Mehr nasse Moore

Die Renaturierung von Mooren soll künftig stärker gefördert werden

  • Von Jörg Staude
  • Lesedauer: 4 Min.
Pflanzen wachsen unter Wasser in einem Moor. Nasse Moore fungieren Nährstofffilter und tragen zum Klimaschutz bei.
Pflanzen wachsen unter Wasser in einem Moor. Nasse Moore fungieren Nährstofffilter und tragen zum Klimaschutz bei.

Wiedervernässte Moore haben seit einiger Zeit ein neues Öko-Label bekommen. Sie gehören zu den Maßnahmen des sogenannten natürlichen Klimaschutzes, ebenso wie belebte Mischwälder, renaturierte Auen, entsiegelte Böden oder ergrünte Stadtparks.
Bis zu sieben Prozent der Treibhausgasemissionen Deutschlands lassen sich mit der Wiedervernässung trockengelegter Moore einsparen. Und will die Bundesrepublik auf einen Klimapfad, der bis 2045 zu netto null Emissionen führt, müssten jährlich etwa 50.000 Hektar Moorflächen wiedervernässt werden, wiederholte Jan Peters, Geschäftsführer der Succow-Stiftung, zu Wochenbeginn auf der Tagung »Moorschutz ist Klimaschutz« in Berlin eine bekannte Zielmarke.

»Im Moment schaffen wir gerade einmal 1000 bis 2000 Hektar im Jahr«, so Peters weiter. Entsprechend müssten die Anstrengungen »exponentiell« verstärkt werden. »Wir können es uns nicht leisten, dass Moore durch Entwässerung CO2-Schleudern bleiben«, betonte auch der bekannte Moorkundler Hans Joosten auf der Tagung. Nasse Moore würden zudem unabhängiger machen, erklärte Joosten mit Bezug auf aktuelle Krisen. Moore trügen nicht nur zur Klimaneutralität bei, sie lieferten auch Rohstoffe, die Deutschland bisher importiere. »Wir können sogar regional und nachhaltig Energie und Wärme von ihnen gewinnen«, so Joosten.

Es war kein Zufall, dass Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) die Moorkonferenz nutzte, um zu verkünden, dass ihr geplantes Aktionsprogramm »Natürlicher Klimaschutz« nun aus dem Bundeshaushalt mit zusätzlich vier Milliarden Euro für die Zeit bis 2026 ausgestattet wird. Denn der Schutz der Moore und ihre Wiedervernässung stellen den ersten und wichtigsten Punkt ihres »Natürlicher Klimaschutz«-Programms dar. Dessen zehn Eckpunkte präsentierte Lemke am gestrigen Dienstag offiziell.

Mit dem Programm sollen nicht nur wieder intakte Moore geschaffen, sondern auch Landwirte unterstützt werden, die Moorflächen angepasst zu bewirtschaften. Die bisherigen Landnutzer bräuchten eine Zukunftsperspektive, betonte die Ministerin. Weitere der zehn Eckpunkte betreffen einen naturnahen Wasserhaushalt mit lebendigen Flüssen, Seen und Auen oder marine Ökosysteme wie Seegraswiesen, Salzmarschen und Algenwälder. Alte naturnahe Buchenwälder in öffentlichem Besitz sollen gänzlich aus der Nutzung genommen werden, sagte Lemke. Mit den vier Milliarden Euro wird der Ministerin zufolge mehr Geld in die Hand genommen, als jemals in Deutschland für diesen Bereich zur Verfügung gestellt wurde. Die Summe sei von der Regierung bereits beschlossen, sagte Lemke. Zwar liege die Hoheit über den Haushalt beim Bundestag, aber sie habe dort große Unterstützung und rechne nicht damit, dass die Mittel infrage gestellt werden. Für die zusätzlichen Gelder sollen bis zum Sommer entsprechende Förderprogramme aufgelegt werden.

Die Umweltministerin zeigte sich erleichtert über die gelungene Aufstockung trotz der veränderten politischen Rahmenbedingungen. Diese hätten allerdings »massive Auswirkungen«, räumte sie auf der Tagung ein. So hätten Diskussionen darüber begonnen, ob Natur- und Klimaschutz möglicherweise hintenan stehen sollen. »Wir merken an verschiedenen Ecken und Kanten, dass diese Diskussion jetzt noch mal drängender wird«, sagte Lemke. Ein Zeichen sei auch, dass die EU-Kommission letzte Woche ihr Renaturierungsgesetz von der Tagesordnung genommen habe. Sie halte es für »völlig falsch«, so die Ministerin, wenn Deutschland nun in Muster und Politikansätze zurückfiele, »die wir inzwischen eigentlich überwunden haben«. Es dürften nicht noch mehr Krisen gleichzeitig kumulieren.

Mehrfach wurde Lemke dieser Tage gefragt, wie sich ein Programm zum natürlichen Klimaschutz damit verträgt, dass für die endgültige Fertigstellung der sogenannten Küstenautobahn A20 noch immer bestehende Moore trockengelegt werden sollen. Allein für die ersten zwei der noch geplanten Bauabschnitte sollen wertvolle Moor- und Marschböden zerstört und 1,8 Millionen Kubikmeter Torf abgestochen werden.

Die Umweltministerin sprach hier von einem »Spannungsverhältnis« und einem »Widerspruch«, der im Moment »nicht aufgelöst werden kann«. Sie halte es für wünschenswert, für Straßenbau- und andere Infrastrukturprojekte in Deutschland keine Moore mehr zu entwässern. Lemke verwies in dem Zusammenhang auch auf das bereits angelaufene Vorhaben der Ampel-Koalition, den Bundesverkehrswegeplan im Zuge der Klimakrise noch einmal zu überdenken.

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