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Industrialisierte Pflege

Pflegeheim-Bewohner wurden in Frankreich Opfer skrupelloser Geschäftemacher - massive Kritik an Heimbetreiber Orpéa

  • Von Ralf Klingsieck, Paris
  • Lesedauer: 4 Min.
Blick auf den Eingang eines Pflegeheims der Orpéa-Gruppe.
Blick auf den Eingang eines Pflegeheims der Orpéa-Gruppe.

Über Mängel und Vernachlässigung in Pflegeheimen berichten die Medien in Frankreich häufig. Doch dass es sich dabei nicht nur um Einzelfälle handelt, sondern dass dahinter nur zu oft System steckt, belegt ein in der vergangenen Woche veröffentlichtes Buch, das schon mit seinem Titel »Les Fossoyeurs« (Die Totengräber) aufrüttelt. Der freiberufliche investigative Journalist Victor Castanet hat dafür drei Jahre lang im ganzen Land recherchiert und mehr als 200 Zeugen befragt. Das sind Familienangehörige betroffener Bewohner, doch vor allem aktive oder ehemalige Mitarbeiter und Manager von Pflegeheimen.

Im Zentrum des Buches stehen die Untersuchungen des Autors über die französische Gruppe Orpéa, einer der Pflege-Weltmarktführer. Sie betreibt mehr als 1100 Privatkliniken und Pflegeheime mit insgesamt 116 000 Betten in 23 Ländern Europas, davon allein 220 Heime in Frankreich und mehr als 130 in Deutschland.

Den ersten Hinweis auf skandalöse Zustände bei Orpéa bekam der Buchautor von dem Pflegemanager Laurent Garcia, der in einem Heim der Gruppe gearbeitet hatte, bevor er das Unternehmen verließ. Zu den Kronzeugen gehört auch Camille Lamarche, die als Juristin in der zentralen Personalabteilung der Gruppe tätig war und die dem Buchautor firmeninterne Dokumente wie Weisungen, Berichte und Mails überlassen hat. Sie gehört zu den Insidern, die bereit sind, in einem eventuellen Prozess als Zeugen auszusagen.

»Im Mittelpunkt steht bei Orpéa nicht das Wohl der Patienten, sondern allein die Rentabilität«, sagt Garcia. An Personal und allen materiellen Ausgaben wird rigoros gespart, damit vom Geld der Krankenkassen, der Gesundheitsbehörden und der Bewohner so viel wie möglich an Aktionäre gehen kann. Diese konnten zufrieden sein. So hat Orpéa 2020 bei einem Umsatz von 3,9 Milliarden Euro 160 Millionen Gewinn erwirtschaftet.

Selbst im pompösen Vorzeigeheim von Orpéa im Pariser Nobelvorort Neuilly-sur-Seine, wo Laurent Garcia gearbeitet hat und wo ein Einzelzimmer 7000 Euro im Monat kostet und eine Suite 12 000 Euro, gelten strikte Sparanweisungen. Eine firmenintern entwickelte Computersoftware diktiert jeden Handgriff und vergibt Pluspunkte bei Zeit- und Materialeinsparungen - oder Abzüge bei zu viel Aufwand für den Patienten.

»In- und ausländische Investoren werden nur durch die ersten zwei Etagen geführt«, erinnert sich Garcia. »Wie es in den oberen Etagen zugeht, wo die Pflege regelrecht industrialisiert ist, ahnen sie nicht.« Hier ist zeitweise eine Pflegekraft für 30 Patienten zuständig, die oft stundenlang sich selbst überlassen bleiben. »Die tägliche Hygiene, die medizinische Betreuung, das Essen - alles ist auf ein Minimum rationiert«, sagt Garcia. Beim Material und bei den Lebensmitteln werde grundsätzlich nur das Billigste eingekauft. »Windeln gibt es nur drei pro Tag, selbst wenn der Patient Durchfall hat, und sie werden entsprechend selten gewechselt, was qualvoll und erniedrigend für die Betroffenen ist.«

Als Anfang vergangener Woche über die Medien erste Auszüge aus dem Buch bekannt wurden, hat die Gruppe Orpéa aggressiv reagiert. »Wir weisen die Anschuldigungen zurück, die wir als unwahr, beleidigend und schädlich betrachten«, hieß es in einer ersten Presseerklärung, in der juristische Schritte angedroht werden. Als zwei Tage später das Buch vorlag, wurde die Orpéa-Geschäftsleitung kleinlaut und kündigte eine unabhängige Untersuchung an.

Jetzt geht es nur noch um Schadensbegrenzung, denn der Aktienkurs der Orpéa-Gruppe an der Pariser Börse sank innerhalb einer Woche um 52 Prozent. »Das ist eine Sprache, die die Chefs der Gruppe verstehen«, ist Laurent Garcia überzeugt. Er betont, dass der Journalist Victor Castanet für sein Buch in ganz Frankreich und nicht nur in Orpéa-Heimen recherchiert hat. Er verallgemeinere nicht und schildere auch positive Ausnahmen, doch nur zu oft musste er ähnliche Zustände feststellen wie in Neuilly.

Für Dienstag dieser Woche hatte die für die Altenbetreuung zuständige Staatssekretärin im Gesundheitsministerium Brigitte Bourguignon den Generaldirektor der Gruppe Orpéa, Yves Le Masne, vorgeladen. Doch statt seiner musste ihr der Generaldirektor der Frankreich-Filiale, Jean-Christophe Romersi, Rede und Antwort stehen. Le Masne wurde am Wochenende durch den Aufsichtsrat entlassen.

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