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Bayer senkt den Daumen über Mietern

Chemiekonzern will Wohnhäuser in Wedding abreißen - Bezirksamt Mitte findet das in Ordnung

  • Von Nicolas Šustr
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Chemiekonzern Bayer will sein Werksgelände im Wedding zulasten von Wohnhäusern erweitern.
Der Chemiekonzern Bayer will sein Werksgelände im Wedding zulasten von Wohnhäusern erweitern.

Diesen Mittwoch will der Chemiekonzern Bayer im Stadtentwicklungsausschuss Mitte die konkreten Baupläne für das Areal an der Tegeler Straße in Wedding vorstellen. Bis dahin gibt es von der Konzern-Pressestelle auf nd-Anfrage nur die recht allgemeine Information, es handele sich um »eine Investition in dreistelliger Millionenhöhe, wodurch die Zukunftssicherheit von mehr als 1000 Arbeitsplätzen in Berlin langfristig und nachhaltig gewährleistet werden soll«. Dafür müssen allerdings mehrere Wohnhäuser abgerissen werden, was seit Monaten für Protest und Aufruhr bei den Betroffenen sorgt.

Da kann man jedoch, zumindest nach Ansicht des Stadtentwicklungsstadtrats von Mitte, Ephraim Gothe (SPD), nichts machen. Denn erstens handele es sich bei dem Areal bereits seit dem Flächennutzungsplan von 1950 um ein ausgewiesenes Gewerbegebiet. Außerdem sei der Baunutzungsplan bereits 1960 übergeleitet worden. »Da zu diesem Zeitpunkt noch keine entsprechenden Regelungen bestanden, kann Bayer nicht zur Durchführung eines Sozialplanverfahrens verpflichtet werden«, lautet die Antwort von Gothes Verwaltung vom Oktober 2021 auf eine Große Anfrage der Grünen-Fraktion in der Bezirksverordnetenversammlung.

Im September 2021 demonstrierten rund 70 Menschen erstmals gegen den möglichen Abriss von bis zu neun Häusern mit bis zu 300 Menschen, einer Kita, Künstlerateliers und Gewerbeflächen. Konkret beantragt und bereits 2020 vom Bezirksamt genehmigt ist der Abriss der vier Häuser Tegeler Straße 2-5. »Die Absurdität der Suche nach jedem Quadratmeter zur Schaffung neuer Wohnungen in Berlin versus der großumfänglichen Vernichtung von bezahlbarem Wohnraum verstärkt soziale Schieflagen sehr wirksam und zerstört übrigens die soziale Basis, die auch für Firmenstandorte wie die von Bayer von großer Bedeutung sind«, heißt es in einem offenen Brief im Nachgang des ersten Protests.

Der Abrissstart für zwei bereits leere Häuser am Montag wurde von einer zweiten Kundgebung begleitet - und er konnte verhindert werden. Die von der Mieterschaft angerufene Naturschutzbehörde verlangt vom Konzern ein Gutachten, ob die Häuser ein winterliches Fledermausquartier sind.

»Wenn Fledermäuse und Spatzen dort leben, dann können Räume geschützt werden. Wenn Menschen darin wohnen, dann ist das alles kein Problem«, verdeutlicht Sven Diedrichs von der Linksfraktion Mitte gegenüber »nd« die absurde Rechtslage. Zumal laut den Informationen, die bisher zu ihm gedrungen sind, auf der Fläche der Wohnhäuser lediglich temporäre Ersatzstandorte für Beschäftigte geschaffen werden sollen - für die Zeit von Umbaumaßnahmen an anderen Gebäuden auf dem Gelände des einstigen Schering-Pharmakonzerns.

Da ist es nicht abwegig, wenn die Initiative Mettmannquartier bleibt schreibt, dass »belastbare Indizien für pure Immobilienspekulation« sprächen. Denn im vergangenen Jahr verkaufte Bayer einen Bürokomplex an der Sellerstraße für einen dreistelligen Millionenbetrag an den Projektentwickler Quest Investment Partners und den Axa-Versicherungskonzern. Am Montag stellten diese im Baukollegium Berlin ihre Pläne für den Umbau und eine deutliche Erweiterung von dessen Baumasse vor. Letzteres stieß dort auf deutlichen Widerstand.

Stadtentwicklungsstadtrat Ephraim Gothe lässt keinen Willen erkennen, die Abrisse an der Tegeler Straße zu stoppen. »Sämtliche Entwicklungsziele des Landes Berlin sehen für diesen Bereich eine gewerblich-industrielle Nutzung vor. Die planungsrechtliche Sicherung von Wohnen an der Tegeler Straße würde diesen Zielen entgegenstehen«, antwortet er auf die Große Anfrage der Grünen.

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