die sie miteinander verbinden will: eins in der Schule und eins im Netz. Sie begreift sich als Influencerin und ist stark unter digitalem Druck, vor allem auf Instagram: »Sobald du auf Senden drückst, ist es wahr.« Dauernd machen sie Posen und Possen für die Kamera. Sie reden wie Stereotype, sie sind Stereotype.

Chris (Marius Lamprecht) sagt, es gebe ihn doppelt: den total beliebten Chris an der Schule und den »echten Chris«, der immer große Angst hat, »es zu verkacken«. Egal ob im Fußballverein, im Unterricht oder gegenüber Emma (Lisa Klabunde), die er sehr mag - was er aber erst sagen kann, wenn sie alle sehr betrunken sind, auf der Hammer-Party, als die Eltern nicht da sind. Es ist lustig zu sehen, wie die drei Schauspieler*innen Shots trinken: Sie werfen einfach ihre Köpfe zurück. Irgendwie lustig ist auch, dass am Tag nach der Party ein Handy im Kühlschrank liegt und eins in der Spüle. Und eine Ananas unterm Sofa.

Nicht lustig ist, dass Emma sich nicht erinnern kann, was Chris mit ihr gemacht hat. Erst geht sie besorgt zum Arzt und dann schickt der sie zur Polizei. Lily will sie davon abhalten, die Wahrheit herauszufinden. Schafft sie aber nicht. Und weil sie ein Foto von Chris und Emma online gestellt hat, weiß es auch die ganze Schule. Schließlich kriegt Lily einen Anfall und brüllt: »Warum hört ihr nicht mal auf, Arschlöcher zu sein? Warum probiert ihr nicht einmal, gute Menschen zu sein?«

Das ist die krasse Grenze der Nettigkeit, die oft nur Fassade ist. Das Gute an »Selfie« sind zwei unerwartete Pointen: Es gibt keine positive Entwicklung des Chris. Er hat es wieder verkackt. Und es ist richtig, dass Lily ein Foto ins Netz stellt, sonst würde alles verschwiegen. Zum Schluss sagt Emma: »Ich kann meine Geschichte nicht umschreiben, aber sonst kann es auch niemand.«

Nächste Vorstellungen: 19., 21., 22. und 23.2.

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