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  • Berlin
  • Beratungsangebote für Geflüchtete

Der Kitt ist weg

Die Not vieler Menschen, die vor dem Ukraine-Krieg nach Berlin fliehen, trifft auf die Not derer, die bereits länger als Geflüchtete hier leben - und deren psychosoziale Unterstützung ebenfalls nicht gesichert ist

  • Von Claudia Krieg
  • Lesedauer: 6 Min.

Eine Frau ist mit dem Fahrrad gekommen. »Sie konnte weder in die Straßenbahn steigen noch in die S-Bahn«, berichtet Christian Wenzel. Wenzel ist Psychologe und Psychotherapeut und engagiert sich unter anderem im Traumanetz Berlin, einem Zusammenschluss von Therapeut*innen, die von Gewalt betroffene Frauen mit komplexen Traumafolgestörungen und ihre Kinder versorgen. Er schildert eine wenige Tage zurückliegende Begegnung mit einer vor dem russischen Angriffskrieg geflohenen jungen Ukrainerin in seiner Tätigkeit für den Beratungsverein Kommrum. »Sie hatte ihre Familie zurückgelassen, war aus dem umkämpften Kiew geflohen, fühlte sich allein und verloren, war ängstlich, nachdem sie in Berlin angekommen war - in völlig überlasteten Zügen, in denen Menschen saßen, die sich verabschieden mussten, und viele schreiende Kinder.«

Wenzel habe dann geprüft: Kann sie schlafen? Isst sie? Ist sie in Gefahr, sich selbst zu verletzten? Dann komme die Bedarfsanalyse, berichtet der Therapeut, der eingeladen ist, um im Sozialausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses zu berichten, in welcher Verfassung sich viele Flüchtlinge akut befinden - und wie genau sie dann versorgt werden müssen. Klar sei: Es müssten vielfältige Angebote - spezifische, auf die jeweiligen Bedarfe zugeschnittene - bereitgehalten werden. Die Expertenanhörung findet statt, um zu erörtern, wie es um diese mobilen psychosozialen Angebote für Geflüchtete in Berlin bestellt ist. Nicht nur, weil seit bald vier Wochen täglich Tausende Kriegstraumatisierte in der Hauptstadt ankommen, sondern auch, weil bereits Zehntausende Menschen mit traumatisierenden Fluchterfahrungen in Gemeinschaftsunterkünften des Landes untergebracht sind.

Die mobilen psychosozialen Beratungsstellen schlagen Alarm. Denn bei allen Beteuerungen, mit denen Landespolitiker*innen immer wieder die Aufnahmebereitschaft für Geflüchtete bekräftigen, musste die Berliner Beratungslandschaft Ende vergangenen Jahres einen heftigen Tiefschlag einstecken. So hat das Land ausgerechnet bei den Mitteln für die mobilen psychosozialen Beratungen den Rotstift angesetzt. Die massiven Budgetkürzungen dürften sich jetzt bitter rächen bei den jetzt Ankommenden und Unterzubringenden, von denen ein Großteil Frauen sind, dazu bis zu 40 Prozent Kinder und immer mehr Alte und Kranke.

Etwa drei Millionen Menschen sind bislang aus der Ukraine geflohen. Nicht zuletzt in Berlin suchen viele nun Sicherheit, Schutz und Versorgung. Die gesellschaftliche Solidarität und die politischen Bemühungen zur Aufnahme, Unterbringung und Grundversorgung der Geflüchteten seien überwältigend und gingen bereits jetzt über den »Sommer der großen Solidarität« 2015 hinaus, heißt es dazu vom Berliner Verein Xenion, der bereits seit 1986 psychosoziale Hilfen für politisch Verfolgte anbietet. Angesichts der aktuellen Krise gelte es jetzt aber umso mehr, bestehende psychosoziale Versorgungsstrukturen zu stärken und diese nachhaltig für alle Geflüchteten bereitzustellen.

»Seit dem letzten Jahr arbeiten wir bereits aufgrund der katastrophalen Entwicklungen in Afghanistan und Belarus über unsere personellen und finanziellen Ressourcen hinaus, um dem erhöhten Bedarf gerecht zu werden«, erklärt Geschäftsführerin Janina Meyeringh. Auch tue man alles nur Mögliche, um besonders schutzbedürftige Geflüchtete aus der Ukraine wie Minderjährige und Menschen ohne ukrainischen Pass aufzunehmen und zu versorgen. Wichtig sei dabei die schnelle Behandlung vor allem derjenigen, die Gewalterfahrungen haben machen müssen, um chronische und schwere psychische Erkrankungen zu verhindern. Ohne Zweifel brauche es dringend und kurzfristig mehr Ressourcen, die dafür bereitgestellt werden müssen.

Das bestätigt auch Barbara Breuer, Sprecherin der Berliner Stadtmission. »Man muss vorsorgen. Wenn man erst abwartet, bis der Bedarf da ist, dann ist es zu spät«, sagt Breuer zu »nd«. Es mag zwar schnell der Eindruck entstehen, dass es den Menschen nach etwas Erholung und mit einem sicheren Platz schon besser gehe. Aber die Erfahrungen seit dem Jahr 2015 hätten gezeigt, dass bei den meisten erst nach einem halben Jahr die Traumatisierung deutlich werde.

Die Stadtmission ist mit zwölf Hauptamtlichen zuständig für das vor gut zweieinhalb Wochen eröffnete große Zelt auf dem Vorplatz des Hauptbahnhofs, an dem jeden Tag 5000 bis 7000 Menschen ankommen, die vor dem Krieg in der Ukraine geflohen sind. 200 Ehrenamtliche sind dort ebenfalls vor Ort. Die meisten Flüchtlinge würden weiterreisen, so Breuer, etwa 1500 täglich das Zelt »durchlaufen«. »Wir sehen sehr erschöpfte Menschen, die sich nach ihrer tagelangen Reise vor allem ausruhen wollen. Wenn es traumatische Momente gibt, erleben diese eher die russisch oder ukrainisch sprechenden Helfer*innen«, berichtet Breuer.

Die Menschen seien in einer Ausnahmesituation sondergleichen, durcheinander und gestresst, es komme vor, dass ältere Verwandte oder Kinder verloren gehen - nichts sei »normal«. »Alle mit Smartphones kommen zurecht, alle anderen weniger«, fasst Breuer zusammen.

Dies zeige sich auch an den Menschen, die der Sozialträger in seinen Unterkünften mit derzeit etwas über 300 Plätzen untergebracht hat. »Am Anfang kamen diejenigen, die etwas für zwei Nächte brauchten, etwa die Hälfte reiste weiter. Aber die Menschen, die jetzt kommen, die wissen nicht, wie es weitergeht, und die bleiben jetzt«, so Breuer.

Nicht alle sind mit der Last auf ihren Seelen trotzdem noch so mobil wie die junge Frau, die mit dem Fahrrad zur Erstberatung von Kommrum kommen konnte.

Auch Frieda Wichtmann weiß, wie sich Trauma nachhaltig auswirken kann. »Es gibt bei uns eine Person, die seit zwei Jahren das Haus nicht verlassen hat«, sagt die Mitarbeiterin einer Gemeinschaftsunterkunft für geflüchtete Frauen des Vereins Nachbarschaftsheim Schöneberg. Wichtmann sieht die aktuelle Not der jetzt Ankommenden vor dem Hintergrund derjenigen, die sie in ihrer Einrichtung seit Jahren begleitet - nicht zuletzt unter dem Eindruck der anhaltenden Corona-Pandemie. Sie betreut Menschen, die trotz der Zuflucht große Angst haben, dies auch, weil das Prozedere von Asylbegehren oft Hoffnungslosigkeit und zusätzliche Belastung nach sich zieht. »Wir reden von Suizid, psychotischen Zuständen, Selbstverletzung«, sagt Wichtmann. »Diesen Menschen muss man keine Angebote machen, die von außen kommen.« Sie seien auf mobile Teams angewiesen, die auch durch spezifische Qualifizierungen eine enorme Stütze seien.

Der Wegfall der Berater*innen habe nun für erneute Krisen gesorgt. Durch dauerhafte Unterbesetzung, sagt Wichtmann, »können wir solche Lücken nicht aus der normalen Belegschaft heraus schließen«.

»Angesichts der Bilder von Menschen, die aus den Zügen steigen, wird deutlich, was Trauma und Belastung bedeuten«, sagt die Berliner Integrationsbeauftragte Katarina Niewiedzial. »Aber die sind uns hier in Berlin auch schon länger bekannt«, fügt Niewiedzial hinzu. Kürzungen bei den psychosozialen Beratungsangeboten führten in die falsche Richtung.

Man sei der »Kitt« gewesen von einer Unterstützung in den Unterkünften hin zur Regelversorgung, betont Christian Wenzel. Dieser Kitt sei nun weg. Wenzel sagt auch, es sei nicht zu spät, die Arbeit wieder aufzunehmen und auszubauen: »Das Netzwerk ist stabil.« Der Psychologe betont: »Wenn wir sagen, wir nehmen Flüchtlinge auf, dann müssen wir auch alles gemeinsam daransetzen, die Menschen gemeinsam zu versorgen.« Man könne liefern, »damit die Leute gezielt und schnell unterstützt werden«.

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