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  • »Wo in Paris die Sonne aufgeht«

Göttliche Spiele

Neben-, mit- und ineinander: Jacques Audiards Film »Wo in Paris die Sonne aufgeht« macht die verdichtete Stadt zur Metapher

  • Von Stefan Gärtner
  • Lesedauer: 5 Min.

Reden wir über Verleihtitel, nämlich die aus Deutschland: »Wo in Paris die Sonne aufgeht« heißt im Original »Les Olympiades«. Der englische Filmtitel lautet »Paris, 13th District«, denn es geht um das bei Wikipedia als »multikulturell« ausgewiesene, eher unglamouröse 13. Arrondissement von Paris, genauer: um »Les Olympiades«, ein Ensemble von Wohnhochhäusern mit Piazza und Geschäftsanschluss, das in den späten 60er und frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts jene Idee der »verdichteten Stadt« in Beton goss, von der heute wieder die Rede ist. Dass das Signalwort Paris in den Titel muss, geschenkt, aber die Sonne geht auch in Paris im Osten auf, und das 13. Arrondissement liegt schon eher im Süden. Falls man es nicht zum Stadtbezirk der aufgehenden Sonne erklären will, weil es das asiatische Viertel ist, Chinatown.

Kann das so dumm gemeint sein? Auch wenn es, anders als im ebenfalls an dem Ort spielenden »Made in China«, so gut wie gar nicht um Identitätsprobleme und »Wurzeln« geht? Sondern, weil das halt nicht totzukriegen ist, um Liebe und Begehren, Freiheit und Nähe, Sehnsucht und Erfüllung? Darum, dass sich die junge Émilie in ihren neuen Mitbewohner Camille verliebt, der aber auf Beziehung keine Lust hat und im Verlauf mit der naiven, gehemmten Nora von außerhalb anbandelt, die wiederum Gefühle für eine Porno-Chatterin entwickelt, der sie zum Verwechseln ähnlich sieht und in deren offensiver Körperlichkeit sie ihr mögliches Selbst erkennt?

Liest man das so, lässt sich gar nicht ermitteln, wer hier schwarz ist, wer weiß und wer eine chinesische Oma hat und dass Camilles kleine Schwester ein Trikot trägt, auf dem auf Deutsch »Powerwölfe« prangt, ist nicht die Illustration einer sozialen Schwierigkeit. Camilles Vorname ist geschlechtlich nicht eindeutig, woraus sich die Affäre mit Émilie, die mit einer Frau wohnen wollte, überhaupt erst ergibt. Gewissermaßen besteht »Les Olympiades« darauf, die Prob-lemfilme zu sein, die er nicht ist. Es gibt kein Klischee in diesem Film, und dass der deutsche Verleih das bedauert, zeigt, er hat den Film nicht verstanden.

Paris ist ja immer noch die Welthauptstadt des 19. Jahrhunderts, und ihre Kulissenhaftigkeit hat Woody Allen in »Midnight in Paris« schön ironisiert. Das Paris, das Regisseur Jacques Audiard aufruft, ist das der Nouvelle Vague. Dass er seinen Film, der auf einer Serie von Graphic Novels des New Yorkers Adrian Tomine beruht, in Schwarz-Weiß gedreht hat, zitiert den Inbegriff französischen Kinofortschritts und meint »Moderne« als etwas Zeitloses, von je waltender Modernität ganz Unabhängiges. Modern ist Émilies Dating-App; modern sind die ständigen »haarsträubenden Reformen«, derentwegen der Literaturwissenschaftler Camille die Schule, an der er bisher unterrichtete, verlässt; modern ist das Cybermobbing, dem Nora, der erwähnten Ähnlichkeit wegen, zum Opfer fällt. Das aber hat mit der ewigen, aus Melancholie und Optimismus gebauten Moderne nichts zu tun, deren Stimmung Audiard renoviert und die von Hautfarbe und Identitätssorgen so wenig wissen muss wie von Technikkritik: Dass und wie Nora an den Pranger gerät, ist so plakativ und hergeholt, dass es wie ein plot-gerechtes Verhängnis wirkt, nicht wie ein politischer Kommentar.

In der Pointe des Films, die mit einer ordinären Haussprechanlage zu tun hat, finden die Motivstränge des Films dann glücklich zusammen. Liebe ist ja Zuhausesein, und auch darum geht der deutsche Titel, der aus der nüchternen (und just darin aufs Romantische weisenden) Ortsbezeichnung eine wahllos-kitschige Parole macht, so fehl. Nora, die aus dem Immobiliengeschäft kommt und in ihrem Körper, wie man so sagt, nicht recht zu Hause ist, trifft auf Camille, als der im Immobilienbüro eines Freundes aushilft; Émilie lebt in der Eigentumswohnung, die der dementen Oma gehört und, als sie stirbt, verkauft werden soll. Überhaupt wird viel aus- und umgezogen, und wenn ein Pärchen »sich vielleicht noch mal das Haus ansieht«, geht es sowohl um Kundschaft als auch um das fad arrivierte Leben, das außerhalb des 13. Bezirks vermutet werden darf. Was nach öder Quartiersverklärung klingt, ist keine. Denn während die Feier von »Kiez« bloß dem Romantikbedürfnis des Wohlstandsbürgertums geschuldet ist, steht hier etwas Modell, noch immer oder schon wieder: Zwar mögen die sauber schwarz-weißen Bilder die Jahre kaschieren, in die die Olympiades gekommen sind; wer aber ahnt, was die vier Zimmer Haussmann-Altbau kosten, die Nora einem Kunden zeigt, weiß, dass die Zukunft des Stadtlebens mit dem verdichteten Neben-, Mit- und Ineinander (sic!) viel mehr zu tun hat (und haben darf) als der verklemmte Rückzug in die bürgerliche Festung.

Denn auch das haben Liebe und Wohnen, Körper und Appartement gemeinsam: dass sich niemand nach den Einrichtungstipps der romantischen Komödie richten muss. »Olympisch« heißt im Übrigen auch »göttlich«, und wer sich unversehens nach Audiards Paris sehnt, sehnt sich nach einer Welthauptstadt, die mit dem Thalys zu erreichen wäre.

»Wo in Paris die Sonne aufgeht«: Frankreich 2021. Regie: Jacques Audiard. Buch: Jacques Audiard, Léa Mysius, Céline Sciamma. Mit: Noémie Merlant, Lucie Zhang, Jehnny Beth, Makita Samba. 106 Minuten. Start: 7. April.

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