Orkane wüten in Gedenkstätte

220 Meter der historischen Lagermauer des KZ Sachsenhausen eingestürzt

  • Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 3 Min.

Adolf Hitler hegte gigantomanische Pläne, Berlin in eine Welthauptstadt Germania zu verwandeln. Fast bis an sein Ende berauschte er sich mit dem Architekten Albert Speer an den Modellen. Tatsächlich gebaut haben die Nazis vor allem nur Baracken mit Stacheldraht drum herum - Lager für KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter. Es ist schon herauszuheben, dass es 1937 im KZ Sachsenhausen für eine Lagermauer gereicht hat.

Sinnbildlich für die Verhältnisse ist das berüchtigte Außenlager Klinkerwerk. Es sollte Baumaterial für das Germania-Projekt liefern, kostete zahlreiche Menschenleben, produzierte wegen mangelndem Sachverstand der SS jedoch nur minderwertige Ziegel.

Sturmschäden in Berlin und Brandenburg

Allein von Freitagabend bis Samstagmorgen verzeichnete das Lagezentrum des brandenburgischen Polizeipräsidiums 215 witterungsbedingte Einsätze.

Im Potsdamer Schlosspark Sanssouci stürzten 29 Bäume um.

Am Montagmorgen gab es im Linienbetrieb der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) kaum noch Einschränkungen. Nur die Nachtbuslinie N22 musste kurzzeitig umgeleitet werden, weil eine Straße wegen eines umgeknickten Baumes gesperrt war. Auf fünf Linien gab es Umleitungen wegen älterer Sturmschäden, die noch nicht beseitigt werden konnten.

Die Potsdamer Verkehrsbetriebe (ViP) hatten Freitagnacht den Straßenbahnbetrieb komplett eingestellt. Bäume waren auf zwei leere Straßenbahnen gefallen. af

Auch die 2,80 Meter hohe Lagermauer des Sachsenhausener Hauptlagers sieht nicht sehr haltbar aus. Kein Wunder, dass sie bereits bei früheren Stürmen mehrfach beschädigt wurde, die frei über das kahle Gelände der Gedenkstätte heranfegen können. Doch nach der Erinnerung von Horst Seferens, dem Sprecher der Gedenkstätte, ist noch nie ein so großer Schaden entstanden wie jetzt in der Nacht zum vergangenen Donnerstag. Da warf Orkantief »Ylenia« einen etwa 200 Meter langen Abschnitt der im Dreieck angeordneten Mauer um. Damit nicht genug: Das in der Nacht zum Samstag nachfolgende Sturmtief »Zeynep« warf an einer anderen Stelle an der einstigen Tötungsstation Z noch weitere 20 Meter der Mauer um und deckte im ehemaligen Industriehof des Lagers das Dach eines Gebäudes fast vollständig ab.

Aber das war es dann wenigstens. Das dritte Sturmtief »Antonia« in der Nacht zum Montag habe keine weiteren Schäden angerichtet, sagte Seferens. Dennoch müsse die Gedenkstätte bis einschließlich Dienstag geschlossen bleiben. Denn nun sind erst einmal Aufräumarbeiten zu erledigen, da auf dem Gelände auch Bäume umgestürzt und Äste abgebrochen sind. Erst wenn alles gesichert ist, haben Besucher ab Mittwoch wieder Zutritt.

Die Lagermauer steht unter Denkmalschutz. Sie muss wieder aufgebaut werden. »Das kann nicht anders sein«, bestätigt Seferens. Wann das aber geschehen könne, vermag er nicht zu sagen. Zunächst müsse die Finanzierung geklärt werden. Den durch den Orkan »Ylenia« entstandenen Schaden bezifferte er mit einer Summe im sechsstelligen Bereich. Was durch »Zeynep« hinzugekommen sei, lasse sich noch nicht abschätzen. Die Lagermauer war nur ein Teil der historischen Sicherungsanlagen, die eine Flucht verhindern sollten. Dazu gehörten noch ein Todesstreifen, den Häftlinge nicht betreten durften, ein elektrisch geladener Zaun und ein Postengang.

Bevor die Lagermauer 1937 gebaut wurde, entwichen am 4. November 1936 sieben Häftlinge. Sie gruben von Baracke 18 aus einen Tunnel unter dem Stacheldraht hindurch. Sechs Ausbrecher wurden eingefangen und zur Abschreckung im Lager an Pfählen aufgehängt - mit auf dem Rücken zusammengebundenen Händen. Die Kameraden hörten nächtelang ihr Wimmern und Stöhnen. Die Pfähle wirkten aus der Entfernung wie Kreuze. Nur ein Kreuz blieb frei.

Karl Göntges aus Dortmund gelangt es, ins Ausland zu entkommen, so wie Georg Heisler, der Held von Anna Seghers’ Roman »Das siebte Kreuz«. Für dieses heute noch sehr lesenswerte Buch soll das historische Geschehen als Vorbild gedient haben. Die Schriftstellerin verlegte den Ort der Handlung allerdings nach Rheinhessen. Der Roman erschien 1942 im Exil und gehörte im DDR-Literaturunterricht zur Pflichtlektüre.

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