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  • Viktoria Berlin in der 3. Liga

Neuanfang im Nirgendwo

Wie Drittligaaufsteiger Viktoria Berlin nach einem Traumstart nun mit neuem Trainer den Absturz aufhalten will

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 5 Min.
Premiere: Für Farat Toku (M.) war die erste Trainingseinheit bei Viktoria Berlin auch die erste als Coach im Profibereich.
Premiere: Für Farat Toku (M.) war die erste Trainingseinheit bei Viktoria Berlin auch die erste als Coach im Profibereich.

Farat Toku ist nicht nach Berlin gekommen, um sich die Stadt anzuschauen. Einen passenderen Ort dafür hätte sich der 41-Jährige kaum suchen können. In Mariendorf, an einem der südlichsten Zipfel der Hauptstadt, steht Toku am Donnerstag auf dem Rasen des Allianzstadions. Er leitet sein erstes Training beim Drittligisten Viktoria Berlin. Der Sportplatz am Waldspitzweg hat seine besten Zeiten lange hinter sich. Einst stand hier eine imposante Holztribüne, eingerahmt von zwei stattlichen Türmen. Heute pfeift der Wind über die großflächige Anlage.

Für Viktoria und Toku ist dieser Tag ein Neuanfang - irgendwo im Nirgendwo. So fühlt es sich zumindest an, wenn man der Einladung des Vereins zum »medienöffentlichen Training« gefolgt ist. Durch viele kleine, ruhige Straßen, gesäumt von Einfamilienhäusern, endet der Weg zum Stadion hinter der Auffahrt auf einem großen Parkplatz. Man ahnt nicht, dass nur wenige Meter entfernt 25 Fußballprofis hart trainieren, gegen den Abstieg kämpfen. Das stolze Allianz Casino, ein Bau im Westberliner Charme der 80er Jahre, ist Sicht- und Schallschutz zugleich. Drinnen sitzen zwei Rentner und trinken Kaffee, mit dem Rücken zum Trainingsplatz.

Farat Toku ist ein ruhiger Typ. Selbst direkt am Spielfeldrand ist nicht jedes Wort von ihm zu verstehen. Bestimmt kann er auch mal laut werden. An diesem Tag aber geht es erst mal darum, die Mannschaft kennenzulernen. Und eine positive Stimmung zu erzeugen - nach dem 1:4 am Mittwochabend beim Halleschen FC, die 13. Niederlage in den letzten 19 Spielen. Sich selber zu beschreiben, das findet Toku schwierig. Weniger zurückhaltend ist er beim Thema Fußball. Da fallen dann schon mal so markige Sprüche wie jener, dass er nicht nach Berlin gekommen sei, um sich die Stadt anzuschauen. Nach den Gegnern wolle er sich nicht richten, sagt er selbstbewusst. »Wir müssen auf uns schauen«, erklärt Toku und zeigt sich angriffslustig: »Grundsätzlich gewinnt man Spiele, indem man Tore schießt.«

Verblüffende Viktoria
Der Aufsteiger aus Berlin überrascht in der 3. Liga
nicht nur mit gutem Fußball

Zeit für Gespräche ist an diesem Donnerstag genug. Einerseits ist es ein Medientermin, andererseits sind der Einladung nicht mal eine Handvoll Journalisten gefolgt. Es ist nicht lange her, da war das alles noch ganz anders. Als Aufsteiger war Viktoria mit drei Siegen in die 3. Liga gestartet. »Der Hype ist da«, sagte Sportdirektor Rocco Teichmann im August zu »nd«. Nach zehn Spieltagen standen die Berliner noch auf Platz zwei hinter Spitzenreiter Magdeburg, Anfang November waren sie noch Fünfter. Jetzt trennen den Verein nur noch ein Platz und zwei Punkte vom Abstieg. Diesem Absturz folgte vor zwei Wochen die Trennung von Aufstiegstrainer Benedetto Muzzicato.

Rocco Teichmann steht auf der kleinen, grasbewachsenen Naturtribüne und blickt über die Aschenbahn des Stadions auf den Trainingsplatz. Es ist keineswegs so, dass dem Sportdirektor diese Ruhe hier gefällt. Die aufregenden Tage mit dem Aufstieg, dem guten Saisonstart mit teilweise 4000 Zuschauern im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark mitten in der Stadt in Prenzlauer Berg und die ganze große Aufmerksamkeit, all das hat er genossen. Weil es den gesamten Verein nach vorn gebracht hat. »Wir haben vielleicht manches nicht gut, aber auch viel richtig gemacht«, fasst er die letzten Monate zusammen. Lachen muss Teichmann, als er sagt: »Vielleicht waren wir zu erfolgreich.« Ernst meint er es schon. Denn die These, dass man im Erfolg die ersten Fehler macht, sei ja nicht ganz falsch.

Viele Niederlagen, viele Gegentore: »Die Mannschaft war mental extrem unten«, sagt Teichmann. Auch wenn sich alle im Verein für den Sport Verantwortlichen hinterfragen müssten, soll auch bei Viktoria der Trainerwechsel die berühmten neuen Impulse bringen. Daran arbeitet jetzt Farat Toku. Elf Spiele bleiben ihm und seiner Mannschaft, die fünftjüngste der Liga, den Absturz zu stoppen. Den nötigen Optimismus bringt der Trainer mit, wenn er von einer »guten Ausgangslage« spricht. Soll heißen: Viktoria steht in der Tabelle der 3. Liga gerade noch über dem rettenden Strich, der die vier Abstiegsplätze vom Rest der Liga trennt.

Es gehört zum Geschäft, die Entscheidung für einen neuen Coach mit positiven Argumenten zu begründen. Eines ist: »Verein und Trainer passen gut zusammen.« Das betonen auch Teichmann und Toku gleichermaßen. In Mariendorf steckt dahinter aber auch die gleiche Motivation. Der Gang zurück in die Viertklassigkeit soll unbedingt vermieden werden, denn Verein und Trainer kommen genau daher. Für Viktoria wäre ein Abstieg ein großer Rückschlag in der Entwicklung. Mühsam aufgebaute Strukturen müssten wieder zerschlagen werden, meint Teichmann. »Der Verein muss sich dann erst mal wieder stabilisieren.« Die finanzielle Schere zwischen der 3. Liga und der Regionalliga ist einfach zu groß. Das bekäme auch die Mannschaft zu spüren, die im Abstiegsfall dann wieder vermehrt von Viktorias guter Jugendarbeit zehren müsste. Sowohl die U19 als auch die U17 spielen in der Bundesliga.

Farat Toku kennt die Regionalliga gut. Bis zum Oktober 2019 war er fast vier Jahre lang Trainer der SG Wattenscheid. Die Zeit danach nutzte er zur Fortbildung, seit Mai 2021 ist er Fußballlehrer. Für ihn ist Viktoria Berlin die erste Chance im Profifußball. Er will sie nutzen. Kompliziert ist die Aufgabe allemal. Und da ist man in Mariendorf derzeit sogar etwas dankbar für die Ruhe. Vor seinem ersten Spiel sucht Toku noch mehr Abgeschiedenheit. Nach einem zweitägigen Kurztrainingslager will Viktoria dann am Montag in Havelse den ersten Sieg seit Dezember feiern.

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