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Seeadler und Monsterkeiler

Der Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft verspricht Natur im Überfluss - ein Tag im Osten von Zingst

  • Von Ekkehart Eichler
  • Lesedauer: 5 Min.
Das Windwatt „Der Bock“ ist einzigartig an der deutschen Ostseeküste und nur aus der Luft gut zu sehen.
Das Windwatt „Der Bock“ ist einzigartig an der deutschen Ostseeküste und nur aus der Luft gut zu sehen.

Ein durch und durch friedlicher Morgen. Überm Bodden bohrt sich die Sonne gerade durch graues Gewölk und vergoldet das Wasser vor der Insel Kirr. Die Bäume dahinter verschwimmen im Dunst - sie stehen auf der Schwesterinsel Barther Oie. Plötzlich aufgeregtes Geschnatter. Ein Schwarm Weißwangengänse steigt kreischend auf hinterm Deich. Hunderte bildschöne Vögel - aufgeschreckt von was auch immer -, die sich gar nicht beruhigen wollen und mehrere fotogene Flugrunden hinlegen, bevor sie wieder landen in der Senke zwischen Deich und Straße. Natur vom Allerfeinsten. Keine zehn Gehminuten vom Zingster Zentrum entfernt.

Ein Auftakt nach Maß. Das findet auch Friedemann Bartz. Der ehemalige Ranger ist seit ein paar Jahren im Ruhestand, doch »sein« Nationalpark lässt ihn nicht los. Er kennt alles, was hier kreucht und fleucht, fließt und sprießt. Und hat noch immer Spaß daran, dieses Wissen zu teilen. Ob Hirschbrunft oder Kranichrast, ob Vogelwelt oder Dünenwunder - mit Lust und Leidenschaft weiht er Gäste ein in die Geheimnisse des Nationalparks Vorpommersche Boddenlandschaft.

Sein heutiges Ziel ist der lange Zipfel östlich von Zingst bis zum berühmten Kranich-Hotspot am Pramort. Ein strammes Tagesprogramm: Weil ab Ranger-Station nur noch Tippelbrüder und Pedalritter weiter dürfen. Weil unterwegs so viel zu sehen ist. Und weil immer wieder Überraschungen den Zeitplan schreddern. Das Rudel Damwild auf freier Wiese etwa, das ausgiebig geknipst werden muss. Die Nachbarsfamilie mit Albino-Kind, die in aller Seelenruhe mehrmals die Straße kreuzt. Oder der rege Flugverkehr über Deich und Flur: Mal steigt ein Milan in die Lüfte, mal geht ein Bussardpaar auf Jagd, mal schießt ein Schwarzspecht aus einem Baum wie eine Rakete. Von all den flatternden Gänsen und schnatternden Enten ganz zu schweigen.

Ex-Ranger Friedemann Bartz mit großer Optik: Für beste Tierbeobachtungen empfehlen sich Geräte, mit denen man weit gucken kann
Ex-Ranger Friedemann Bartz mit großer Optik: Für beste Tierbeobachtungen empfehlen sich Geräte, mit denen man weit gucken kann

Schon im Osterwald könnte man Stunden verbringen. Heute reicht’s nur für einen Abstecher zu den Urweltmammutbäumen und dem uralten Regenmoor, das gerade aufwendig renaturiert wird. Zehn Fahrradminuten später wird’s gespenstisch: Kreidebleiche Baumgerippe stehen wie Zahnstocher-Soldaten in azurblauem Wasser. »Der Außendeich zum Meer wurde vor einigen Jahren geschlitzt«, erklärt Bartz das surreale Szenario, »dadurch kommt bei höherem Pegel Wasser aus der Ostsee rein. Alle Bäume sind dann einfach ertrunken, die kannten solche nassen Füße nicht. Heute ist dieses Überflutgebiet ein tolles Revier für Watvögel, Gänse und Enten. Und unser kleinster Lappentaucher brütet hier auch ganz erfolgreich.«

Ein paar Hundert Meter weiter. An der Schilfkante macht sich ein Seeadler an etwas zu schaffen. Ein Beutetier, vermutet Friedemann, und richtig: Das Super-Tele enthüllt eine Graugans, die der Adler in aller Seelenruhe zerrupft. Was den begeisterten Guide nun wiederum inspiriert zu einem fesselnden Vortrag über das Nationalpark-Markenzeichen: »Der Seeadler kann aus zwei Kilometern Entfernung ein Kaninchen erkennen. Er hat einen Tötungszirkel - so nennt man die Fangspannweite - von bis zu 14 Zentimetern mit messerscharfen Krallen dran. Und er frisst praktisch alles. Er schlägt Vögel bis Graugansgröße. Er schlägt Säugetiere - kranke Rehe zum Beispiel sind für ihn kein Problem. Er schlägt Fische, und wenn die Beute zu schwer zum Fliegen ist, schleppt er sie mit den mächtigen Flügeln rudernd an Land. Und Graugänse auf dem Wasser drückt und taucht er so lange unter, bis sie ertrinken.«

1910 war der Seeadler in Deutschland fast ausgerottet. Heute weist MeckPomm die mit Abstand größte Population in Deutschland auf.
1910 war der Seeadler in Deutschland fast ausgerottet. Heute weist MeckPomm die mit Abstand größte Population in Deutschland auf.

Bartz erzählt, dass der Seeadler 1910 mit nur noch ganzen 15 Brutpaaren im Land fast ausgerottet war. Dass in den 1960ern das berüchtigte Pflanzenschutzmittel DDT die Schalen der Eier so dünn und brüchig werden ließ, dass die Vögel ihre eigenen Küken erdrückten. Dass MeckPomm heute die mit Abstand größte Population in Deutschland aufweist. Weniger erfreulich: Ein Drittel aller Adler stirbt an Bleivergiftung. Weil man nicht alles erlegte Wild findet, wird es oft Beute für die Vögel, die es aus luftiger Höhe mit ihren Laseraugen erspähen. Beim Fressen fängt der Adler am Schusskanal an und nimmt dabei Bleipartikel auf. Dieses Blei zersetzt sich im Magen und wandert ins zentrale Nervensystem. Die Folge: »Der Vogel wird blind, und ein blinder Greifvogel ist ein toter Greifvogel.« Und so weiter und so fort. Wildlife-Hochspannung in ungezähmter Natur und am konkreten Objekt - genau so, wie es hier sein soll. Stunden später auf dem Rückweg zeugen nur noch ein paar Federn und Knochen von Seeadlers Fress-Fest.

Zum nächsten Höhe-Punkt geht es nur zu Fuß. Der neue Vier-Kilometer-Rundweg - sogar mit modernem Toilettenhäuschen - führt vom Fahrradparkplatz zur Hohen Düne und zum Pramort. Oder umgekehrt. Auf einem erstklassigen Holzbohlenlaufsteg, der aber auch nicht verlassen werden darf, geht es direkt hinein in die Wunderwelt des größten Weißdünenfeldes an der deutschen Ostseeküste. Mit der 13 Meter hohen Düne als Finale. Unberührte Landschaft, wie der Blick von der Aussichtskanzel verrät. Was nicht zu sehen ist: Der Nordstrand vor der Monsterdüne »füttert« unablässig das an der Ostsee einmalige Windwatt gleich nebenan - auch darüber weiß Bartz eine Menge zu sagen. Sehen kann man es nur aus der Luft, aber auch dafür wird gesorgt: mit Halbinsel-Rundflügen ab Flughafen Barth.

Dass er auf dem Windwatt bei einem Vogel-Monitoring übrigens auch mal dem mit Abstand größten Keiler seines Lebens begegnete, ist eine weitere seiner fesselnden Nationalpark-Geschichten. »Plötzlich stand er vor mir, maximal 15 Meter entfernt. Massiv wie eine Anbauwand und mit riesigem Gewaff. Auge in Auge, Zahn um Zahn haben wir uns angestarrt. Gefühlt minutenlang. Dann hat er abgedreht. Vielleicht hatte er mehr Angst als ich.« Diese Geschichte samt Fotos machte natürlich die Runde. Und fortan hatte das Tier seinen Namen weg. Ob Keiler Friedemann immer noch lebt, weiß der echte Friedemann nicht, als »Promi« steht er jedenfalls unter striktem Abschuss-Schutz.

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