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Der Weg nach Westen wird schwieriger

Die EU schließt den Luftraum, mehrere EU-Mitgliedsstaaten wollen keine Visa mehr erteilen. Viele Russen befürchten, ihr Land bald nicht mehr verlassen zu können

  • Von Daniel Säwert, Moskau
  • Lesedauer: 4 Min.
Vom Moskauer Flughafen aus geht fast nichts mehr hinaus in die weite Welt
Vom Moskauer Flughafen aus geht fast nichts mehr hinaus in die weite Welt

Die Nachricht kam unerwartet und gleichzeitig doch irgendwie nicht. »Hey, hör zu, mir wird das zu heiß. Ich hab mich entschieden, morgen nach Deutschland zu fliegen. Mal abwarten, wie sich die Lage dann entwickelt«, erzählt ein deutscher Bekannter am Telefon mit zitternder Stimme von seiner spontanen Entscheidung, ganz schnell seine Sachen zu packen. Er wird Moskau den Rücken kehren. Nicht einmal für einen kurzen persönlichen Abschied hat die Zeit gereicht. Doch wer weiß, wie lange man Russland noch verlassen kann. Dem Bekannten zumindest gelingt es.

Weniger Glück hatte der Journalist Maxim Kireew, der aus Russland für deutsche Medien berichtet. Am Sonntag saß er schon im Flugzeug nach Hamburg. Doch dann wurde sein Flug gestrichen, schreibt Kireew auf Instagram. Deutschland hatte den Luftraum für russische Flugzeuge geschlossen.

Seit Beginn des russischen Krieges in der Ukraine fragen sich viele Moskauer und Ausländer in der russischen Hauptstadt, wie es mit ihnen weitergeht, wie sie im Notfall aus Russland herauskommen. Denn die Möglichkeiten dafür werden immer geringer: Nachdem Polen als erstes Land seinen Luftraum für russische Flugzeuge sperrte, zogen schließlich alle EU-Staaten nach. Der Weg gen Westen ist für viele Russen damit deutlich komplizierter geworden. Dass mehrere Länder zusätzlich ankündigten, keine Visa mehr für Russen auszustellen, macht die Menschen sprachlos. Schließlich sind viele gegen den Krieg Putins! Schon während der Pandemie war es schwer, Visa für den Westen zu bekommen. Nun ist es fast unmöglich.

Junge Russen aus dem Bekanntenkreis erzählen von ihrer Angst, als Reservisten einberufen zu werden, sollte der Einmarsch im Nachbarland nicht schnell ein Ende finden. Vielleicht biete die EU Russen, die unbedingt rauswollen, politisches Asyl an, hofft beispielsweise Stanislaw. In die Armee will der Grafikdesigner auf keinen Fall. Ein Asyl in der EU wäre zumindest eine Hoffnung.

Nastja hingegen glaubt nicht an Hilfe aus der EU. Seit Beginn des Krieges ist die Künstlerin aufgewühlt und grübelt über einen Ort nach, an dem sie sich in Sicherheit bringen könnte. Georgien wäre eine Möglichkeit, meint sie. Schließlich können sich Russen in der Kaukasusrepublik ein Jahr ohne Visum aufhalten. Schon seit einigen Jahren suchen deshalb immer mehr junge Russinnen und Russen dort vorübergehend Zuflucht. Erst mal hin und dann in Ruhe überlegen, wie es weitergeht. Vielleicht könnte man von dort aus weiter nach Europa reisen.

Vergiftete Gespräche
Wolfgang Hübner über das russische Verhandlungsangebot an die Ukraine

Raus, zumindest kurzzeitig, bis alles vorbei. Das scheinen immer mehr zu denken. In den vergangenen Tagen häufen sich Inserate, in denen Moskauer ihre Zimmer und Wohnungen schnell untervermieten wollen, um das Land zu verlassen. Gleichzeitig fragen sich viele, ob das wirklich eine gute Idee ist. Denn auszureisen hieße auch, die Familie zurückzulassen. Und das wollen die meisten dann doch nicht.

Auch die Deutschen in Moskau stehen vor der Frage, ob sie Russland verlassen sollten, solange es noch geht - oder doch lieber bleiben wollen. Seit Tagen erhalten sie in Messengerdiensten Nachrichten mit der Bitte, doch nach Deutschland zu kommen. Das Auswärtige Amt hat sich am Sonntag zu einer Teilreisewarnung durchgerungen. Und dem Hinweis, dass von der Reise nach Russland abgeraten wird. Diese Nachricht ging per Mail an die Deutschen in Russland.

Während der Autor dieser Zeilen so lange wie möglich bleiben will, sind andere weniger überzeugt. In den sozialen Netzwerken der deutschen Community wird nüchtern über Gehen oder Bleiben diskutiert. Wer schon länger hier ist und sich etwas aufgebaut hat, wartet ab, so scheint es. Jüngere Bekannte, die zum Auslandsstudium in Moskau sind, sind dagegen hin- und hergerissen. So haben sie sich ihr Abenteuer Ausland nicht vorgestellt. Doch auch hier sind es die liebgewonnene WG oder Freunde, die bisher verhindert haben, dass die Koffer gepackt werden. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) will den deutschen Studierenden keine Empfehlung geben, schreibt aber, dass jeder, der sich unsicher fühlt, unbedingt ausreisen solle. Ob die Betroffenen deswegen ihre Stipendien zurückzahlen müssen, ist noch unklar.

Eine Bekannte schreibt, sie wolle am Mittwoch nach Istanbul fliegen. Ob sie danach nach Moskau zurückkomme oder nach Deutschland fliege? Vor zwei Tagen hätte sie noch Moskau gesagt, doch nun schwankt auch sie. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie nach dem SWIFT-Ausschluss einiger russischer Banken Probleme mit ihrer deutschen Kreditkarte hat. Letztendlich sagt sie Moskau »Poka« (Tschüß) und zieht ihren Flug einen Tag vor.

Maxim Kireew hat es schließlich doch noch aus Russland herausgeschafft. Per Taxi 150 Kilometer an die estnische Grenze. »Russen geben nicht auf«, schreibt er. Am vergangenen Sonntagnachmittag meldet sich auch der Bekannte aus Deutschland. Er werde nicht mehr nach Russland zurückkommen. Sein deutscher Doktorvater in St. Petersburg hat wegen des Kriegs gekündigt. Es gebe keinen Grund mehr, in Russland zu sein.

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