In Marseille wird Multikulti gelebt

Migranten kämpfen in der französischen Hafenstadt gegen Vorurteile und rechte Präsidentschaftskandidaten

  • Giorgia Grimaldi, Marseille
  • Lesedauer: 8 Min.

Saint Charles. Erst quietscht er, dann rattert er und nach den letzten Metern kommt der Zug polternd am Gleis K zum Stehen. Die Türen öffnen sich, Menschen quetschen sich heraus. Sie fingern an ihren Taschen, hadern mit schwerem Gepäck. Der Bahnhof in Marseille ist für manche ein Sehnsuchtsort, das Sinnbild der Wanderlust und Abenteuer. Für andere ist er die Endstation einer gescheiterten Existenz. Und das erste Kapitel eines Neuanfangs.

Zwei junge Männer steigen aus. Ahmed und Mamadou haben keine Koffer, nur jeweils einen Rucksack. Sie tragen Sneaker, Jeans und Pulli. Ihr schlaksiger Gang passt nicht so recht zu ihrem erschöpften Gesichtsausdruck. »Wo geht es nach Noailles?«, fragen sie auf Französisch mit starkem Akzent die Dame am Informationsschalter. Danach gehen sie aus der Halle in die Abenddämmerung. Auf der Aussichtsplattform sehen sie erstmals Marseille. Möwen gleiten durch die Luft, während ein penetrantes Hupkonzert den Berufsverkehr einläutet. Auf der anderen Seite der Metropole strahlt »La Bonne Mère«, die Marienstatue der Kathedrale Notre-Dame-de-la-Garde, auf die Stadt herab. »Sie passt auf alle auf«, sagen die Einheimischen. Nach den vielen Monaten der Ungewissheit liegen zwischen den Jugendlichen und der Stadt, von der sie sich ein besseres Leben erhoffen, nur noch die 104 Stufen der imposanten Bahnhofstreppe.

Rückblick, 27. November 2021. »Und schön tief rein«, faucht der Präsidentschaftskandidat eine Frau an und streckt ihr seinen manikürten Mittelfinger ins Gesicht. Eric Zemmour ist in Rage. Gerade erst kam er mit seinem Wahlkampfteam aus einem Restaurant im Alten Hafen. Ein paar Sekunden später nähert sich eine brünette Frau. Sie zeigt ihm medienwirksam den Mittelfinger. Zemmour, dem scheinbar keine bessere Reaktion einfällt, antwortet mit derselben rüden Geste. Es klickt und blitzt, die Menge grölt, für die anwesenden Fotografen ein Traum. Für die Kampagne des rechtsradikalen Kandidaten ist es ein Desaster. Eigentlich wollte Zemmour die Bürger Marseilles von seinem Programm überzeugen, stattdessen liefert sich der ehemalige Journalist, Polemiker und nun auch Kandidat für das französische Präsidentschaftsamt am letzten Tag seines Aufenthaltes in der zweitgrößten und ältesten Stadt Frankreichs ein Stinkefinger-Duell.

Zwölf Anwärter kämpfen im April um den Einzug in den Élysée-Palast. Neben dem amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron rechnen sich auch Valérie Pécresse, Kandidatin der Republikaner, und Marine Le Pen, Vorsitzende des rechtsextremen Rassemblement Nationale, Chancen auf einen Sieg aus. Ebenfalls im Rennen ist der Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon, der in manchen Erhebungen auf dem dritten Platz hinter Macron und Le Pen liegt. Während die Frauen Pécresse und Le Pen das rechte Spektrum »entdiabolisieren« wollen, setzt der wegen Volksverhetzung bereits mehrfach verurteilte Zemmour auf einen unverblümt rassistischen Diskurs. Der kommt bei einigen Franzosen gut an. Die Umfragen sehen Zemmour bei zehn bis zwölf Prozent. Ebenso wie Pécresse steht Zemmour damit nur knapp hinter Mélenchon.

Mit Zemmour als Präsident würde ein anderer Wind in Frankreich wehen. Er will nicht nur »unerwünschte Ausländer« abschieben, sondern auch das Geburtsortsprinzip abschaffen, das in Frankreich geborenen Kindern ausländischer Eltern die französische Staatsbürgerschaft garantiert. Außerdem sollen diese Kinder per Gesetz nur noch französische Namen tragen. Und das ist nur der Anfang seiner angestrebten »Reconquête«, einer Rückeroberung, nach der er auch seine Partei benannt hat. Marseilles Antwort auf diese Vorschläge fällt knapp aus: »Zemmour, verpiss dich! Antirassistisches Marseille!« Mit diesen Parolen begleiten Demonstrierende den Konvoi des Kandidaten durch die Stadt.

Marseille wurde bis 2020 vom konservativen Bürgermeister Jean-Claude Gaudin regiert. Inzwischen haben linke und sozialdemokratische Politiker das Sagen. Die »Ausländerquote« in Marseille beträgt rund elf Prozent und liegt damit vier Prozentpunkte über dem nationalen Durchschnitt. Italiener, Armenier, Portugiesen, Maghrebiner und Komorianer bilden die größten ausländischen Gemeinden. Die Hafenstadt ist multikulturell. Das wird Zemmour wohl auch klar, als er ernüchtert den Zug zurück nach Paris nimmt. Einige Demonstrierende winken ihm nach.

Zurück in Saint Charles. »Treppe runter und gleich rechts abbiegen«, hat die Frau gesagt. Kreuzung überqueren – »Attention!«, ein Scooter schneidet den beiden Jungen scharf den Weg ab – und dann links. Dann dem Straßenverlauf folgen. Die Canebière, die historische Straße der Altstadt, führt sie direkt in das Viertel Noailles, das auch der »Bauch von Marseille« genannt wird. Frauen bieten am Straßenrand duftenden Minz-Tee an, asiatische und afrikanische Märkte reihen sich an zahlreiche Halal-Metzgereien. An der Ecke Canebière und Boulevard Garibaldi befindet sich die Polizeistelle. Hier, am Treffpunkt für minderjährige Migranten, warten die beiden Jungen. Jeden Abend kommen freiwillige Helfer, die ihnen eine Unterkunft und einen Platz in der Schule besorgen.

Junge Migranten müssen oft als Sündenböcke herhalten

Ahmed und Mamadou sind »unbegleitete Minderjährige«, die laut Gesetz schutzbedürftig sind und nicht abgeschoben werden dürfen. Eric Zemmour stellt Jugendliche wie sie öffentlich unter Generalverdacht, nennt sie in TV-Auftritten mehrfach »Diebe, Vergewaltiger und Mörder, die hier nichts zu suchen haben«, und den Staat jedes Jahr 50 000 Euro kosten würden. Marine Le Pen und Valérie Pécresse haben ebenfalls kaum nette Worte für sie übrig.

Es ist kurz vor 21 Uhr, als Romain und Anaïs, zwei freiwillige Streetworker des Vereins Ramina eintreffen. Vier junge Männer warten vor dem Präsidium. »Woher kommt ihr?« »Wie alt seid ihr?« »Unter welcher Telefonnummer seid ihr zu erreichen?« Sie notieren sich die Antworten in einem kleinen Notizbuch. Mamadou und Ahmed kommen aus Guinea, der dritte Junge kommt aus der Türkei, der vierte aus Mali. Die vier Geflüchteten sind alle zwischen 14 und 17 Jahre alt.

Romain sagt, ein freiwilliger Helfer im Norden der Stadt könne zwei Personen für die nächsten Tage bei sich aufnehmen. Der Verein betreibt ein Netzwerk von 200 Freiwilligen. Darunter sind etwa 50 aktive »Hosts«, die minderjährige Migranten bei sich aufnehmen oder helfen, eine Unterkunft zu organisieren. Wenn Ramina nicht alle einquartieren kann, ruft die Polizei bei der Dimef an, eine soziale Einrichtung des Departements Bouches-du-Rhône, die für die sichere Unterbringung Minderjähriger zuständig ist. Allerdings dauert es manchmal Wochen, bis ein Platz frei wird. Im vergangenen Winter waren es bis zu sechs Monate. Hat die Dimef keine Kapazitäten, werden Obdachlosenunterkünfte abtelefoniert. Es gibt aber noch eine dritte Option. Romain nimmt sie bei sich auf. Das kommt oft vor und wird wohl auch heute Abend die Lösung sein. »Romain ist ein bisschen wie Raminas Dimef«, scherzt Anaïs.

Eine Woche später im Sozialzentrum Coco Velten. Zwei Mal pro Monat organisiert Raqmina eine Infoveranstaltung, um Menschen zu sensibilisieren und Gastgeber für die Jugendlichen zu finden. Meistens kümmert sich Carole Marek darum. Sie arbeitet hauptberuflich als Juristin. Ihr Herz hängt aber bei den Jugendlichen. Sie gibt Ihnen Französisch-Unterricht. »Aber ich bringe Ihnen nicht nur Grammatik-Regeln bei, ich erkläre Ihnen auch die Codes für das gesellschaftliche Leben in Frankreich.«

650 Jugendliche, meistens junge Männer aus afrikanischen Ländern südlich der Sahara, hat der Verein im letzten Jahr betreut, ihnen eine Unterkunft und einen Schul- oder Ausbildungsplatz organisiert. Heute Abend sind 15 Menschen zu dem Treffen zusammengekommen. Carole weiß, dass es gewisse Vorurteile aus dem Weg zu räumen gilt. »Es gibt keinen Zusammenhang zwischen einer steigenden Kriminalität und jungen Migranten. Ich arbeite mit Hunderten von Ihnen und kenne keinen Einzigen, der sich etwas zuschulden hat kommen lassen.«

Die jungen Männer wüssten genau, dass sie ein tadelloses Dossier vorlegen müssen, um bleiben zu können. Und sie sind über das politische Klima in Frankreich informiert. Ihnen ist bewusst, dass sie oftmals als Sündenböcke herhalten müssen. »Man interessiert sich eben für Politik, wenn man aus diktatorischen und autokratischen Systemen flieht«, erklärt Carole.

Zum Schluss lässt sie einen jungen Mann selbst erzählen. »Mein Name ist Souleyman. Ich bin 15 Jahre alt und komme aus Conakry in Guinea. Seit ungefähr sechs Monaten bin ich in Marseille.« Er verließ Guinea, weil man ihm sagte, in Europa sei das Leben besser. Dort gebe es ein Gesundheitssystem, Arbeit und Strom. »Um von Guinea, über Mali nach Algerien zu kommen, musst du meistens laufen. Zwei, drei Nächte. Am Tag wirst du ausgewiesen, wenn dich jemand erwischt.« Dann ging es weiter nach Libyen. »Dort versuchte ich zweimal, das Meer zu überqueren. Aber die libyschen Seeleute haben uns geschnappt. Ich saß zwei Monate im Gefängnis von Zaouïa. Das andere Mal war ich in Tripolis, als sie uns schnappten. Dort, im Gefängnis Tréssica, habe ich drei Monate gesessen. Wir wurden geschlagen, wir bekamen pro Tag ein Brot, das Wasser war nicht trinkbar.«

Der dritte Versuch war erfolgreich. »Ich bin einen Monat in Italien geblieben, auf einem Campo. Die Behörden wollten, dass wir die italienische Sprache lernen, um bleiben zu können. Ich sagte ›c'est le français‹, weil ich aus einer früheren französischen Kolonie komme. Also nahm ich den Zug nach Marseille.« Souleyman lächelt. »Hier kannst du Maler werden, Schweißer, es gibt alles. Deshalb würde ich gerne einen Beruf erlernen, wenn ich groß bin«, sagte er und erinnert sein betroffenes Publikum somit auch daran, dass er eigentlich noch ein Kind ist. Doch Souleyman ist noch nicht fertig. »Die Menschen in Marseille sind gut zu uns Immigranten. Sie geben uns etwas zu essen, einen Platz zum Schlafen und gehen mit uns in Krankenhäuser. Aber ich habe der französischen Regierung etwas zu sagen. Wenn du Einwanderer siehst: Denk nicht, sie sind gekommen, um zu faulenzen. Denk nicht, sie sind gekommen wegen der Sozialhilfe. Sie sind wegen der Arbeit gekommen, um zu lernen und zu arbeiten«, betont er. »Egal ob Minderjährige oder Volljährige, man sollte die Aufnahme und die Papiere für alle erleichtern. Und uns eine Chance geben.«

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