Wenn kein Arzt hilft

Wer in Deutschland nicht versichert ist, bleibt im Krankheitsfall oft unversorgt

  • Christiane Alisch und Stefan Otto
  • Lesedauer: 8 Min.
Leben in einer Schattenwelt: Rund 500 000 Menschen haben in Deutschland keine Aufenthaltsgenehmigung. Problematisch ist es, wenn sie ernsthaft krank werden.
Leben in einer Schattenwelt: Rund 500 000 Menschen haben in Deutschland keine Aufenthaltsgenehmigung. Problematisch ist es, wenn sie ernsthaft krank werden.

Sein größter Wunsch scheint für Farid Mandi* nicht erfüllbar zu sein. »Ein Zahnarzt wäre ein Traum für mich«, sagt er. »Manchmal tun zwei Zähne gleichzeitig weh. Ich nehme Ibuprofen. Mehr kann ich nicht machen. Das sind richtige Schmerzen im Kopf, weißt du?!« Zwei Zähne hat er schon verloren. Einen Schneidezahn sowie einen Eckzahn. Und das mit 31 Jahren. Das Problem ist: Farid Mandi hat keine Papiere und ist auch nicht krankenversichert. Er lebt in Deutschland, ist aber nicht geduldet. Eigentlich hätte er schon vor Jahren ausreisen sollen, tauchte aber unter. »Es ist besser, als wieder zurückzugehen nach Algerien«, erzählt er, wo er in einer Stadt im Westen des Landes aufwuchs.

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist und versucht, es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen. dasnd.de/hohmann

Beim Zahnarzt war er in Deutschland bislang einmal. Vermittelt hatte ihn das Medinetz, eine ehrenamtliche Initiative, die Menschen hilft, wenn sie durchs Raster der Gesundheitsversorgung fallen. In vielen Städten gibt es mittlerweile solche Büros. Die Mitarbeitenden greifen zum Telefonhörer und machen Termine mit Ärzt*innen aus, die sich bereit erklärt haben, Kranke ohne Versicherung unentgeltlich zu behandeln - weil es für sie ein Gebot der Humanität ist.

Etwa die Hälfte der Menschen, die sich an Mediennetz-Gruppen wenden, sind inzwischen nicht mehr Papierlose im eigentlichen Sinn, also Untergetauchte ohne Aufenthaltsgenehmigung wie Farid Mandi, sondern Menschen aus anderen EU-Staaten, die ihren Job und damit auch ihre Krankenversicherung verloren haben, aber weiterhin in Deutschland leben.

Als Mandi beim Zahnarzt war, schickte der ihn nach einer Behandlung weg, obwohl mehrere nötig gewesen wären. »Wenn ich eine Duldung hätte, wäre das kein Problem, sagte er. Aber so würde es halt nicht gehen.« Seitdem wartet er und kann nichts machen. »In Deutschland funktioniert alles mit Papieren«, sagt er. »Alles ist geregelt, aber wenn du die Papiere nicht hast, dann bist du draußen.«

Als er Algerien vor zehn Jahren verließ, war ihm das nicht bewusst. Er wollte von Anfang an nach Deutschland, wanderte aber über die Türkei aus und hing anschließend in Griechenland fest. Drei Jahre dauerte es, bevor er wie so viele über die Balkanroute nach Deutschland kam. »Ich habe mir das Leben hier ganz anders vorgestellt«, gibt er zu. »Natürlich habe ich in Algerien viel rumgefragt, wie es hier ist. Viele meinten, du kannst einen Sprachkurs machen und hast die Möglichkeit zu arbeiten. Aber das ist ja nicht so. Es ist nicht einfach hier.«

Als er 2015 Deutschland erreichte, kam er zuerst in eine große Sammelunterkunft zusammen mit 2000 anderen Menschen. »Das war richtig blöd«, sagt er. Einen Monat und 20 Tage war er dort. Dann wurde er in eine andere Unterkunft verlegt. »Ich lebte dort in einem Caravan, im Winter war es saukalt. Wir konnten nicht zur Schule und hatten nichts zu tun.« Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als an einem abgelegenen Ort irgendwo mitten in Deutschland zu warten, dass es weiterging. Wie auch immer. Als er aber die Ablehnung seines Asylgesuchs erhielt, nahm sein Leben wieder selbst in die Hand. Er tauchte unter und folgte seinem älteren Bruder in die Stadt, wo er jetzt lebt.

Die medizinische Versorgung für Menschen wie Farid Mandi, die sich ohne Erlaubnis im Land aufhalten, ist zwar in den vergangenen Jahren an vielen Orten verbessert worden, doch die Unterstützung ist trotzdem oft sehr eingeschränkt. Nicht allen kann die Hilfe angeboten werden, die sie eigentlich bräuchten.

Wer in Bremen keine Krankenversicherung hat und dringend ärztliche Hilfe braucht, kann zur Humanitären Sprechstunde des Gesundheitsamts gehen, wo es eine anonyme und kostenlose Gesundheitsversorgung gibt. Wegen der Corona-Pandemie war sie aber monatelang geschlossen. Zu der Zeit habe es in der Hansestadt »kein systematisches Angebot einer gesundheitlichen Versorgung von Papierlosen« gegeben, erklärt Anke Miersch von der Inneren Mission Bremen. Einige Hilfsbedürftige gerieten in eine Notlage. Inzwischen hat die Humanitäre Sprechstunde wieder einmal in der Woche geöffnet.

Menschen ohne Krankenversicherung können sich außerdem an das Medinetz wenden, das in Bremen schon 1998 ein Büro eröffnet hat. Meistens kommen dort Menschen mit hohem Leidensdruck hin, die akute Schmerzen oder Symptome von ernsten Erkrankungen haben. Während der Schließzeit der Humanitären Sprechstunde sind aber auch Menschen gekommen, »die dort vor verschlossener Tür standen und dringend ihre Blutdruck- und Asthmamedikamente brauchten«, erzählt die Ärztin Vera Bergmeyer vom Medinetz.

Probleme gibt es immer wieder, wenn Erkrankte eine fachärztliche Behandlung brauchen. Da gebe es häufiger Widerstände beim Gesundheitsamt wegen Überweisungen und Kostenübernahmen, sagt die Medinetz-Aktivistin. Dringend notwendige Behandlungen werden dadurch verschleppt; einige Menschen seien in den vergangenen Jahren in Bremen zu Schaden genommen oder gar gestorben, weil die fachärztliche oder stationäre Behandlung im Einzelfall aufwendig organisiert werden müsse.

Viel vermeidbares Leid sei dadurch entstanden. Bergmeyer verweist auf die Ergebnisse einer Studie von Kayvan Bozorgmehr und Oliver Razum. Die Mediziner haben 2015 belegt, dass die Kosten für die Krankenversorgung insgesamt sinken, wenn Asylbewerber*innen einen regulären Zugang zum Gesundheitssystem haben. Ausschlüsse davon sind bislang vor allem politisch gewollt.

Mandi erzählt, wie er einmal zu einer Hausärztin ging, als er krank war. Er musste ihr seine Geschichte erzählen und auf Verständnis hoffen. »Sie behandelte mich und sagte, dass ich wiederkommen kann.« Immerhin ist er seitdem hausärztlich versorgt. Aber manchmal hat er auch starke Schmerzen im Rücken. »Die Bandscheibe ist kaputt, das sagte mir ein Physiotherapeut, bei dem ich mal in Behandlung war. Da kann mir niemand helfen.« Auch das Medinetz nicht. »Die können mich nicht zum Spezialisten schicken. Ich bräuchte eine Operation. Dafür gibt es keine Lösung.«

Grundsätzlich haben Papierlose nach dem Asylbewerberleistungsgesetz ein Recht auf Behandlung bei akuter Krankheit. Doch diese können sie nicht ohne Weiteres in Anspruch nehmen. Denn wer wie vorgesehen die Kostenübernahme dafür beim Sozialamt beantragt, wird nach Paragraf 87 Aufenthaltsgesetz an die Ausländerbehörde gemeldet und muss eine Abschiebung befürchten. Viele Papierlose schrecken davor zurück und wenden sich an ein prekär finanziertes Einzelprojekt, das oft nur eine eingeschränkte medizinische Versorgung anbieten kann.

In Berlin erhalten Menschen, die nicht krankenversichert sind und seit mindestens sechs Monaten in der Stadt leben, von der Berliner Stadtmission eine Kostenübernahme für einen Arztbesuch. Gleichzeitig sucht eine Clearingstelle nach einer regulären Versicherungsmöglichkeit. »Ein Schritt in die richtige Richtung«, meint Burkhard Bartholome vom Medibüro Berlin. Die Kostenübernahme funktioniere jedoch nur teilweise, und nicht allen Bedürftigen könne geholfen werden. Trotz freier Arztwahl und Abrechnung über die Kassenärztliche Vereinigung sei das »noch nicht der Anonyme Krankenschein«, erklärt er. Problematisch sei etwa, dass kaum Psychotherapien bezahlt werden.

Fragt man die Initiativen nach ihrem langfristigen Ziel, heißt es immer, es müsse ein »Recht auf Gesundheit für alle« geben. Solange die Übermittlungspflicht, die auch gerne »Denunziationsparagraf« genannt wird, selbst Akutbehandlungen verhindert, wäre ein Anonymer Krankenschein zwar ein Schritt in eine andere Richtung, aber auch nur eine improvisierte Lösung. In Thüringen gibt es ihn seit 2017. Nicht-Versicherte erhalten in landesweit 38 Ausgabestellen einen solchen Behandlungsschein und können damit in jede Praxis gehen. Auch Medikamente und Hilfsmittel werden bezahlt.

In Bremen wird noch in diesem Jahr ein ähnliches System eingeführt: Mit einem Berechtigungsschein sollen Menschen ohne Papiere zu jedem Arzt und jeder Ärztin gehen können. Alle ambulanten, stationären und medikamentösen Behandlungen sollen damit abgedeckt werden. In Hannover und Göttingen wurde der Anonyme Krankenschein dagegen wieder abgeschafft, nachdem die Finanzierung von Modellprojekten abgelaufen war, was zeigt, wie unterschiedlich die ärztliche Versorgung von Papierlosen ist.

Mehr als 80 Organisationen, darunter viele Medinetz-Gruppen, haben im vergangenen Jahr mit einer Kampagne bundesweit für eine medizinische Gleichbehandlung von Menschen ohne Papiere geworben - und fanden damit Gehör bei den Regierungsparteien. Das Ampelbündnis hat die Forderung nach einer Abschaffung der Übermittlungspflicht mit in ihren Koalitionsvertrag aufgenommen. »Die Meldepflichten von Menschen ohne Papiere wollen wir überarbeiten, damit Kranke nicht davon abgehalten werden, sich behandeln zu lassen«, heißt es darin. Wer am Rande der Gesellschaft lebt, soll damit einen besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung bekommen. Bis es aber so weit ist, können noch Jahre vergehen.

Für Farid Mandi wird die Situation belastend bleiben. »Es ist schon anstrengend, weil ich nicht normal leben kann«, sagt er. Er muss nämlich unauffällig bleiben. Eine Polizeikontrolle kann sein Leben in Deutschland beenden. Mittags ist es immer leer in seiner Wohngemeinschaft, alle seine Mitbewohner*innen sind dann meistens unterwegs, sie arbeiten oder studieren. Nur er nicht. Er ging zur Schule, wollte seinen Hauptschulabschluss machen. Er war sogar der Beste in seiner Klasse, durfte aber kein Zeugnis erhalten, weil er keine Papiere hat. Trotz seiner gesundheitlichen Beschwerden ist er voller Elan, spricht Arabisch, Französisch, Griechisch und Deutsch. Er hat viel Potenzial - und kann doch nur wenig damit anfangen.

* Name geändert

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