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Juwelenräuber vor Gericht

Prozess um Einbruch in Grünes Gewölbe beginnt in Dresden

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 3 Min.
Eine bei einem Einbruch beschädigte Vitrine im Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss
Eine bei einem Einbruch beschädigte Vitrine im Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe im Dresdner Schloss

Beim virtuellen Rundgang durch das Grüne Gewölbe in Dresden ist die Welt auch im »Juwelenzimmer« noch in Ordnung. Vier Vitrinen sind randvoll mit Schmuckstücken: Degen, Ketten, Broschen und Knöpfe voll Diamanten – der sächsische Staatsschatz des 18. Jahrhunderts. Wer freilich das Museum im Dresdner Schloss tatsächlich besucht, findet eine Vitrine voller Lücken. Die Erklärung findet sich auf einer Tafel daneben. Sie schildert die Verluste durch einen spektakulären Einbruch vor nunmehr 26 Monaten, dessen juristische Aufarbeitung an diesem Freitag vor dem Landgericht Dresden beginnt.

Angeklagt sind dort sechs Männer im Alter von 22 bis 27 Jahren. Ihnen wird vorgeworfen, in den Morgenstunden des 25. November 2019 mehr als 20 Schmuckstücke mit 4300 Edelsteinen entwendet zu haben. Sie stiegen durch ein Fenster ein, dessen historisches Eisengitter sie zuvor durchtrennt hatten, zerschlugen mit Äxten das Schutzglas und bedienten sich an den Schmuckgegenständen. Allein deren Versicherungswert beträgt 113,8 Millionen Euro. Ihr immaterieller Wert lässt sich nicht beziffern. Dirk Syndram, damals Direktor des Grünen Gewölbes, sprach von »einer Art Welterbe«.

Den Angeklagten, die allesamt einer in Berlin lebenden Großfamilie angehören, wird unter anderem schwerer Bandendiebstahl vorgeworfen. Zudem wird ihnen besonders schwere Brandstiftung zur Last gelegt. Vor dem Einbruch im Morgengrauen hatten sie zunächst Feuer in einem Verteilerkasten neben einer Elbbrücke gelegt, um die Straßenlaternen rund um das Schloss lahmzulegen. Nach dem binnen weniger Minuten ausgeführten Coup setzten sie in einer Tiefgarage ihr erstes Fluchtfahrzeug in Brand, wobei 61 Autos beschädigt wurden.

Verhandlung im Hochsicherheitssaal

In dem Prozess verhandelt das Landgericht Dresden in einem Hochsicherheitssaal. Weil zwei der mutmaßlichen Täter zum Zeitpunkt des Einbruchs das 21. Lebensjahr nicht vollendet hatten, ist eine Jugendkammer zuständig. Die Angeklagten werden allein von 14 Verteidigern vertreten. Das mediale Interesse ist ebenfalls groß; allerdings ist die Zahl der Journalisten aufgrund der Coronalage auf 33 begrenzt. Das Gericht hat bis März zunächst elf Termine angesetzt und verhandelt danach zweimal pro Woche.

Nach dem Einbruch hatte eine 20-köpfige Sonderkommission mit dem Namen »Epaulette« nach Hinweisen und Tätern zu suchen begonnen, zunächst ohne sichtbaren Erfolg. Ein Jahr nach der Tat gab es dann eine groß angelegte Razzia mit 1700 Beamten in Berlin, bei der drei der Täter gefasst wurden. Die weiteren folgten bis August 2021. Spuren nach Berlin hatte es früh gegeben, vor allem wegen auffälliger Parallelen zu einem Raub im Jahr 2017. Dabei wurde eine Goldmünze im Wert von 3,75 Millionen Euro aus dem Bodemuseum Berlin gestohlen. Wegen ihrer Beteiligung an dieser Tat sind zwei der jetzt Angeklagten zwischenzeitlich vom Landgericht Berlin verurteilt worden.

Dass die Täter auch in Dresden Erfolg hatten, sei nicht zuletzt durch schwere Fehler beim Schutz des »Staatsschatzes« begünstigt worden, sagt Rico Gebhardt, Chef der Linksfraktion im Landtag. Er hat seit der Tat viele Anfragen gestellt, die etwa Mängel beim Sicherheitsglas offenbarten. Gebhardt rügt, dass bisher niemand eine politische Verantwortung übernommen habe – für eine Tat, die Innenminister Roland Wöller (CDU) immerhin zu einem »Anschlag auf die kulturelle Identität aller Sachsen« stilisiert hatte.

Das Raubgut aus dem Coup ist bis heute verschwunden, obwohl es viel Geld für Hinweise gäbe. Die Polizei hat eine halbe Million Euro ausgelobt, eine Privatinitiative stellt noch bis März eine Million in Aussicht, damit der geraubte Staatsschatz nicht mehr nur im virtuellen Rundgang zu sehen ist.

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