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Das Grauen wird nur angedeutet

»Fern von hier«: Die eigentümliche, sprachgewaltige Prosa von Adelheid Duvanel ist wieder verfügbar

  • Von Matthias Reichelt
  • Lesedauer: 5 Min.
Adelheid Duvanels Biografie wirkt teilweise so, als wäre sie eine ihrer eigentümlichen Erzählungen
Adelheid Duvanels Biografie wirkt teilweise so, als wäre sie eine ihrer eigentümlichen Erzählungen

»Der Regisseur sensibler Filme bewohnt eine geräumige Wohnung im obersten Stock. Wer zu einem der großen Fenster hinausblickt, glaubt, die Stadt sei eingesunken; die Häuser sind niedrig, und jenseits der Dächer, auf denen der Nebel hockt und die nassen Pfoten leckt, macht sich der Fluss davon.« Mit diesem dramaturgischen Setting eröffnet Adelheid Duvanel ihre Erzählung »Die Zeichnung«. Sie umfasst nur anderthalb Seiten, auf denen auch nicht wirklich viel passiert. Und doch schwingt da eine Ahnung mit, deuten sich eine grausame Geschichte mit einem Opfer und Tätern und das sie verbindende Gewaltverhältnis an.

Ein Regisseur und ein Dramaturg sprechen über ein zeichnendes Mädchen, das sie beobachten. Sie behandeln es ausschließlich als Objekt, nicht als Person. Das Mädchen »passt genau« für den Regisseur. Wofür, erfahren wird nicht. Zum Schluss ist sie alleine in der Wohnung, die von außen verschlossen wurde, was sie zur Gefangenen macht. Das Mädchen setzt das Zeichnen fort und stellt den Regisseur ohne seine Brille dar, eingeschlossen in einem Vogelkäfig.

»Fern von hier« ist der treffende Titel für die Anthologie sämtlicher Erzählungen von Adelheid Duvanel, der auch den Charakter ihrer Literatur gut auf den Punkt bringt. Verglichen mit den Prosakonventionen wirkt Duvanels Stil fremdartig. Höchst feinfühlig beschreibt sie, wie ihre Protagonist*innen versuchen, in einer harten Welt zurechtzukommen. Dabei wirken sie öfter leicht entrückt und eigenartig.

Die hier versammelten 251 recht kurzen Texte handeln von gebrochenen und beschädigten Figuren. Deren Erlebniswelten sind geprägt von tiefen Empfindungen und größter Einsamkeit in Gewaltverhältnissen. In kleinen Alltagsschilderungen lauern Horrorszenarien wie Missbrauch, physische und psychische Vergewaltigung, Drogenabhängigkeit und Verbrechen oder Demütigung. Dabei werden die Grausamkeiten nicht immer ausbuchstabiert, oft sind sie über kleine, sparsame Randbemerkungen und Andeutungen erahnbar.

Die Figuren operieren an den Rändern der Gesellschaft, auch ganz wörtlich gefasst im großen Graubereich alltäglicher Ignoranz. Es sind meist recht eigenbrötlerische Personen, meilenweit davon entfernt, erfolgreich zu sein und eine wie auch immer geartete Wertschätzung zu erfahren.

Wenn ihnen Gewalt angetan wurde, erscheinen sie allerdings nur selten als Opfer im klassischen Sinne, da sie dazu neigen, sich ihren eigenen Kosmos zu bauen, um autonom auf die sie belastenden Verhältnisse zu reagieren. Das oben zitierte Mädchen wehrt sich mit seiner Fantasie, die sie in ihren Zeichnungen ausdrückt. Andere leisten sich einen eigenständigen Blick auf die Wirklichkeit, gefiltert durch Träume, in denen sie teilweise wehrhaft oder auch nur eskapistisch agieren.

Duvanels Sprache fasziniert durch ihre vielen Variationen. Darunter lakonisch harsche Sätze, dann wieder surreale Bilder und bizarre Metaphern, die auch brutal sein können: »Juans Kopf war gevierteilt worden, sein Geist zersplittert.« Zusätzlich erlangt die Natur bei Duvanel durchaus so etwas wie einen Subjektcharakter. Da »scheint der Himmel mit etwas schwanger zu gehen« oder »die Nacht hängt ein schwarzes Tuch hinters Fenster«. Mal zart und verstörend, dann wieder nahezu dokumentarisch kristallklar sind diese feinen und bisweilen zarten Erzählungen, in denen verschiedene Schichten einer komplexen Wirklichkeit freigelegt werden.

Das wirkt einerseits höchst surreal, dann aber auch wieder so plastisch, dass man sich das Geschehen wie nahezu perfekte Filmszenen vorstellen kann. Witzig sind sie obendrein. »Die erste Betonkirche Europas« lautet der profane Titel einer Erzählung, die so beginnt: »Der Herbst legt an die Häuser seine Hände aus Licht, als wolle er die kalten Mauern wärmen, doch auch die Lichthände sind kalt. Das Gedächtnis der älteren Frau ist verkehrt wie eine aufgehängte Fledermaus; tagsüber schläft es, nachts aber sucht es seine Beute.«

Die ältere Frau lädt das obdachlose Mädchen Anita zu sich nach Hause ein, wo sie mit ihm auch das Bett teilt, in dem sie sonst mit einer Stoffpuppe auf dem Bauch schläft. Anita erzählt der älteren Frau, sie gehe sonntags immer in die Messe der ersten »Betonkirche Europas«. Kurz darauf aber ist sie mit einer goldenen Kette der älteren Frau verschwunden. Der bleibt nichts anderes übrig, als Anita in der Betonkirche suchen zu gehen - vergeblich. Und doch beginnt ihr während der Sonntage, die sie nun in der Kirche verbringt, der Pater Zürni immer besser zu gefallen. Und so entwickelt sich aus dem Gefühl des Verlusts ein Gefühl der Wärme.

Adelheid Duvanel, wird als Adelheid Feigenwinter 1936 in Pratteln geboren und wächst in Liestal auf; beide Orte liegen unweit von Basel. Der Vater ist Strafgerichtspräsident. Mit 14 kommt sie in ein Mädcheninternat; zwei Jahre später folgt der Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, in der sie mit Insulinspritzen und Elektroschocks behandelt wird. Noch im selben Jahr beginnt sie auf der Kunstgewerbeschule eine Ausbildung zur Textilzeichnerin und fängt zu schreiben wie zu malen an. 1962 ehelicht sie den Maler Joseph Duvanel und bekommt eine Tochter, die ebenfalls den Namen Adelheid erhält.

Auf Druck ihres Mannes, der die Konkurrenz fürchtet, gibt Adelheid das Malen auf und widmet sich ausschließlich dem Schreiben. 1969 lebt sie zeitweise mit der neuen Freundin ihres Mannes zusammen, die ein Kind von diesem erwartet. 1980 liest sie beim Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Ihre Tochter Adelheid ist drogensüchtig. Im Alter von 23 wird sie schwanger und aidskrank. Duvanel nimmt sie und ihre Enkelin zu sich und erlebt fortan Bedrohungen im kriminellen Drogenmilieu. Ihre eigene Biografie wirkt teilweise wie ein Auszug aus ihrer Literatur bzw. scheint ihr die Literatur ein Transmissionsriemen gewesen zu sein, eigene Erlebnisse in vielen Variationen in ihrer Prosa zu bearbeiten.

Im Sommer 1996 wird Adelheid Duvanel in einem Wald bei Basel tot aufgefunden, gestorben an Unterkühlung »unter Medikamenteneinfluss«. Viele ihrer eigentümlichen Texte erschienen in den »Basler Nachrichten« sowie anderen Zeitungen und Magazinen. Ihre Sammelbände bei Luchterhand sind vergriffen. Der emeritierten Literaturwissenschaftlerin Elsbeth Dangel-Pelloquin haben wir es zu verdanken, dass Duvanels Literatur dem Vergessen entrissen wurde. Diese Erzählungen sind atemberaubende Überlebensberichte aus den Rand- und Grauzonen der bürgerlichen Gesellschaft und in ihrer Sprachgewalt einzigartig.

Adelheid Duvanel: Fern von hier. Sämtliche Erzählungen, Limmat-Verlag, 792 S., geb., 39 €.

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