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Hingabe und Hinfälligkeit

Man muss sich ein schönes Leben erfinden: Mit »Nagel im Kopf« setzt Paul Nizon seine Journalreihe fort

  • Von Alfons Huckebrink
  • Lesedauer: 5 Min.

Vorgerücktes Alter mit »tonnenschwerer Müdigkeit«, notiert der Schweizer Schriftsteller Paul Nizon, der in Paris lebt. Wird dann häufiger ferngesehen? Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf bei der Lektüre des neuen Journalbands (2011-2020) von Paul Nizon.

Marie Curie, Arthur Rubinstein, Johnny Hallyday, Georges Brassens etwa sind Objekte von TV-Dokumentationen, die den Schriftsteller zu Eintragungen animieren. Zum Ableben von Amy Winehouse konstatiert er 2011 einen »auf Erden nicht zu stillenden Anspruch auf Glück oder einfach Entschwerung«. Das Alter aber sei des Teufels, zetert Nizon, Jahrgang 1929, für ihn ist es »die Verengung des Lebensausschnitts, das Schrumpfen der Bühne und auf krasse Weise der Zukunft«. Dessen beängstigende Unaufhaltsamkeit, die mit ihm sich einstellenden Beschwerden, Entsagungen geben Anlass - ja, wozu eigentlich? Zum Lamento, Bedauern, zur bloßen Registrierung von »exzessiven Einsamkeitsanfällen«?

Vielleicht von allem etwas und dazu freilich zum Bilanzieren gemäß Nizons Maxime »Das Leben ist zu gewinnen oder zu verlieren«. Zum Bilanzieren des Persönlichen wie des Literarischen ist bei ihm beides ineinander verschränkt und durchdrungen - und gestaltet in der Autofiktion seiner Romane. »Einige werden zu den besten des 20. Jahrhunderts gezählt«, wie er nebenbei anmerkt.

Aber ebenso ist das Ich in den Journalbänden keinesfalls identisch mit dem Autor Paul Nizon. »Man musste sich ein schönes Leben erfinden, um das wirkliche aushalten zu können. Man musste das eigene Leben zurechtlügen. O sole mio. O Schönheit.« Schreiben hat für ihn existenzielle Bedeutung, und im Alter scheint darin auch Rettung aus dessen Misere auf, das Verkriechen in »Wortsiedlungen«. Schreiben um des Schreibens willen, als reine matière, und gerade im Journal auch »Wirklichkeitsherstellung durch Verschriftlichung«. Und doch in Nöten: »Manchmal Panik im Hinblick auf mögliche Hinfälligkeit und Hilfsbedürftigkeit …« Blutentnahmen. Scan der Bauchspeicheldrüse.

»Der Nagel im Kopf« ist Nizons sechster Journalband, die Reihe setzte mit »Die Erstausgaben der Gefühle« im Jahr 1962 ein. Beeindruckendes Zeugnis einer Künstlerexistenz, das dem Gesamtwerk eine klug kannelierte zweite Säule verschafft, ebenbürtig den Romanen.

»Der Nagel im Kopf« ist gleichzeitig vieldeutiger Titel eines Romanprojekts, das trotz intensiver Beschäftigung seit 2007 unvollendet geblieben ist und hier in Auszügen und Reflexionen bespiegelt wird. Immer wieder kehrt er darin zu jenem Augenblick des Jahres 1960 zurück, da er Maria trifft, nachdem er in Rom Gillo Pontecorvos KZ-Film »Kapò« gesehen hat. »Der Horror des Nazitums dominierte den Abend, an dessen Rande Maria im roten Ciré-Mantel verlockend auftauchte.« Maria, ein Engel aus einer Nachtbar, »sie hat mich aus dem KZ gerettet«, wie er es formuliert, wenn Autobiografie und Autofiktion verschmelzen.

Daneben quält ihn im »Nagel«-Konvolut die Erinnerung an den 1942 verstorbenen Vater, ein Russe aus Riga, ein Chemiker, Erfinder, »der hergewehte Fremdling«. Im Zweiten Weltkrieg zum »Papierschweizer« degradiert, ein Fremder auch für seinen Sohn. Mit der Vaterfigur imaginiert er die beklemmende Atmosphäre seiner Heimatstadt Bern, die trübsinnige Zeit des Krieges, dessen Auswirkungen die offiziell neutrale Schweiz (»ein Lügengespinst«) verändern. Kulturell die erstickende »Überfütterung mit Heimatstil«. Eine Absonderung setzt bei ihm ein, in der »füllte sich auch der Behälter der Zukunfts- und Lebensvorwegnahme«. Ein Romantiker damals, der sich auf Friedhöfen herumtreibt, bestehend »aus angelesener Lyrik«.

Nizon ist bekennender Städter. 1977 flieht er aus Schweizer Enge nach Paris. »Das Ziel des Lebens ist dessen Bedenken und Erforschen, eine unteilbare Hingabe.« Hier schreibt er den großartigen Roman »Das Jahr der Liebe«; ihrem Glanz huldigt er in allen Journalbänden mit Hingabe. Anlässlich einer Demo gegen den iranischen Staatsbesucher Rohani 2016 schwelgt er: »… es ist das Revolutionäre, das ja hier die Menschenrechte hervorgebracht hat, Schönheit und Revolution und Humanität gehören zusammen und hierher.« Überhaupt und überraschend nähern sich Nizons neue Notate dieser Sphäre mit präzisen Erkenntnissen. Die Lektüre eines »Libération«-Artikels über die Ausplünderung des Kongos kommentierend: »Jedes Mal wenn der globale Kapitalismus einen strategisch wichtigen ›Rohstoff‹ benötigte, hat er ihn im Kongo gefunden.« Und in den Aktionen der Gilets Jaunes im Herbst 2018 vernimmt er den Aufschrei »gegen das verfluchte neoliberale, zum Himmel schreiende System«. Präsident Macron stutzt er en passant zum »Bankier mit Regierungsvollmachten«.

»Es ist März, die Knospen längst gesprungen, jetzt stehen die Bäume in diesem hellen glücksprühenden jungen Grün.« Plötzlich wirbelt es wieder, jenes »Schönheitsflockengestöber«, das seine Leser*innen so sehr an seiner Prosa lieben, das nichts gemein hat mit schnödem Effekt, sich energetisiert aus verschwenderischer Lebensfülle. Erbauung in der Misere. Lebensfreude. Die sich wiederum nährt aus Hingabe an das Leben und die Kunst. Die hat er von seinen künstlerischen »Zündfiguren« empfangen, beide gleich ihm »Selbstabbildner«: Vincent van Gogh, zu dem er 1957 promoviert hat (»das totalste künstlerische Entflammtsein«), und Robert Walser. »Eigentlich führt von Bern aus nur Walser zur Literatur, in meinem Fall sehr früh.«

Es gibt auch innere Totenwachen beim Ableben der Freunde. Begegnungen mit seinen Kindern, gelegentliches Beisammensein mit Odile, von der er 2003 geschieden wird. »Das Trennende und die Verbundenheit haarscharf nebeneinander, schmerzhaft nah.« Und es gibt das Schielen nach dem Nobelpreis: Der 90. Geburtstag rückt näher, und Nizon kommentiert eine Liste der 100 besten Romane in der Literaturbeilage von »Le Monde« mit angemessener Genugtuung: »Die Crème de la Crème weltweit, darunter ich …«

Er glaubt: »Bald leben wir angepflockt.« Die Dekade klingt epidemisch aus, aber »mein Klausnerdasein bleibt sich das gleiche«. Im August 2020 sichtet er das Konvolut dieses Bandes, kleidet dessen letzte Bemerkung in Frageform: »Wie halte ich es bloß ohne Produzieren aus?« Ohne das anachronistische Klappern seiner Schreibmaschine. Leben ist Schreiben. Zwischen Hingabe und Hinfälligkeit die eigentliche Lebensversicherung.

Paul Nizon: Der Nagel im Kopf. Journal 2011-2020. Suhrkamp, 263 ., geb., 26 €.

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