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  • Ukraine-Krieg / Ausländische Kämpfer

Söldner aus Syrien für Russlands Krieg

Niemand weiß genau, wie viele Ausländer in der Ukraine kämpfen, aber entscheidend sind sie nicht

  • Von Cyrus Salimi-Asl
  • Lesedauer: 5 Min.
Ein Angehöriger der prorussischen Truppen steht in der Nähe eines Wohnhauses in der belagerten Hafenstadt Mariupol.
Ein Angehöriger der prorussischen Truppen steht in der Nähe eines Wohnhauses in der belagerten Hafenstadt Mariupol.

Sie kommen aus Syrien, Ossetien oder Zentralasien: Ausländische Kämpfer, die für die russische Armee in den Krieg gegen die Ukraine ziehen. In den vergangenen Wochen haben viele Medien darüber berichtet. Das »Wall Street Journal« zitierte US-Beamte, wonach Russland Syrer rekrutiere, die im Städtekampf erfahren seien. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte nannte die Zahl von 40 000 Kämpfern, die auf Abruf bereit stünden. Wie bedeutend das Phänomen tatsächlich ist, bleibt unklar.

Durch die Medien geistern vor allem Zahlen über Syrer, die angeblich aufseiten der russischen Armee kämpfen wollten. Laut der Nachrichtenwebseite »Middle East Eye« hat Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu erklärt, dass schätzungsweise 16 000 Freiwillige aus dem Nahen Osten bereit seien, eingesetzt zu werden. Durch die Medien zirkulierten Berichte, wonach syrische Kämpfer aus Libyen in die Ukraine umgeleitet werden könnten; Belege gibt es dafür nicht. So berichtete »Middle East Monitor« unter Berufung auf die lokale syrische Oppositionsnachrichtenagentur »Suwayda 24«, dass Hunderte syrischer Kämpfer, die für Russland in Libyen aktiv waren, aus dem Land abgezogen und nach Syrien zurückgekehrt seien. Ob diese jedoch in den Ukraine-Krieg weitergezogen sind, ist nicht bekannt.

Die syrische Nachrichtenwebseite »Deir Ezzor 24« berichtete von Rekrutierungsaktivitäten im Osten Syriens, um Sicherheitskräfte für den Einsatz in der Ukraine anzuwerben. Gehalt: 200 bis 300 US-Dollar pro Monat, viel Geld in Syrien. Nach Angaben der Nachrichtenwebseite »Al-Monitor« rekrutieren auch die paramilitärischen Nationalen Verteidigungskräfte der syrischen Regierung in der Stadt Suqaylabiyah in der Provinz Hama. Deren Anführer Nabel Al-Abdullah, ein orthodoxer Christ, wolle Kämpfer in die Ukraine entsenden, um an der Seite der russischen Armee zu kämpfen. Al-Monitor zitierte eine anonyme Quelle, wonach »seit Mitte März« Freiwillige für den Kampf in der Ukraine registriert würden. »Sie kommen aus den ländlichen Gebieten von Hama, Homs, Deir Ez-Zor und Latakia. Abdullah hat zu diesem Zweck mehr als ein Zentrum eröffnet.« Das Monatsgehalt solle bei 2000 US-Dollar liegen. Ein junger Mann aus der nördlichen Provinz Hama, der nach eigenen Angaben »mehr als zehn Jahre lang« für die Regierung gegen die Opposition gekämpft habe, sagte gegenüber »Al-Monitor«: »Das Gehalt ist sehr verlockend. Ich bin derzeit arbeitslos und habe seit dem Ende meines Reservistendienstes bei der syrischen Armee Mitte 2021 keine Arbeit gefunden.«

Der syrische Präsident Baschar Al-Assad hat zwar kein Problem damit, dass einige seiner Staatsbürger bei einem Angriffskrieg in Europa mitmachen wollen. Schließlich bezeichnete er den Überfall Russlands auf die Ukraine als »eine Korrektur der Geschichte und eine Wiederherstellung des Gleichgewichts in der globalen Ordnung nach dem Fall der Sowjetunion«, wie es in einer Erklärung hieß. Aber offen Werbung zu machen und Syrer zum Kriegsdienst in der russischen Armee aufzufordern, das will Al-Assad dann doch nicht.

Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass es den russischen Soldaten an Kampfbereitschaft fehle, sie zu jung und ohne Kriegserfahrung seien. Könnten ausländische Kämpfer hier einen Durchbruch bewirken? »Ich glaube nicht, dass sie einen grundlegenden Wandel herbeiführen können«, sagte zum Beispiel der ehemalige Bundeswehrgeneral Erhard Bühler in einem MDR-Podcast. Im Gegenteil: Er ist der Meinung, dass sie die Lage in der russischen Armee noch komplizierter machen könnten: Wenn die ausländischen Kämpfer gewohnt seien, selbstständig zu operieren, wie zum Beispiel in Syrien, so Bühler, könne man diese nur schwer unter einen Befehl bringen. »Insofern wird es schwierig sein, eine operativ klare Linie durchzuhalten. Verbessern wird es die Lage sicherlich nicht.«

Inzwischen haben sich auch Berichte verdichtet, wonach die russische Armee Arbeitsmigranten aus Zentralasien für ihren Krieg in der Ukraine rekrutiert. So veröffentlichte die Zeitung »Ukrainska Prawda« am 1. März eine 6612-seitige Liste mit den Namen von 120 000 russischen Soldaten, die in der Ukraine kämpfen; überprüfbar ist das nicht. Diese Liste enthalte Namen, Registriernummern und Dienstorte von Militärangehörigen, darunter auch offensichtlich zentralasiatische Namen. Die englischsprachige Online-Tageszeitung »The Moscow Times« berichtete in ihrer Ausgabe vom 17. März, dass speziell Migranten aus Zentralasien, die in Russland arbeiteten, zum Kriegsdienst gelockt würden - mit der Aussicht auf einen russischen Pass. Demnach hätten seit dem 26. Februar mehr als ein Dutzend von ihnen die bekannte Bürgerrechtlerin Walentina Tschupik um Rechtsbeistand ersucht, nachdem sie unter Druck gesetzt worden waren, sich für den Vertragsdienst in der russischen Armee zu melden. Tschupik kämpft seit Jahren für die Rechte von Migranten in Russland und habe zwei Muster festgestellt, mit denen Migranten ins Visier genommen würden, präzisierte »The Moscow Times«: zum einen über angebliche Einwanderungskanzleien, die tadschikische oder usbekische Migranten telefonisch kontaktiert hätten; zum anderen durch Anwerber, die in Moskauer Metrostationen auf Rekrutenfang gingen. »Ich glaube, die russische Regierung benutzt Arbeitsmigranten als Kanonenfutter in der Ukraine«, sagte Tschupik kürzlich in einem Interview. Die Migranten würden wahrscheinlich vom Verteidigungsministerium und von Privatfirmen angeworben.

Beobachter und Militärexperten gehen davon aus, dass ausländische Kämpfer und Söldner keine entscheidende Wirkung auf dem Schlachtfeld haben. Im Vordergrund stehen wohl in erster Linie psychologische Effekte: Zum einen kann man Unterstützung für den eigenen Krieg vorweisen; zum anderen rufen Kämpfer aus bestimmten Kontexten im kollektiven Bewusstsein des Gegners mutmaßlich Schrecken hervor: Das gilt speziell für die Syrer, deren Kriegstaktik man aus den syrischen Städten kennt. Nun sollen auch die Söldner der russischen Gruppe Wagner im Krieg aufseiten Russlands mitmischen, teilte das britische Verteidigungsministerium Montagabend mit, und zwar im Osten der Ukraine. Nach Schätzungen könnten mehr als tausend Söldner für Kampfeinsätze entsandt werden. Die Gruppe Wagner war unter anderem in Libyen im Einsatz.

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