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Zwischen Papiertonne und App-Entwicklung

Kleine Pannen, digitale Projekte und neue Perspektiven - das war der erste Monat als Genossenschaft

  • Von Ines Wallrodt und Corinna Meisenbach
  • Lesedauer: 5 Min.

Einen Monat lang haben wir unsere ersten Zeitungsausgaben als Genossenschaft geplant, produziert, gedruckt, an die Kioske gebracht und an unsere Abonnentinnen und Abonnenten verschickt. Klingt selbstverständlich und soll es auch bleiben - wir sind aber trotzdem erleichtert, dass der Zeitenwechsel beim »nd« vom 31. Dezember 2021 auf den 1. Januar 2022 so reibungslos über die Bühne ging. Zumindest nach außen, denken wir.

Aus der Innenperspektive waren natürlich durchaus einige Pannen zu bemerken. Die Frage, wer eigentlich die Papierkörbe und Mülleimer leert, hat sich inzwischen geklärt. Hier bekommen wir ab Februar wieder Unterstützung durch eine Reinigungsfirma. (Abgesehen davon schadet es auch wirklich nicht, dass wir nun selber wissen, wohin Restmüll und Altpapier am Franz-Mehring-Platz gehören.) Ärgerlicher ist da schon, dass es doch ein paar Tage länger gedauert hat, bis unsere Konten vollumfänglich nutzbar waren. Dadurch verzögerte sich unter anderem die Abbuchung der Abonnementgebühren.

Und als hätte dieser Nervenkitzel nicht gereicht, haben wir uns selbst noch mehr Stress gemacht durch unsere leichtsinnige Frage nach der Kundennummer, die wir von unseren Abonnentinnen und Abonnenten bei der Verlängerung ihrer Lastschriftmandate verlangten. Ein kleiner Zusatz hätte genügt, und alles wäre gut gewesen. Doch ohne die Einschränkung »wenn zur Hand« durchforsteten nun Hunderte nd-Leserinnen und -Leser ihre Unterlagen nach dieser verflixten Nummer - und riefen am Ende in unserer Aboverwaltung an. Ein Gutes hatte dieser hausgemachte Zusatzstress: Wir haben schon lange nicht mehr mit so vielen Leserinnen und Lesern direkt gesprochen. Die sich sorgten, dass ohne Kundennummer die Abbuchung platzt, die uns ihre Unterstützung und Wertschätzung versicherten und die Daumen drücken für unseren neuen Lebensabschnitt. Diese Gespräche bauten dann auch wieder auf. Danke.

Und so erinnern diese ersten Wochen auch an den Umzug aus der Mietwohnung ins Eigenheim oder Hausprojekt: Wo man vorher auf den Vermieter schimpfen konnte, ist man jetzt selbst gefragt und trägt auch alle Risiken. Man muss Geld für Reparaturen auftreiben, aber dafür kann man auch über Farbe, Anbauten oder Modernisierungen selbst entscheiden. Genossenschaft bedeutet mehr Verantwortung und sicher auch mehr Diskussionen, aber eben und auch mehr Gestaltungsmöglichkeiten und Mitbestimmung.

Und das motiviert, weil das »nd« jetzt mehr als zuvor »unser Laden« ist. Unsere Marketingkampagne zum Beispiel, mit der wir im nächsten Monat starten werden, haben wir nicht an eine Werbeagentur delegiert, sondern kollektiv selbst entwickelt. Da wurde für einen Abend nach Redaktionsschluss in einen sehr nüchternen Raum im Haus am Franz-Mehring-Platz eingeladen, und dann ist dort tatsächlich eine Handvoll Leute aus verschiedenen Teilen von Redaktion und Marketing bei Wein und Käse kreativ geworden. Auch bei Lichte betrachtet gefielen die Entwürfe noch. Und daher werden sie nun umgesetzt. Zum Inhalt der Kampagne an dieser Stelle nur ein Hinweis: Wir hoffen, Sie mögen Widersprüche ebenso wie wir.

Digital ist besser

Unter der Oberfläche arbeiten wir am Herzstück der Zeitung: dem Redaktionssystem. Täglich werden hier die Beiträge der Redaktion in eine Datenbank geschrieben, die sie am Ende des Prozesses als Zeitung in den Händen halten. Dieses elementare Programm ist jedoch in die Jahre gekommen. Deshalb werden wir in den nächsten Monaten unsere Software zur Herstellung der Zeitung modernisieren, damit die Veröffentlichungskanäle Online und Print besser verzahnt werden.

Diese Software konnten wir nicht einfach im Laden kaufen, sondern sie wird von externen Dienstleistern - auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten - neu programmiert. Damit verbunden ist der Neubau einer Serverzelle am Franz-Mehring-Platz, deren Fertigstellung sich mehrfach verzögerte, weil Bauteile auf sich warten ließen. Dadurch wurde auch für uns greifbar, was es bedeutet, wenn Lieferketten unterbrochen sind. Fehlt ein winziges Teilchen, stehen die Bauarbeiten still.

Dieses aufwendige Projekt, das schon durch die alte GmbH begonnen wurde, steht nun vor dem Abschluss. Am Ende wird, neben verbesserten Arbeitsabläufen, ein zeitgemäßes digitales Produkt die gedruckte Zeitung ergänzen. Das heißt: Wenn Sie das »nd« lieber online lesen, geht das künftig noch besser.

Neben dem Redaktionssystem erneuern wir unsere App, damit Sie intuitiver und bedienfreundlich zu Ihren Inhalten kommen. Die App wird neue Funktionen enthalten und für einen besseren Lesefluss sorgen. Außerdem werden wir demnächst verschiedene Abo-Modelle als E-Paper anbieten können. Während es bisher online nur das Voll-Abo gab, können wir bald auch ein Abo für die Wochenendausgabe anbieten. Doch bevor das Ergebnis unseres neuen Herzstücks zu Ihnen kommt, muss noch getestet, geschult, konfiguriert und installiert werden.

Bis dahin können Sie sich Ihre Zeit mit unseren Videos vertreiben. Seit dem neuen Jahr haben wir die Videoredaktion unseres jungen Angebots »Supernova« in das Online-Ressort integriert. Das heißt, dass Sie auf unserer Webseite und unseren Social-Media-Kanälen nicht mehr nur Texte, sondern auch Videos finden, in denen unsere Redakteur*innen Sie mit zu Recherchen nehmen. Die ersten Videos sind bereits online und beleuchten den Fall Oury Jalloh oder zeigen auf, was das deutsche Asylsystem für eine syrische Flüchtlingsfamilie bedeutet.

Im Bereich Social Media wollen wir künftig noch stärker werden, so dass wir neben der Umstrukturierung im Webvideobereich ab Februar auch einen Social Media Manager bei uns begrüßen, der die Kommentarspalten moderiert und dafür sorgt, dass unsere Inhalte besser die Zielgruppe erreichen.

Im vergangenen Jahr haben sich diese Maßnahmen im Digitalen bereits ausgezahlt: Wir konnten im guten zweistelligen Prozentbereich bei den freiwilligen Online-Zahlungen zulegen. In diesem Jahr wollen wir die Einnahmen hier sogar verdoppeln.

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