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Original trifft Kopie

»Mich dürstet«: Der Berlinale Wettbewerb eröffnet mit »Peter von Kant« von François Ozon

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.
Rainer Werner Fassbinder bleibt bei François Ozon die ganze Zeit nur eine Privatperson neben anderen Privatpersonen.
Rainer Werner Fassbinder bleibt bei François Ozon die ganze Zeit nur eine Privatperson neben anderen Privatpersonen.

»Sei doch sensibel!«, sind die ersten Sätze, die hier gesprochen werden. Anlass ist das spätmorgendliche Aufziehen der Schlafzimmervorhänge durch den Assistenten Karl. Gleißendes Licht reißt den Erfolgsregisseur Peter von Kant aus seinen nächtlichen Unterwelten, in die er mittels Kokain und viel zu viel Alkohol wie in einen Abgrund gestürzt war. Ach ja, »sensibel« - das fordern bekanntlich immer jene, die es selbst am wenigsten sind!

Mit »Peter von Kant« hat François Ozon ein Remake von Rainer Werner Fassbinders »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« von 1972 gedreht. Es ist eine erstaunlich direkte Text-Adaption von Film und dem vorangehenden Theaterstück Fassbinders. Warum macht Ozon das? Diese Frage schwebt 90 Minuten lang über »Peter von Kant«. Wer beide Filme im Vergleich sieht, der merkt sehr schnell, dass hier das Werk eines filmischen Genies gegen das eines beflissenen und handwerklich routinierten Nachahmers steht.

Aber Ozon hat offenbar ein Faible dafür, Filme noch einmal zu drehen, die es bereits gibt, ja mehr noch, die zum Weltkino gehören wie »Swimming Pool« von 2003, der Jacques Derays gleichnamigen Thriller von 1968 mit Romy Schneider und Alain Delon adaptierte. Auch das war schon wie Original und Kopie. Wie vorhersehbar, erweist sich die Kopie als ziemlich überflüssig, niemand braucht sie wirklich.

Glaubt Ozon tatsächlich, wenn er Meisterwerke nachdreht, diese irgendwie übertreffen zu können? Immerhin bringt er es nun damit zum Eröffnungsfilm des Berlinale-Wettbewerbs. Ozon gesteht, als er Fassbinders Werke zum ersten Mal gesehen habe, sei er von ihrer filmischen Gewalt wie erschlagen gewesen. Nein, Fassbinder wollte er nicht bloß nachspielen, sondern anhand seiner Werke etwas über ihren Schöpfer verstehen. Das Verhältnis von Künstler und Werk sollte selbst zum Thema werden. Mit »Tropfen auf heiße Steine« (2000) hat Ozon bereits einen Fassbinder-Film adaptiert - er wurde gleichsam zur Vorübung für »Peter von Kant«, der ein Fassbinder-Porträt sein soll.

Ist er es denn geworden? Mit »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« hatte sich Fassbinder praktisch in einer fremden Rolle selbst porträtiert. Er konnte nur über sich sprechen, indem er über jemand anderen sprach. Er brauchte die Distanz zu sich, den harten Blick von außen. Darum auch der hochartifizielle Gestus dieser von Kameramann Michael Ballhaus in ein symbolistisches Tableau gebrachten Bilderwelt auf engstem Raum.

Das bis heute andauernde Geheimnis von »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« ist, dass da keine Alltagsfiguren auftreten, sondern bloße Schatten. So sprechen sie auch. Der erste Satz der erwachenden Petra von Kant bei Fassbinder ist dann auch: »Mich dürstet!« Kein normaler Mensch spricht so, aber bei Fassbinder gibt es auch keine normalen Menschen, sondern lauter Kunstfiguren, die durch den Raum schweben. Das ist anstrengend für alle Beteiligten einschließlich der Zuschauer, aber eben auch auf erhellende Weise eindringlich.

»Die bitteren Tränen der Petra von Kant« war zudem ein reiner Frauenfilm. Margit Carstensen spielte die erfolgreiche Modeschöpferin Petra von Kant, Irm Hermann war Marlene, eine Figur, die bei Ozon als Karl wiederkehrt. Halb Haus-Sklavin, halb überlegene Beobachterin, die mit winzigen Gesten die Handlung kommentiert. Und Hanna Schygulla war jenes Objekt der Begierde namens Karin, das bei Ozon als Amir auftritt. Beide eint, dass sie jung und darum grausam sind. Sie wollen Erfolg, egal wie. Hanna Schygulla spielt auch bei Ozon 50 Jahre später mit, als Mutter des Regisseurs Peter von Kant alias Rainer Werner Fassbinder.

Hatte Fassbinder ein eiskaltes Tableau menschlicher Kontaktunfähigkeit geschaffen, ein Modell der Entfremdung bei kreativen Menschen, die davor doch eigentlich gewappnet sein sollten, so setzt Ozon Fassbinder und Peter von Kant gleich als schwer gestörte alternde Männer, die ihre homoerotischen Neigungen zwar rücksichtslos ausleben, aber auch dabei immer noch einsam und unerlöst wirken.

Das ist der Punkt: Fassbinder trieb es eben nicht nur zu attraktiven jungen Männern wie dem schwarzen Schauspieler Günther Kaufmann, hier Amir, gespielt von Khalil Gharbia (sehr animalisch, sehr grausam); es trieb ihn etwas noch viel stärker zu seinen Filmen. Und all seine Verzweiflung, die wir hier sehen, hat mehr mit künstlerischen Krisen zu tun, als damit, ob ihn Amir nun verlässt oder nicht.

Ozon dagegen bleibt mit seinem Film die ganze Zeit über bei der Privatperson Fassbinder, die dieser in »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« doch gerade zurücklassen wollte. Er zeigt uns Fassbinder somit abzüglich seines filmischen Genies - und das ist ärgerlich, auch wenn Denis Ménochet ihn nicht schlecht spielt, jedoch in dem von Ozon vorgegebenen konventionellen Format.

Fassbinder fragt in »Die bitteren Tränen der Petra von Kant« nach dem Preis, den ein Künstler für sein Werk zahlen muss. Stichwort versäumtes Leben. Er setzt sich dabei lauter Masken auf, um zu den Archetypen vorzudringen. Aber letztlich ist da nur Leere, die Angst macht. Eine Strindberg’sche Gespenstersonate im Kammerspielformat. Davon findet sich in Ozons bemühter Kopie keine Spur; er nimmt die existenziellen Fragen, die Fassbinder stellt, sogar wieder zurück, flüchtet sich in biedermeierliche Auspinselei, die nichts offenlässt.

Dabei ist Fassbinders kompromisslose Ästhetik etwas, dass die Pseudorealität, die uns aus allen Medien entgegenschwappt, wirkungsvoll kontern könnte. Petra von Kant als Geschöpf der Modewelt - und nicht Regisseur Peter von Kant als Alter Ego Fassbinders - nimmt die neoliberale Selbstperformance von heute vorweg! Der Narziss, den es in die Hochgebirgsregionen der Gefühls- und Mitleidlosigkeit getrieben hat, ist ein von Fassbinder geschaffenes Bild.

Ozon übersetzt sehr direkt das lesbische Verhältnis der Petra von Kant zu Karin in das schwule von Peter von Kant zu Amir. Einen Erkenntnisgewinn kann ich darin nicht erblicken. Fassbinder selbst konstatierte, dass fast alle Frauen seinen Film hassen würden: »Alles in allem finde ich das Verhalten der Frauen genauso schrecklich wie das Verhalten der Männer, und ich versuche, die Gründe dafür zu illustrieren und vor allem zu zeigen, dass wir fehlgeleitet werden durch unsere Erziehung und durch die Gesellschaft, in der wir leben.«

Natürlich geht es bei Fassbinder auch um Machtverhältnisse, um den Kampf um Aufmerksamkeit, ohne die man in der Öffentlichkeit nicht vorkommt. Man täuscht, man lügt, lebt in einer Scheinwelt, deren Teil man am Ende wird. Da sind dann nur noch die bitteren Tränen derer echt, die auf dem Weg zur Spitze alles verloren haben, was sie einst ausmachte.

Fassbinder wusste um diese Gefahr des Selbstverlustes, versuchte sie mittels seiner Filme zu bannen. Ozon dagegen gibt sich unschuldig, aber sein Wille zum Erfolg setzt sehr berechnend auf die Kopie, die sich verkaufen lässt.

»Peter von Kant«, Frankreich 2021. Regie: François Ozon. Mit Denis Ménochet, Isabelle Adjani, Khalil Gharbia, Hanna Schygulla. 84 Min. Termine: Fr, 11.2., 11 Uhr: Cinemax 9, Sa, 12.2., 12 Uhr: Friedrichstadt-Palast.

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