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  • Menstruation und Corona-Impfung

Wenig Daten, kaum Interesse

Etliche Frauen berichten von Veränderungen ihrer Periode nach der Corona-Impfung. Studien dazu sind rar

  • Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 5 Min.
Frauen wehren sich - gegen Vergewaltiger, Ärzte, Richter und das Patriarchat! Unsere Fotoreihe zeigt einige Momente dieser Aufbrüche der feministischen Gesundheitsbewegung aus den Archiven.
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Unregelmäßiger Zyklus, verstärkte Schmerzen oder sogar ein »Blutbad ungeahntes Ausmaßes«. Seit die ersten Impfungen gegen Corona durchgeführt wurden, erzählen im Netz zahlreiche Menschen von Veränderungen ihrer Menstruation und ihres Zyklus. Die Berichte reichen von verfrühten, verspäteten oder verlängerten Monatsblutungen über bislang unübliche Krämpfe und Schmerzen bis hin zu enormem Blutverlust oder mehrfachen Blutungen im Monat. Bereits im Februar 2021 rief die US-amerikanische Anthropologin Kate Clansy dazu auf, Erfahrungen nach der Corona-Impfung zu teilen: »Ich bin gespannt, ob andere Menstruierende auch Veränderungen bemerkt haben? Anderthalb Wochen nach meiner Dosis Moderna habe ich meine Periode vielleicht einen Tag früher bekommen und sprudele, als wäre ich wieder in meinen 20ern«, schrieb sie auf Twitter.

Spaß und Verantwortung

Olga Hohmann versteht nicht, was Arbeit ist und versucht, es täglich herauszufinden. In ihrem ortlosen Office sitzend, erkundet sie ihre Biografie und amüsiert sich über die eigenen Neurosen. dasnd.de/hohmann

Auch der Buchhändler Linus Giese erzählte im Netz von seinen Erfahrungen nach der Impfung mit Biontech. Er ist trans Mann, nimmt Testosteron und hatte seit drei Jahren keine Periode mehr. »Beim Aufklärungsgespräch zur Impfung wurde ich darauf hingewiesen, dass ich Kopfschmerzen und Fieber bekommen könnte, mir wurde gesagt, dass der Arm ein paar Tage lang schmerzen würde«, schreibt er in einem Beitrag für die Wochenzeitung »Der Freitag«. »Aber niemand hat mich davor gewarnt, dass meine Periode zurückkommen könnte.« Auf der Suche nach Antworten stieß er auf zahlreiche Berichte von Frauen, trans Männern und nicht-binären Menschen, die von Veränderungen ihres Hormonhaushaltes erzählten.

Paradebeispiel für die Medizin

Es ist nicht ungewöhnlich, dass der Zyklus durch äußere Einflüsse wie Medikamente, Impfungen oder auch körperlichen oder mentalen Stress beeinflusst werden kann. Problematisch ist jedoch die lückenhafte Forschung darüber. In der Medizin gilt der männliche Körper als Standard, klinische Studien werden üblicherweise an männlichen Tieren durchgeführt, und nur nach und nach wird auf diese erhebliche Datenlücke, den Gender Data Gap, aufmerksam gemacht.

Mandy Mangler, Gynäkologin und Chefärztin am Auguste-Viktoria-Klinikum und am Vivantes Klinikum Neukölln in Berlin, hält die unerforschten Auswirkungen der Corona-Impfung auf den weiblichen Zyklus für ein Paradebeispiel in der Medizin. »Das ist ein Sinnbild für den Stand verstaubter, patriarchaler Systeme, die Frauen und weibliche Körper oft nicht im Blick haben«, sagt sie gegenüber »nd«. Mangler kritisiert vor allem, dass es noch immer keine belastbaren Studien über Auswirkungen der Corona-Impfung für menstruierende Personen gibt – immerhin rund 50 Prozent der Menschheit.

In den Zulassungsstudien von Biontech und Pfizer wurde nach Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen und Fieber gefragt, aber nicht nach Veränderungen der Monatsblutung. Das Paul-Ehrlich-Institut erfasst in seinem Monitoring zwar Blutungen, darunter fallen aber auch Nasen- oder Zahnfleischblutungen. Es wird nicht explizit nach Veränderungen der Periode gefragt. Das Problem daran: Die Menstruation ist noch immer ein Tabuthema, über das die wenigsten von sich aus reden würden.

»Ich glaube, potenzielle Veränderungen der Menstruation durch medizinische Maßnahmen sind einfach als weniger wichtige Fakten abgetan worden«, so Mangler über die defizitäre Forschung. »Frauen sind in sehr weiten Teilen der Medizin nicht wichtig oder werden nicht ernst genommen.« Vielmehr noch: Ihre Belange werden immer wieder und auch von Expert*innen relativiert und als übertrieben abgetan. Menstruationsschmerzen werden selbst von medizinischem Personal oft nicht ernst genommen, als normal bezeichnet und als etwas, wo man eben durch muss.

So hatte der damalige Vorsitzende des Berufsverband der Frauenärzte, Christian Albring, im Juli 2021 gegenüber dem SWR erklärt: »Alles, was das Gehirn beeinflusst, kann zu Blutungen führen. Und so ist es für Frauenärzte überhaupt nichts Besonderes, dass Frauen durch Stress mit Blutungen reagieren. Ich habe heute den ganzen Vormittag geimpft, da sind einige unheimlich aufgeregt, die haben die ganze Nacht schon nicht geschlafen.« Eine mehr als peinliche und fachlich nicht korrekte Aussage eines Arztes, der die Gynäkolog*innen in Deutschland vertritt, kommentiert Mangler gegenüber »nd« und erinnert an einen Verriss des Satirikers Jan Böhmermann. Dieser hatte in seiner ZDF-Sendung Albrings Worte so zusammengefasst: »So sind sie die Frauen. Kaum sind sie ein bisschen aufgeregt, bluten sie alles voll.«

Erste Datensammlungen

Bislang haben eine norwegische Studie und eine Untersuchung in den USA erste Daten über die Auswirkungen der Corona-Impfung auf den Zyklus gesammelt. In Norwegen wurden über 5600 Frauen gefragt, ob sie Veränderungen vor oder nach der Impfung bemerkt haben. Die Erhebung ist Teil einer größeren Studie, bei der Daten von bis zu 60.000 Personen im Alter von 12 bis 18 Jahren erfasst werden sollen. Die im Fachjournal »Obstetrics & Gynecology« veröffentlichte US-Studie hat Angaben von etwa 3900 Personen verglichen, die aus einer App zur Überwachung der Fruchtbarkeit stammen. Betrachtet wurden drei aufeinanderfolgende Zyklen vor der Impfung und drei Zyklen während und nach der Impfung. Die Studie bestätigt geringe und voraussichtlich nur vorübergehende Auswirkungen auf die Monatsblutung. Die erfasste Verlängerung des Zyklus von durchschnittlich weniger als einem Tag könnte den Wissenschaftler*innen zufolge auf eine Reaktion des Immunsystems auf den Impfstoff zurückzuführen sein.

Die Gynäkologin Mangler erklärt sich die Auswirkungen damit, dass die Impfung – genauso wie eine Corona-Erkrankung – temporär Änderungen im Blutgerinnungssystem der Menschen bewirkt. »Vorübergehend sinkt zum Beispiel die Anzahl der Blutplättchen und das führt zu einer veränderten Menstruation – bei einem Teil der Frauen, nicht bei allen.« Sie wünscht sich weitere wissenschaftliche Untersuchungen und belastbare Evidenz bei dem Thema.

Um mehr zu erfahren, förderte sie die von Studierenden der Universität Köln geplante Red Covid Study. Testpersonen sollen ihren Zyklus mehrere Monate in einer App dokumentieren. »Welche Hypothesen wir untersuchen, können wir im Sinne valider Forschungsergebnisse natürlich nicht verraten, aber wir können preisgeben, dass das primäre Ziel ist festzustellen, ob oder wie Covid-19-Infektionen und Impfungen den Zyklus beeinflussen und ob oder wie Menstruierende beeinflusst werden, die die Pille oder ein IUP verwenden oder geschlechtsangleichende Hormone einnehmen«, heißt es von Seiten der Studien-Organisator*innen. Auf gofundme.com sammeln sie derzeit noch Spenden zur Finanzierung ihrer Studie. Wann und ob die Red Covid Study durchgeführt wird, scheint unklar. Laut Mangler habe sich die Zusammensetzung der Forschungsgruppe geändert und eine Fortsetzung des Projekts sei nicht sicher. Es bleibt also abzuwarten, wann auch in Deutschland damit begonnen wird, den Gender Data Gap ein klein wenig zu schließen.

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